Aktuelle Nachrichten – China - Menschenrechte
19.01.2009
Als einen Tag der „Befreiung vom Feudalismus“ sollen die Tibeter in Zukunft den 28. März feiern. Es ist der Tag der Niederschlagung ihres Aufstandes gegen chinesische Truppen vor 50 Jahren. Nun sollen sie diese Tragödie feiern, mit einem von Chinas Zentralregierung verordneten nationalen Feiertag. Das habe das Parlament in Tibet beschlossen, berichtete die Nachrichtenagentur Xinhua am Montag. Die 382 Abgeordneten hätten einstimmig den 28. März zum Feiertag bestimmt, wurde der Direktor des Ständigen Ausschusses des Parlaments, Legqog, zitiert.
Als "Skandal" bezeichnet die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) die Pläne der chinesischen Regierung, der Flucht des Dalai Lama und der sogenannten "Befreiung" Tibets vor 50 Jahren mit einem Feiertag zu gedenken. "Wer den 28. März feiert, verhöhnt die 86.000 Tibeter, die beim Volksaufstand in Tibet vor 50 Jahren gewaltsam zu Tode kamen", kritisiert der GfbV-Asienreferent Ulrich Delius. Es gebe keinen Grund, Chinas völkerrechtswidrige Besetzung zu feiern. Der 28. März 1959 sei ein "schwarzer Tag" in der Geschichte Tibets und Chinas, der unendliches Leid verursacht habe.
Damals war der Dalai Lama, das geistliche Oberhaupt der Tibeter, vor den angreifenden chinesischen Truppen ins Exil nach Indien geflohen. Am 28. März 1959 erklärte China die tibetische Regierung für aufgelöst, gleichzeitig wurde die Autonome Region Tibet unter kommunistischer Herrschaft eingerichtet. Nach chinesischer Darstellung war Tibet schon immer ein Teil Chinas. Viele Tibeter erklären hingegen, ihr Land sei über Jahrhunderte praktisch unabhängig gewesen.
Die Erinnerung an den Volksaufstand sei für die meisten Tibeter noch immer sehr lebendig, sagt Ulrich Delius (GfbV).
Die Tibet Initiative Deutschland e.V. (TID) ist empört und alarmiert: "Diese Entscheidung ist nicht nur zutiefst zynisch angesichts des grenzenlosen Leids, das die chinesischen Besatzer über Tibet gebracht haben. Gerade im Licht der Proteste des letzten Jahres spielen die chinesischen Behörden mit dem Feuer, wenn sie die tragischen Ereignisse des März 1959 zum Anlass von Feierlichkeiten nehmen", erklärt Wolfgang Grader, Vorsitzender der TID. Jedes Jahr am 10. März gedenken die Tibeter weltweit des Volksaufstands von 1959, der gewaltsam beendet wurde, Tausende von tibetischen Opfern sowie die Flucht des Dalai Lama zur Folge hatte und bis heute das Schicksal des tibetischen Volks bestimmt.
"Seit letztem Jahr sind die Repressionen in Tibet extrem verschärft worden", sagt Grader weiter. "Fünfzig Jahre nach dem gescheiterten Aufstand gegen die chinesische Fremdherrschaft ist die Not und Verzweiflung der Tibeter so groß wie seit Jahren nicht. Wir befürchten eine erneute Eskalation der Lage in Tibet, wenn China weiter die Gefühle der Tibeter mit Füßen tritt."
Die TID ruft die Bundesregierung und die internationale Staatengemeinschaft auf, im Dialog mit Peking darauf zu drängen, auf solche unnötigen und gefährlichen Provokationen des tibetischen Volks zu verzichten. Im eigenen Interesse einer stabilen Lage in Tibet muss die chinesische Führung dazu ermutigt werden, endlich einen Kurs der Annäherung zu wählen.
Hintergrund: Nachdem chinesische Truppen 1950 Tibet völkerrechtswidrig besetzt hatten, wuchs Ende der 50er-Jahre der Widerstand gegen Chinas Besatzungspolitik. Der Volksaufstand brach 1959 aus, da die tibetische Bevölkerung befürchtete, der Dalai Lama solle von chinesischen Truppen entführt werden. 300.000 Tibeterinnen und Tibeter versammelten sich am 10. März um die Residenz des Dalai Lama, um ihn zu schützen. Am 12. März marschierten 5.000 tibetische Frauen mit Spruchbändern durch die tibetische Hauptstadt, auf denen sie "Tibet den Tibetern" forderten. Barrikaden wurden in den Straßen errichtet. Vom 15. März an brachten chinesische Soldaten schwere Geschütze in der Umgebung Lhasas in Stellung.
Der Dalai Lama floh am 17. März verkleidet als Soldat nach Indien. Zwei Tage lang lieferten sich Tibeter und chinesische Soldaten ab dem 19. März schwere Kämpfe. Tausende Männer und Frauen wurden bei den Kämpfen in Lhasa getötet. Wertvolle Klöster wurden von chinesischer Artillerie beschossen, tausende Mönche wurden verschleppt, um Zwangsarbeit zu leisten, oder sofort erschossen.
(ap/rls)
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