Händels Oratorium „Jephtha“ in der Oper Bonn

Wer trägt die Schuld an den dramatischen Entwicklungen und Verwicklungen in Georg Friedrich Händels Oratorium „Jephtha“? Ist es der Titelheld Jephtha selbst (Tamás Tarjányi, Tenor), der als israelitischer Heerführer das …

Wer trägt die Schuld an den dramatischen Entwicklungen und Verwicklungen in Georg Friedrich Händels Oratorium „Jephtha“? Ist es der Titelheld Jephtha selbst (Tamás Tarjányi, Tenor), der als israelitischer Heerführer das Schlachtenglück gegen die Ammoniter durch einen unbesonnenen Schwur in seinem Sinne beeinflussen will? Durch sein überaus riskantes Versprechen gegenüber Gott Jahwe, nach siegreicher Rückkehr vom Schlachtfeld jenes Lebewesen als Opfer darzubringen, das ihm, zurück auf heimatlichem Boden, als erstes an seiner Türschwelle begegnet?

Oder ist es eher der Hohe Priester Zebul (Martin Tzonev, Bassbariton), der als Jephtha mit allen Wassern gewaschener Halbbruder Kenntnis gewonnen hat von diesem heiligen Eid und nun penetrant den ersten Blick Jephtas auf dessen Tochter Iphis (Julia Kamenik, Sopran) lenkt? Die Weichen für einen tragischen Fortgang der Handlung (Libretto: Thomas Morell) sind gestellt.
Überschwänglichkeit und ahnungsvolle Klage
Völlig unbefangen ist dagegen Jephthas Tochter Iphis in ihrer jungfräulichen Liebe zu Hamor (Artem Krutko, Countertenor). In  ihrem aufkeimenden Liebesglück lassen beide ihrer Fantasie freien Lauf. Doch „die Liebe schweiget still, wenn Ehre ruft“, bremst Iphis ihren Geliebten am Vorabend der Schlacht. Eine plötzliche und unerwartete Kehrtwendung, deren „dumpfes Warten den Liebsten sich verzehren (lässt) voller Qualen“, wie Hamor sogleich ausdrucksstark beklagt.
Im Gegensatz zu dieser Überschwänglichkeit erklingt die ahnungsvolle Klage von Jephthas Frau Storgè (Julia Kamenik, Mezzosopran), die in diffusen Schreckensbildern „ein hart’ Geschick“ über sich und ihre Familie heraufziehen sieht: „O niemals, niemals hat je mein Herz zuvor geahnt das Leid mit solcher Seelenqual.“ Eine Passage, in der Händel musikalisch den Gemütszustand dieser Seherin auslotet und dabei auch dem durchweg sensibel aufspielenden Beethoven Orchester Bonn (Leitung: Andreas Spering) ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen abverlangt.
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Verschlagenheit und Boshaftigkeit
Mit einem Alter von fast dreitausend Jahren ist die Jephtha-Geschichte in Kapitel 11 im Buch der Richter eine der ältesten biblischen Erzählungen. Und dabei doch von ungeahnter Aktualität, wie Händels Musik und Hilsdorfs Inszenierung durchgehend beweisen. Bereits zu Beginn der Handlung, als Heerführer Jephtha angesichts seiner eigenen Schwäche die vormals vernachlässigte höchste göttliche Instanz zu einem leicht durchschaubaren Geschäft veranlasst. Und der dabei doch durch seine alsbald einsetzende Verdrängung die wahren Kosten dieses Handels vor sich selber nicht ausreichend beziffert. Denn könnte das versprochene Lebewesen nicht auch ein geliebter Mensch sein?
„Gekrönt als Siegesheld“ will er heimkehren und lässt sich dabei hoffnungsvoll geleiten von einem Speerträger, den ihm Hilsdorf mannhaft in wehrhafter Pose voranstellt und bei dessen Anblick sich der Gedanke an das mögliche Scheitern der bevorstehenden militärischen Mission wie von selbst verbietet.
