Goethes Geburtstag und seine „Trilogie der Leidenschaft“

Zu Goethes Geburtstag am 28. August. Er wurde 1749 in Frankfurt a.M. geboren und starb am 22. März 1832 in Weimar. „Und mit ihm, ach, legt man doch eine Welt ins Grab!“ (Karoline v. Humboldt)

Es ist der 28. August 1823. Im böhmischen Karlsbad ist es kein Geheimnis, dass ein dort weilender prominenter Kurgast an diesem Tag seinen Geburtstag begeht. Ein „öffentliches Geheimnis“ ist es aber, dass der schon sehr betagte Herr dieses Ereignis auch im Beisein von drei hübschen Schwestern und deren Mutter feiert.

Er kennt die vaterlose Familie schon lange. Die älteste – Ulrike –  hat es ihm sichtlich angetan. Zwei Jahre zuvor ist er der 17-Jährigen in Marienbad begegnet. Bei der erneuern Begegnung im Jahr darauf wandeln sich die Gefühle des Kurgastes gegenüber dem reifenden Mädchen jedoch in eine mehr als nur liebevoll-väterliche Zuneigung.

Der rüstige, tanzfreudige Alte sehnt nach schwerer Herzerkrankung die bevorstehende dritte Begegnung mit der anmutigen Erscheinung in dem folgenden dritten und entscheidenden Sommer des Jahres 1823 herbei. Da ist die schöne, aufgeschlossene junge Frau – Ulrike von Levetzow heißt sie – neunzehn Jahre alt und der Mann, der sich heftig in sie verliebt hat, vierundsiebzig – und seine mehr als väterliche Neigung ist unübersehbar für die sensationsgierige, tratschende Hautevolee!

Für eine fürstliche Durchlaucht wie den Herzog Karl August von Sachsen-Weimar, gleichfalls in jenen Wochen Kurgast am selben Ort, wäre ein derartiger Altersunterschied an Jahren und Reife für eine Liebschaft oder gar eine „Ehe linker Hand“ kein Hindernis gewesen. Für einen Fürsten galten schließlich eigene Regeln. Aber für den Kurgast, selbst wenn er ein „Dichterfürst“ war, ging so etwas, wie man heute sagen würde, „gar nicht“. In den Augen damaliger Konventionen war ein Liebesverhältnis zwischen einer so jungen Frau und einem Mann, der das biblische Alter bereits überschritten hatte, ein Ding der Unmöglichkeit.

Aber dieser prominente Badegast namens Johann Wolfgang von Goethe, hatte erneut (und wie so oft schon zuvor in seinem Leben) Feuer gefangen, diesmal jedoch so heftig wie nur selten zuvor. Er setzte in dieser neuerlichen Liebe, wie er es rückblickend dem vertrauten Eckermann beschreibt, auf die leidenschaftlich bewegte „Gegenwart, so wie man eine bedeutende Summe auf eine Karte setzt, und suchte sie ohne Übertreibung so hoch zu steigern wie nur möglich.

Der altvertraute Gefährte Herzog Karl August, unmittelbarerer Zeuge und eingeweiht in Goethes leidenschaftliche Marienbader Gefühlszustände, begreift, dass hier mehr als nur die flüchtige Laune eines Verliebten wirkt, sondern ein tiefer Bindungswunsch gewachsen ist. Zu gut kennt er den Älteren, zu viel, auch in Liebesverhältnissen, haben die beiden früher zusammen erlebt und sich gegenseitig ins Vertrauen gezogen. Und so erklärt sich der Herzog bereit, bei Ulrikes Mutter im Namen Goethes ganz formell und offiziell, mündlich und schriftlich einen Heiratsantrag zu machen, zusammen mit der verlockenden Aussicht auf großzügige fürstliche Unterstützung, wenn eine Heirat zustande kommen würde.

Die Antwort Ulrikes bzw. deren Mutter darauf ist hinhaltend, weder bejahend noch ablehnend. Die Amalie von Levetzow reist am 17. August mit ihren drei Töchtern nach Karlsbad ab. Goethe bleibt im Unklaren zurück, aufgewühlt, gequält von Ungewissheit, ob er noch hoffen darf oder Ablehnung erfahren muss. An seine Schwiegertochter Ottilie schreibt er am selben Tag nach Weimar: „Alles, … was mich leben machte, ist geschieden, die Hoffnung eines nahen Wiedersehens zweifelhaft.

