Foto: Gerd Altmann / Pixelio
Berlin – Ein paar Schritte zum Fernseher, zum Fenster, oder zum Kühlschrank: Es sind kurze Gänge, aber sie halten die Gelenke alter Menschen in Schuss. In den eigenen vier Wänden bewegen sich Senioren mindestens ein wenig und das regelmäßig. Mit dem Einzug ins Altenheim ist damit häufig Schluss. "Den Leuten wird zu viel abgenommen", kritisiert die Pflegewissenschaftlerin Angelika Zegelin. Alle Bewohner eines Heims würden rundum versorgt. Ein Fehler mit Folgen, sagt die Expertin von der Universität Witten/Herdecke.
"40 bis 50 Prozent der Leute können ein Jahr nach dem Einzug ins Altenheim nicht mehr selbst gehen und stehen", klagt Zegelin, die seit zehn Jahren die Mobilität alter Menschen erforscht. Mit ihrem Programm "Mobilitätsförderung in der Altenpflege" hat sie in Bayern und Berlin bereits eine Reihe von Einrichtungen auf den Prüfstand gestellt. Nun will sie nordrhein-westfälische Seniorenheime umgestalten.
Der schrittweise Verlust der eigenen Beweglichkeit setze vielfach unmittelbar nach dem Einzug in ein Seniorenheim ein, sagt Zegelin. "Viele erleben den Umzug in ein Heim als eine Serie von Verlusten und Kränkungen und ziehen sich dann in ihr Zimmer zurück." Traurigkeit und das Gefühl, abgeschoben zu werden, ließen viele alte Menschen auch physisch verkümmern, glaubt sie. "Die körperliche Bewegung folgt der seelischen."
Die Pflegewissenschaftlerin fordert ein besseres "Einzugs-Management". Bei der Ankunft im Seniorenheim müssten die motorischen Fähigkeiten jedes Bewohners genau geprüft werden. Was vorher noch selbst gemeistert wurde, solle dann auch weiter eigenständig gemacht werden können, lautet ihr Credo.
Die Realität sieht vielerorts auch aufgrund der Belastung des Pflegepersonals anders aus. Es drohe ein Teufelskreis, sagt Zegelin: Sobald ein Bewohner wegen Gebrechlichkeit erst einmal im Rollstuhl sitze, werde er überall nur noch hingefahren. Das spare Zeit und Kraft. Immer seltener stünden die Bewohner dann aber auf den eigenen Füßen, bis das Laufen am Ende wirklich nicht mehr funktioniere, beschreibt Zegelin.
Mit ihrem Programm will sie den Alltag im Seniorenheim aufpeppen. Ihr Ziel: die Menschen mindestens in ihrer unmittelbaren Umgebung, beispielsweise im eigenen Zimmer, mobil zu halten. Dabei setzt Zegelin bewusst Anreize zur Bewegung: "Wenn etwas Interessantes passiert, nimmt man auch den Schmerz beim Bewegen in Kauf", sagt sie. In mehreren Heimen hat sie Spazierpfade quer über das Heimgelände angelegt, die die Bewohner nach draußen locken sollen. Egal, ob Strandkorb oder Kostümecke: "Mir ist wichtig, dass Leben in die Bude kommt."
Die größte Sorge vieler Älterer sei der Verlust der eigenen Unabhängigkeit. Mobilität sei ein Garant für Autonomie, sagt sie. Mit Hilfe des sogenannten "Drei-Schritte-Programms" könne alten Menschen ein Stück Beweglichkeit zurückgegeben werden. Die Idee ist denkbar einfach: Bewohner sollten mit dem Rollstuhl nicht direkt bis zum Ziel gefahren werden, sondern die letzten drei Schritte selbst gehen. Aus den drei Schritten könnten dann vielleicht bald sechs werden, erklärt Zegelin.
Nach Ansicht der Pflegewissenschaftlerin muss sich auch in den Köpfen der Menschen etwas tun. "Die Leute müssen wegkommen von der Einstellung, dass das Altenheim die Endstation des Lebens ist", sagt sie. Auch Angehörigen müsse erklärt werden, wie wichtig jeder einzelne Schritt sei. Aus Angst vor Stürzen und möglichen Klagen traue das Pflegepersonal den alten Menschen mitunter auch zu wenig zu. "Man ist froh, wenn die Leute sitzen", sagt Zegelin.
Auch Kontrollinstanzen sollten der Expertin zufolge ein Auge darauf haben, ob die Beweglichkeit der Bewohner eines Heims gefördert werde. "Für alles gibt es Auflagen, nur nicht für die Mobilität", beklagt sie. Sie wünsche sich, dass die Förderung der Mobilität ein Qualitätskriterium von Altenheimen werde. (dapd)
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