Die Kinder von heute: Haben Smartphones eine Generation zerstört?

Seitdem das erste iPhone 2007 erschien, stieg die Selbstmordrate und Depressivität bei Teenagern massiv an. „Ich glaube, wir mögen unsere Smartphones mehr, als echte Menschen“, gesteht ein Mädchen aus den USA in einem Artikel, der das Tabu-Phänomen untersucht.

Teenies von heute werden viel später unabhängig, haben weniger Freunde, sind häufiger depressiv und suizidal. „Haben Smartphones eine Generation zerstört?“ fragt deshalb die US-Psychologin Dr. Jean M. Twenge in der Septemberausgabe des US-Magazins The Atlantic.

Die Antworten der Buchautorin sind so ausführlich, wie unangenehm. Sie zitiert mehrere aussagekräftige Studien und lässt die Jugendlichen selbst zu Wort kommen.

Wir hatten keine Chance ein Leben ohne iPads oder iPhones kennenzulernen. Ich glaube, wir mögen unsere [Smart]phones lieber als echte Menschen.”

„Ich bin mehr mit meinem [Smart]phone zusammen gewesen, als mit echten Menschen. Mein Bett hat einen Körperabdruck von mir“, sagt eine befragte Jugendliche, deren Lebensstil exemplarisch für die (nicht nur) amerikanische Jugend ist.

Immer online – aber im echten Leben inaktiv

Wirklich beunruhigend an Twenges Thesen ist nicht, wie man vielleicht erwarten würde, der Extremfall („Kind nach Handyspielen von Pädophilen entführt“ oder „Teenager unbemerkt radikalisiert und zum IS durchgebrannt“). Es ist vielmehr die Beeinträchtigung von Lebensqualität und Gesundheit des durchschnittlichen Nutzers an sich, die nachdenklich stimmt. Schon in ihrem Buch „Generation Me“ zeigte sie auf, wie moderne Technologien dafür sorgen, dass der Narzissmus zunimmt. Junge Amerikaner seien selbstsicherer und durchsetzungsfähiger, gleichzeitig aber unglücklicher als jede Generation zuvor. Twenge untersuchte die Generationen im Vergleich und stellte massive Auffälligkeiten bei der Generation fest, die sie „iGen“ nennt – die „Generation iPhone.

Neugierig befragte sie ihre Studenten, was sie mit dem Smartphone täten, wenn sie schlafen gingen. Fast alle schliefen mit dem Gerät, legten es unter das Kopfkissen oder die Matratze. Das letzte was sie vor dem Schlafen sahen, war das Smartphone und morgens weckte es sie auf. Wenn sie nachts aufwachten, beschäftigten sie sich damit und manche äußerten sich bereits in der Sprache der Sucht: „Ich weiß, dass ich das nicht tun sollte, aber ich kann nicht anders“. Andere sahen das Smartphone als Erweiterung ihres Körpers an oder sprachen davon, wie von einer Person: „Mein Telefon nahe bei mir zu haben, während ich schlafe, gibt mir Geborgenheit.“

Die Smartphone-Nutzung beeinflusst auch die Dauer und Qualität des Schlafes. Heranwachsende sollten laut Experten 9 Stunden pro Nacht schlafen, im Jahr 2015 litten 57 % mehr Teenager unter Schlafmangel als im Jahr 1991. Im Durchschnitt kommt die iGen auf unter sieben Stunden Schlaf, was sich auf ihre Leistungsfähigkeit am Tag auswirkt. (Siehe Graphik HIER.)

Soziales Leben und allgemeine Passivität

Heute treffen Jugendliche ihre Freunde weniger (Siehe Graphik HIER), was sich statistisch gesehen positiv auf die Mord- und Autounfallrate unter amerikanischen Teenagern auswirkt. Sie kommen jetzt weniger häufig bei Konflikten oder Disco-Unfällen um – dafür töten sie sich jetzt mit größerer Wahrscheinlichkeit selbst.

Die Selbstmordrate und die Häufigkeit von Depressionen unter Teenagern sind seit Erscheinen des ersten iPhones (im Jahr 2007) massiv angestiegen. Jugendliche, die drei Stunden oder mehr am Tag an den Geräten verbringen, haben 35 % mehr Risikofaktoren für Selbstmord, als andere.

Den Führerschein, einst sehnsuchtsvoll erwarteter Garant für Mobilität und Unabhängigkeit, streben sie nun später an. Und oftmals erst, nachdem ihre Eltern darauf drängen. Auch was sexuelle Aktivität und andere „Insignien des Erwachsenenlebens“ angeht, sind die iGens passiv und später dran, als die Generationen vor ihnen.

Man könnte annehmen, dass die Jugendlichen in ihrem „neuen Online-Leben” glücklich seien, dem ist aber nicht so. In der national repräsentativen Studie „Monitoring the Future“ wurde 12-Klässlern seit 1975 ein Fragenkatalog vorgelegt. Glücksgefühl ist darin eines der Themen. Die Teenager, die mehr Zeit am Bildschirm verbrachten, fühlten sich unglücklicher, jene die sich mit – egal welchen – anderen Aktivitäten beschäftigten, waren signifikant glücklicher.

Was tun?

Dr. Twenge liefert besorgniserregende Daten, aber keine Lösungen. Günter Steppich, Referent für Jugendmedienschutz am Hessischen Kultusministerium, gibt auf seiner Webseite konkrete Ratschläge. Mit Hilfe eines Mediennutzungsvertrags für Kinder kann man brenzlige Themen und Aspekte der Smartphone-Nutzung mit Kindern besprechen und regeln, so sein Vorschlag.

„Pädophile Übergriffe sind immer noch eine Seuche im Internet“, so Steppich. Täter würden heute häufig die Nachrichtenfunktion von Handyspielen nutzen, die unter Kindern beliebt sind. Eltern könnten dies leicht selbst testen: Meldet man sich dort mit einem Benutzernamen an, der auf ein minderjähriges Mädchen schließen lässt, erhalte man nach kurzer Zeit Nachrichten von Fremden, sagt er.

Kleine Kinder im Smartphone-Universum

In Deutschland wirft die BLIKK Studie 2017 Licht auf den Neue-Medienkonsum bei Kindern, laut der Studie benutzen 70 % der Kinder im Kita-Alter das Smartphone ihrer Eltern mehr als eine halbe Stunde täglich. Es gibt einen Zusammenhang zwischen intensiver Mediennutzung und Entwicklungsstörungen von Kindern. Bei Kindern bis zum 6. Lebensjahr fand man bei denen, die intensiv Medien nutzen, vermehrt Sprachentwicklungsstörungen und Hyperaktivität.

Es ist empfehlenswert, Kindern überhaupt kein Smartphone zu überlassen. Auch „Smartphone-Fasten“ – also eine bewusste Auszeit nehmen – kann helfen.

Nicht nur am Tisch beim gemeinsamen, familiären Abendessen ist Smartphone-Ablenkung ein Störfaktor: Twenge stellte die These auf, die Generation „iGen“ sei nicht auf das Leben in der Realität vorbereitet. Man fragt sich, wer davon profitiert, wenn Kinder und Jugendliche lebensunfähig und  hypnotisiert in einer virtuellen Realität vegetieren.