Goethe entschließt sich zu einem ganz ungewöhnlichen Schritt, indem er ein Wiedersehen förmlich erzwingt. Spontan reist er, nach fünf quälenden Tagen in Eger, den Levetzows nach Karlsbad nach – mehr noch: er quartiert sich im selben Hause ein, wo diese ihre Unterkunft haben. Über den Heiratsantrag wird offenbar kein Wort verloren. Goethe und die Levetzows setzen ihr Urlaubsleben von Marienbad scheinbar unbeschwert fort. In Karlsbad begeht er auch seinen Geburtstag, in sein neues Lebensjahr hineintanzend. Mit Ulrike, ihrer Mutter und den beiden Schwestern unternimmt er am 28. August einen Ausflug nach Ellbogen an der Eger.

Die Levetzows haben sich geschworen, seinen Geburtstag nicht zu erwähnen, trotzdem ist alles bestens vorbereitet. Goethes Geburtstag bleibt „öffentliches Geheimnis“. Erst am Abend dieses Tages, als man wieder zurück vom Ausflug in Karlsbad ist, wird das heitere Tabu aufgelöst. Goethe bekommt von seinen Begleiterinnen einen böhmischen Kristallglasbecher geschenkt mit den eingravierten Namen der Töchter und dem Datum, „zur Erinnerung an das schöne Beisammensein.

Wie eine Reliquie wird Goethe diesen Becher behandeln; er wird ihn bis an sein Lebensende begleiten, und von ihm wird am Ende noch einmal die Rede sein.

Es scheint, als hätten sich zwei Kreise im Labyrinth von Goethes Lebens nun wieder berührt: Jetzt, im Spätherbst seines Lebens, die Liebesbegegnung mit Ulrike, und damals, vor fünfzig Jahren, in seinem stürmenden Lebensfrühling, die unerfüllte Liebesbegegnung, die ihren Niederschlag im „Werther“ fand.

Damals legte der junge Goethe seinem verzweifelten Alter Ego Werther die Worte in den Mund:

„… dann sehn’ ich mich oft und denke: ach könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papier das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, dass es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichen Gottes.

Fünfzig Jahre später soll sich dieser sehnsüchtige Wunsch für Goethe erfüllen, er, der in seinem Leben durch so viele seelische Metamorphosen hindurchgegangen ist. „Es scheint bei vorzüglich begabten Menschen, auch während ihres Alters, immer einmal wieder eine temporäre Verjüngung einzutreten, und das ist es, was ich eine wiederholte Pubertät nennen möchte.(An Eckermann, 11.März 1828).

Brandraketen der Gefühle

Aber dann geschieht, dass gerade jetzt, da Goethe emotional zwischen Himmel und Hölle schwebt, eine merkwürdige Fügung eintritt. Der Verleger Weyand bittet Goethe im Frühjahr 1824 um ein Vorwort zur Jubiläumsausgabe des „Werther“, der fünfzig Jahre zuvor erstmals erschienen war.

Und so liefert er seinem Verleger zwar kein Vorwort, sondern, in seinem immer noch bewegten Gefühlszustand, verfasst Goethe stattdessen das Gedicht „An Werther“:

Noch einmal wagst du, vielbeweinter Schatten,

Hervor dich an das Tageslicht

Dieses Vorwort in Reimform – erster Teil der „Trilogie der Leidenschaft“ – knüpft denn auch an die damalige, oben aus dem „Werther“ zitierte „Sprachlosigkeit“ an: „Da ich aber selbst noch einen Rest jener Leidenschaft im Herzen hatte, so gestaltete sich das Gedicht „An Werther“ wie von selbst als Introduktion zu jener Elegie.