Hinzu kommt als menschliche Charaktereigenschaft die Boshaftigkeit Zebuls, die ebenso wie die berechnende Verschlagenheit Jephthas offensichtlich eine anthropologische Grundkonstante durch die Jahrtausende hindurch darstellt. Das Betrügen des eigenen Halbbruders ohne Rücksichtnahme auf fremde Gefühle bis hin zur Zerstörung der gesamten Familie – all dies gehört zum Handlungsrepertoire des Hohen Priesters, dessen gut getarnte Arglist sich nicht besonders auffällig zeigt. Denn nach außen hin spielt er den für die Volksgemeinschaft sich einsetzenden Ehrenmann. Und doch, daran lässt Hilsdorf im Regiedetail keinen Zweifel, menschelt es bei ihm trotz seiner herausgehobenen Funktion an allen Ecken und Enden.
Eigennutz und Dreistigkeit
Und noch eine politisch-geografische Aktualität kommt hinzu. Es ist das in seinem Territorium neu etablierte Israel, das damals wie heute allein durch seine Existenz in kriegerische Handlungen verwickelt wird. Wie eh und je sind es territoriale Ansprüche, die auf beiden Seiten verletzt werden. Und wie wenig zimperlich man dabei miteinander umgeht, zeigt nicht nur die langjährige Bedrohung und Unterdrückung  durch die jeweiligen Nachbarvölker. Und andererseits das Schicksal der Gefangenen, die dem siegreichen israelitischen Heer in die Hände fallen. Auch in einer solchen Situation, das macht Hilsdorf überdeutlich, zeigt sich die Menschheit über die Jahrtausende nicht von ihrer sympathischsten Seite.
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Und auch das Volk kommt in seiner Beurteilung nicht ungeschoren davon. Einerseits zwar verharrt es in bedauernswerter Bedrückung angesichts der feindlichen Bedrohung. Andererseits jedoch ist es voll von Eigennutz und Verschlagenheit. Von Mitleid keine Spur, stattdessen Sensationslust und „Brot und Spiele“-Dreistigkeit. Kein Zweifel wird laut, als die brutale Hinrichtung des Opfers Iphis durch ihren Vater vollzogen werden soll: „Es muss so sein!“ Wie Peitschenhiebe lässt Händel angesichts dieses offensichtlichen Atavismus seine Akkorde knallen. Und zu allem Überfluss setzt es noch einen Grundsatz entschlossen obendrauf: „Was immer ist, ist richtig!“ Basta!
Angelus ex Machina
Aber genau diese menschlichen Unzulänglichkeiten in ihrer ganzen Bandbreite machen den Reiz dieses Oratoriums aus, zu dessen Tragik es gehört, dass Händel bei seiner Arbeit an der Verurteilung der menschlichen Blindheit im 2. Akt fast selbst erblindete. Nur mit Mühe konnte er daher sein Werk im Jahr 1751 vollenden und damit den musikalischen Rahmen schaffen für den 3. Akt, der voll ist von menschlichen Unberechenbarkeiten: Wenn das Henkerbeil mehrfach erhoben wird und niemand genau weiß, welches Opfer vom Libretto oder der Inszenierung eingefordert wird.
Zum Glück, soviel sei gesagt, kein Todesopfer. Denn im entscheidenden Augenblick, gleich einem Angelus ex Machina, erscheint – abweichend von der biblischen Vorlage – ein blondgelockter Himmelsbote (Emiliya Ivanova, Sopran). In weit ausladendem Gewand gebietet er aus himmlischer Höhe dem menschlich fehlgeleiteten Treiben Einhalt. Ein Zeichen Gottes oder nur ein neuer Trick des Hohen Priesters Zebul? Doch auch  jetzt beileibe kein Aufatmen! Denn die Familie Jephtha und dazu die Hoffnung der Liebenden, das machen Libretto und Inszenierung hinlänglich klar, sind längst zerstört. Iphis’ Leben ist zwar gerettet, doch dafür muss sie auf  Eheglück und Nachkommenschaft verzichten.
Und die Schuldfrage? Hier bleibt sie ganz menschlisch nicht nur an einigen Protagonisten haften sondern auch, wie bereits die Geschichte lehrt, an allen opportunistischen Mitläufern der Volksgemeinschaft. Dies illustriert diese durch und durch gelungene Inszenierung, deren Botschaft ankommt. Der begeisterte Schlussapplaus lässt daran keinen Zweifel.