 Goethe hatte sich, wie er damals, am 2.1.1824 Eckermann gegenüber bekennt, gehütet, dieLeiden des jungen Werther“ nach dessen Erscheinen mehr als einmal wieder zu lesen, denn … „das ist auch so ein Geschöpf, das ich gleich dem Pelikan mit dem Blute meines eigenen Herzens gefüttert habe. Es ist darin so viel Innerliches aus meiner eigenen Brust, so viel von Empfindungen und Gedanken, um damit wohl einen Roman von zehn solcher Bändchen auszustatten … Es sind lauter Brandraketen! Es wird mir unheimlich dabei, und ich fürchte den pathologischen Zustand wieder durchzuempfinden, aus dem es hervorging.

Worauf aber bezieht Goethe das eben zitierte „ … auch so ein Geschöpf …“? Welches andere „Geschöpf meint er hier im vertraulichen Gespräch mit Eckermann?

Dieses Geschöpf ist eine Dichtung, ein Tagebuch innerer Zustände, das „tiefste, reifste, wahrhaft herbstlich erglühende Spätlingsgedicht des Vierundsiebzigjährigen“ (Stefan Zweig). Beklagte der Vierundzwanzigjährige im „Werther“, dass er seine Liebe nicht auszudrücken vermochte, so entrang sich nun dem um fünfzig Lebensjahre reiferen Dichter eine Elegie, die man geradezu als Hohelied der Liebe  (Sigrid Damm) lesen kann. (Den Entstehungsprozess dieses Werks hat Stefan Zweig überaus packend in seinen „Sternstunden der Menschheit“ nachvollziehbar werden lassen.)

Die Marienbader Elegie

Eckermann, der als erster Goethes „Geschöpf“ zu Gesicht bekam, berichtet darüber am 27.Oktober 1823:

„Der Diener Stadelmann brachte zwei Wachslichter, die er auf Goethes Arbeitstisch stellte. Goethe ersuchte mich, vor den Lichtern Platz zu nehmen, er wolle mir etwas zu lesen geben. Und was legte er mir vor? Sein neues, liebstes Gedicht, seine Elegie von Marienbad. Ich muss hier in Bezug auf den Inhalt dieses Gedichtes einiges nachholen. Gleich nach Goethes diesmaliger Zurückkunft aus genanntem Badeort verbreitete sich hier die Sage, er habe dort die Bekanntschaft einer an Körper und Geist gleichermaßen liebenswürdigen jungen Dame gemacht und zu ihr eine leidenschaftliche Neigung gefasst. Wenn er in der Brunnenallee ihre Stimme gehört, habe er immer rasch seinen Hut genommen und sei zu ihr hinuntergeeilt.

Er habe keine Stunde versäumt, bei ihr zu sein, er habe glückliche Tage gelebt; sodann die Trennung sei ihm sehr schwer geworden, und er habe in solchem leidenschaftlichen Zustande ein überaus schönes Gedicht gemacht, das er jedoch wie eine Art Heiligtum ansehe und geheim halte. Ich glaubte dieser Sage, weil sie nicht allein seiner körperlichen Rüstigkeit, sondern auch der produktiven Kraft seines Geistes und der gesunden Frische seines Herzens vollkommen entsprach. … Er hatte die Verse eigenhändig mit lateinischen Lettern auf starkes Velinpapier geschrieben und mit einer seidenen Schnur in einer Decke von rotem Maroquin befestigt, und es trug also schon im Äußern, dass er dieses Manuscript vor allen seinen übrigen besonders werthalte. Ich las den Inhalt mit hoher Freude und fand in jeder Zeile die Bestätigung der allgemeinen Sage. Doch deuteten gleich die ersten Verse darauf, dass die Bekanntschaft nicht dieses Mal erst gemacht, sondern erneuert worden …“.

16.11.1823

„Abends bei Goethe. Er saß noch in seinem Lehnstuhl und schien ein wenig schwach. Seine erste Frage war nach dem „Wallenstein“. Ich gab ihm Rechenschaft von dem Eindruck, den das Stück von der Bühne herunter auf mich gemacht; er hörte es mit sichtlicher Freude. … Eingedenk des Versprechens, mir seine Elegie von Marienbad zu einer passenden Stunde abermals zu zeigen, stand Goethe auf, stellte ein Licht auf seinen Schreibtisch und gab mir das Gedicht. Ich war glücklich, es abermals vor Augen zu haben. … ich las es aber- und abermals und hatte dabei einen seltenen Genuss. … Übrigens kam es mir vor, als seien die ausgesprochenen Gefühle stärker, als wir sie in anderen Gedichten Goethes anzutreffen gewohnt sind … „Sie sehen das Produkt eines höchst leidenschaftlichen Zustandes. Als ich darin befangen war, hätte ich ihn um alles in der Welt nicht entbehren mögen, und jetzt möchte ich um keinen Preis wieder hineingeraten.

Einige Tage darauf ist Wilhelm von Humboldt bei Goethe zu Besuch. Auch er darf in einer stillen Stunde das Manuskript lesen.

An seine Frau schreibt er: „So fing ich an zu lesen, und ich kann mit Wahrheit sagen, dass ich nicht bloß von dieser Dichtung entrückt, sondern so erstaunt war, dass ich es kaum beschreiben kann. Es erreicht nicht bloß dies Gedicht das Schönste, was er je gemacht hat, sondern übertrifft es vielleicht, weil es die Frische der Phantasie, wie er sie nur je hatte, mit der künstlerischen Vollendung verbindet, die doch nur langer Erfahrung eigen ist.

Heilsames Hören

Der Dritte, den Goethe schließlich ins Vertrauen zieht, ist Carl Friedrich Zelter. Darüber berichtet   J. D. Gries an B. R. Abeken, dem einstigen Hauslehrer der Kinder Schillers, in einem Brief vom 2.1.1824:

„Als Goethe am schlimmsten war, kam Zelter nach Weimar und erschrak nicht wenig, … denn er wusste nichts von der Krankheit. Gewiss hat die Gegenwart dieses trefflichen Freundes, den Goethe unter allen Lebenden wohl am meisten und vielleicht allein liebt, zu seiner Herstellung das Beste beigetragen. Als Goethe in der Besserung war, schrieb Zelter, habe er ein Liebesgedicht gemacht, voll von Glut, Blut, Mut und Wut, herrlicher als eins seiner Jugendgedichte. Dieses habe er (Zelter) ihm dreimal hintereinander vorlesen müssen. Endlich habe Goethe gesagt:“ Ihr lest gut, alter Herr!“ – „Das war ganz natürlich“, fügt Zelter hinzu; „aber der alte Narr wusste nicht, dass ich dabei an meine eigene Liebste gedacht hatte.“ Das sind doch ein paar alte Herren, wie sie sein sollten!

Zelter vermochte wie wohl kein anderer, sich in seinen Duzfreund Goethe einzufühlen. Ende November war er angereist, und fand unerwartet einen Schwerkranken vor, „einen, der aussieht, als hätte er Liebe, die ganze Liebe mit aller Qual der Jugend im Leibe …“.

Damit traf dieser vertrauteste aller Freunde seit Schiller ins Schwarze. Goethe erbat sich schließlich von Zelter, dass dieser mit seiner wohltönenden Stimme die Elegie immer wieder vorlesen musste – ein geradezu hörtherapeutischer Akt.

„Was soll ich nun vom Wiedersehen hoffen?

Von dieses Tages noch geschlossener Blüte?

Das Paradies, die Hölle steht dir offen,

Wie wankelsinnig regt sich’s im Gemüte!“  …

um in der letzten der zweiundzwanzig Strophen mit einer lebensmüden Gewissheit zu enden, aus der deutliche Todesnähe spricht:

„Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,

Der ich noch erst der Götter Liebling war.

Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,

So reich an Gütern, reicher an Gefahr;

Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,

Sie trennten mich, und richten mich zugrunde.

Im „Werther“ hatte Goethe einst geschrieben:

„Bin ich nicht noch ebenderselbe, der ehemals in aller Fülle der Empfindung herumschwebte, dem auf jedem Tritte ein Paradies folgte, der ein Herz hatte, eine ganze Welt liebevoll zu umfassen? Und dies Herz ist jetzt tot, aus ihm fließen keine Entzückungen mehr. … Ich leide viel, denn ich habe verloren, was meines Lebens einzige Wonne war, die heilige, belebende Karat, mit der ich Welten um mich schuf; sie ist dahin!

Krank vor Liebe war Goethe, der Vielliebende und Vielgeliebte, wiederholt in seinem Leben gewesen. „Ich hatte gelebt, geliebt und sehr viel gelitten!  konstatiert er in Bezug auf die Entstehung des „Werther“ gegenüber Eckermann.

Und so gibt es im „Werther“ eine ganze Reihe von Passagen, die Wesentliches der Marienbader Elegie in manchmal geradezu hymnischer Prosaform antizipieren – als sei der ganze fühlende, seinen Ausdruck suchende und gestaltende Goethe schon im Keim darin enthalten.

Trost der Töne

Therapeutisch aber wirken auf Goethe nicht nur das Hören seiner eigenen gedichteten Worte, sondern auch das Hören von Musik. Auch das ist in seinem frühen Briefroman schon thematisiert. So lässt Goethe seinen Werther am 16. Julius sagen:

„Sie (Lotte) hat eine Melodie, die sie auf dem Klavier spielt mit der Kraft eines Engels, so simpel und so geistvoll! Es ist ihr Leiblied, und mich stellt es von aller Pein, Verwirrung und Grillen her, wenn sie nur die erste Note davon greift. Kein Wort von der Zauberkraft der alten Musik ist mir unwahrscheinlich, wie mich der einfache Gesang angreift. … Die Irrung und Finsternis meiner Seele zerstreut sich, und ich atme wieder freier.

Während seines leidenschaftlichen Liebessommers 1823 in Marienbad hat Goethe dort Musikerlebnisse, die deutlich an jenes im „Werther“ geschilderte anklingen. Er begegnet dort der Sängerin Anna Milder-Hauptmann, die ebenfalls dort kurt. Schülerin Salieris in Wien, hatte kein Geringerer als Beethoven für sie die Partie der Leonore Im Fidelio komponiert, die sie auch bei dessen Uraufführung 1805 sang. Auch Franz Schubert hatte sich von ihr zu Liedkompositionen inspirieren lassen. Schließlich sei noch erwähnt, dass Anna Milder-Hauptmann auch bei der Wiederaufführung von Bachs Matthäuspassion durch Zelter im Jahre 1829 die Sopranarien gesungen hatte.

Goethe hört die berühmte Sopranistin nun bei einem Privatkonzert  im Haus des Badearztes Dr. Heidler. Berührt notiert er in seinem Tagebuch: „ Zu Doctor Heidler, wo Madame Milder unvergleichlich sang und uns alle zum Weinen brachte.

In einem Brief an Zelter vom 24. August 1823 schildert Goethe seine Eindrücke: „Mit ist noch eine herrliche Gunst und Gabe von Berlin gekommen; (Anm: dort war die Sopranistin als Primadonna an der Königlichen Oper engagiert) Mad. Milder nämlich zu hören, vier kleine Lieder, die sie dergestalt groß zu machen wusste, dass die Erinnerung dran mir noch Tränen auspresst.

Um die gleiche Zeit bewegt ein anderes Musikerlebnis den unerfüllt Liebenden und prägt sich ihm zutiefst ein. Am 14. August 1823 hört Goethe die polnische Pianistin Maria Szymanowska zum erstenmal spielen. Die Hofpianistin am Zarenhof von Sankt Petersburg gab im Sommer 1823 Konzerte in den böhmischen Bädern, wo damals Teile der europäischen Hautevolee ihre Kuraufenthalte machten. Es kam zu näherem persönlichen Kontakt, und unter dem Eindruck der Sängerin Anna Milder-Hauptmann und des beseelten und zugleich hochvirtuosen Klavierspiels der Pianistin berichtet Goethe an Zelter am 24.August: „Nun aber doch eigentlich das Wunderbarste! Die ungeheure Gewalt der Musik auf mich in diesen Tagen! Die Stimme der Milder, das Klangreiche der Szymanowska … falten mich auseinander, wie man eine geballte Faust freundlich flach lässt.

Maria Szymanowska und ihr beherzt-virtuoses Spiel inspirieren Goethe zu einem Gedicht, das er der Pianistin in einem Brief vom 19. August zusendet:

Die Leidenschaft bringt Leiden! – Wer beschwichtigt

Beklommenes Herz das allzuviel verloren

Wo sind die Stunden allzuschnell verflüchtigt?

Vergebens war das Schönste dir erkoren!

Trüb ist der Geist, verworren das Beginnen;

Die hehre Welt, wie schwindet sie den Sinnen.

 

Da schwebt hervor Musik mit Engelsschwingen,

Verflicht zu Millionen Tön um Töne,

Des Menschen Wesen durch und durch zu dringen,

Zu Überfüllen ihn mit ewiger Schöne;

Das Auge netzt sich, fühlt in höherem Sehnen

Den Götterwert der Töne wie der Tränen.

 

Und so das Herz erleichtert merkt gehende,

Dass es noch lebt und schlägt und möchte schlagen,

Zum reinsten Dank der überreichen Spende

Sich selbst erwidernd willig darzutragen.

Da fühlte sich – o! dass es ewig bliebe! –

Das Doppelglück der Töne wie der Liebe.

Acht Jahre darauf im Jahre 1831, ein Jahr vor seinem Tode, spricht Goethe noch einmal gegenüber Eckermann über die damaligen Erlebnisse, die schöpferischen Prozesse und das eben zitierte Gedicht, das damals wohl als erstes der schon erwähnten „Trilogie der Leidenschaft“ entsteht. In der Trilogie steht es jedoch an letzter Stelle, nach jener gedichteten Vorrede „An Werther“ und der Marienbader Elegie.

 „Zuerst hatte ich, wie Sie wissen, bloß die „Elegie“ als selbständiges Gedicht für sich. Dann besuchte mich die Szymanowska, die denselben Sommer mit mir in Marienbad gewesen war und durch ihre reizenden Melodien einen Nachklang jener jugendlich – seligen Tage in mir erweckte. Die Strophen, die ich dieser Freundin widmete, sind daher auch ganz im Versmaß und Ton jener Elegie gedichtet und fügen sich dieser von selbst als versöhnender Ausgang.

 Goethes letzte Reise

Und 1831 ist es auch, auf Goethes letzter großen Reise nach Ilmenau, die für ihn eine „Wallfahrt zu den Stellen früherer Leiden und Freuden sei“, dass erwieder ist es ein 28. August, sein 82. Geburtstag – vorsichtig einen zerbrechlichen Gegenstand aus seiner schützenden Polsterung auswickelt – das böhmische Glas mit den eingravierten drei Namen – das Geschenk zu seinem 74. Geburtstag, damals in Karlsbad. Er erzählt davon in einem Brief an Amalie von Levetzow, Ulrikes Mutter:

„Heute, verehrte Freundin, auf dem Lande, freundlich veranstalteten Festlichkeiten ausweichend, stelle ich jenes Glas vor mich, das auf so manches Jahr zurückdeutet, und mir die schönsten Stunden vergegenwärtigt … wende ich mich wieder zu Ihnen und Ihren Lieben, einige Nachricht erbittend, die Versicherung aussprechend: Dass meine Gesinnungen unwandelbar bleiben.

Goethes Erinnerungen an seine wohl letzte große Liebe und Leidenschaft waren offensichtlich noch sehr lebendig, und er hielt sie bis an sein Lebensende wach.

„Manche werden unserer spotten oder uns gar schelten. Liebe zieme unserem Alter nicht und sei ohnehin nur Selbstsucht“, hatte der um zehn Jahre jüngere Carl Friedrich Zelter an seinen Freund einst geschrieben. Und der junge Goethe hatte seinen Werther sagen lassen: „Musste das denn so sein, dass das, was des Menschen Glückseligkeit macht, wieder die Quelle seines Elends würde?

Und doch wusste Werther schon, dass „es doch gewiss ist, dass in der Welt den Menschen nichts notwendig macht als die Liebe.

Ulrike von Levetzow überlebte ihren leidenschaftlichen Verehrer um 67 Jahre. Die „Elegie“, die „Trilogie der Leidenschaft“ kamen ihr jedoch erst nach Goethes Tod vor Augen. Hochbetagt starb sie, zeitlebens unverheiratet, im Jahre 1899. Ihre Antwort auf die Fragen vieler neugieriger Goetheverehrer, die diese legendäre Augenzeugin aufsuchten, lautete: „Keine Liebschaft war es nicht …“.

Der Musiker, Pädagoge und Autor Jürgen Motog lebt in Caputh – Schwielowsee in der Nähe von Potsdam und leitet dort das HAUS DER KLÄNGE.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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