Künstler-Genie Daniel Barenboim wird 70

„Musik ist eine Kunst von Klängen, die alle Grenzen sprengt!“ Eines der größten musikalischen Genies unserer Zeit, der jüdische Pianist und Dirigent Daniel Barenboim, feiert am 15. November 2012 in …



„Musik ist eine Kunst von Klängen,
die alle Grenzen sprengt!“

Eines der größten musikalischen Genies unserer Zeit, der jüdische Pianist und Dirigent Daniel Barenboim, feiert am 15. November 2012 in Berlin seinen 70. Geburtstag. Sein langjähriger Freund, der indische Dirigent Zubin Mehta, wird in der Berliner Philharmonie die Staatskapelle dirigieren, der Jubilar selbst spielt als Solist das 3. Klavierkonzert c-moll op. 37 von Ludwig van Beethoven und das 1. Klavierkonzert b-moll von Peter Tschaikowsky. Das Konzert wird ab 20:15 Uhr in ARTE-TV live übertragen.
Daniel Barenboim kam als Neunjähriger im Sommer 1952 erstmals zu den Salzburger Festspielen und erlebte unter Karl Böhm Mozarts „Die Zauberflöte“. Der kleine Daniel war mit seinen Eltern in einer abenteuerlichen Reise 50 Stunden von Buenos Aires nach Salzburg unterwegs. Im berühmten Café Tomaselli wollte die Familie Barenboim „verschnaufen“. Der völlig übermüdete Daniel wollte unter allen Umständen zu einer Aufführung ins Festspielhaus und schlich sich hinein. So groß war sein Drang nach Musik. Er wurde erst später schlafend in einer Loge ertappt. Es war Barenboims erster Kontakt mit einer Mozart-Oper.
Nur zehn Jahre später – er war 19 Jahre jung – spielte Daniel Barenboim mit den Wiener Philharmonikern unter Karl Böhm das 1. Klavierkonzert d-moll op. 15 von Johannes Brahms!
Daniel Barenboim gehört heute zu den Größten in der Musikwelt und sein Engagement für den Frieden in der Welt ist immens groß.

Maestro Daniel Barenboim.Maestro Daniel Barenboim.Foto: Maxi Failla/AFP/Getty Images

Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden auf Lebenszeit, Gründer und Chef des völkerverbindenden West-Eastern Divan Orchestra und ehemals langjähriger Chef des Chicago Philharmonic Orchestra, seit 2011 zusätzlich Direktor der Mailänder Scala, Ausnahme-Pianist, Sprachgenie, engagierter Humanist. In Buenos Aires als einziges Kind russisch-jüdischer Eltern geboren. Sein Vater Enrique (1912 – 1997) war sein erster und wichtigster Klavierlehrer. Als er zwölf war, lud ihn Wilhelm Furtwängler ein, in Berlin zu konzertieren. Aber der Vater fand, es sei noch zu früh für ein jüdisches Kind, neun Jahre nach dem Ende des Holocaust in Berlin aufzutreten. Die Familie lebte inzwischen in Israel. In Israel wurde das Wunderkind später zum enfant terrible, als er im Sommer 2001, als Zugabe eines Konzerts beim Jerusalem Festival, Musik aus Richard Wagners Tristan und Isolde dirigierte. Der Kulturausschuss des israelischen Parlaments erklärte Barenboim daraufhin zur Persona non grata in Israel. Er bekam Hausverbot in der Knesset, was insofern delikat war, weil ihm dort schon im Jahr zuvor der Wolf-Preis verliehen werden sollte, der nur an herausragende Wissenschaftler und Künstler vom israelischen Staats-präsidenten vergeben wird.

Daniel Barenboim hat Menschen beglückt und zur Weißglut getrieben, Hoffnung und Zorn hinterlassen. Im Mai 2004 brauchte Daniel Barenboim dafür vier Tage, vier Tage zwischen Ramallah und Jerusalem. Barenboim hatte kurz zuvor in Wien an acht Abenden sämtliche 32 Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven im Goldenen Musikvereinssaal, dem sicherlich schönsten Konzertauditorium der Welt, gespielt, am 2. Mai in Athen wenige Wochen vor Eröffnung der Olympischen Sommerspiele das 1. Brahms-Klavierkonzert aufgeführt am 4. und 5. Mai in München alle vier Brahms-Sinfonien dirigiert und anschließend in Ramallah (Palästina) konzertiert und mit jungen Künstlern musiziert. Ein atemberaubendes Programm – das ist Barenboims Leben seit Jahrzehnten!
In Ramallah hatte Barenboim gesagt: „Als Musiker kämpfe ich gegen zwei Dinge: gegen zu viel Lärm und gegen die Stille. Lärm, das sind für mich Panzer, Bomben und die täglichen Gewaltandrohungen auf beiden Seiten. Stille ist das Schweigen der Mehrheit.“
Vier Tage später, am Sonntag, dem 9. Mai 2004, im Israelischen Parlament, wo er den mit 50.000 US-Dollar dotierten Wolf-Preis entgegennahm, wurde er noch deutlicher. Schon im Vorfeld der Preisverleihung war es zu Protesten gekommen. „Israels Nobel-Preis“ wird von Staatsvertretern ausgehändigt, nicht aber verliehen. Der Parlamentsvorsitzende war der Zeremonie unter Protest fern geblieben, da er die Verleihung an Barenboim nicht verhindern konnte.

Der Juror, Professor Alexander Berg, sprach anschließend ebenfalls von einer Provokation. Er entfaltete während der Verleihung ein selbst gefertigtes Plakat, dessen Schriftzug „Musik macht frei“ an das „Arbeit macht frei“ der KZs erinnerte. Daniel Barenboim hielt seine Rede in hebräischer Sprache:
Lesen Sie die Rede vor der Knesset und den darauffolgenden Skandal auf Seite 2
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„Ich möchte der Wolf-Stiftung meine tiefe Dankbarkeit für die große Ehre ausdrücken, die mir heute zuteil wird. Diese Anerkennung ist für mich nicht nur eine Ehre, sondern auch eine Quelle des Ansporns zu weiterer kreativer Tätigkeit. Im Jahre 1952, vier Jahre nachdem Israel seine Unabhängigkeit erklärt hatte, kam ich als zehnjähriger Junge mit meinen Eltern aus Argentinien nach Israel. Die Unabhängigkeitserklärung war uns Ansporn und Inspiration, an die Ideale zu glauben, die aus uns Juden Israelis machten. Dieses bemerkenswerte Dokument bekennt sich zu der folgenden Verpflichtung:
‚Der Staat Israel wird sich der Entwicklung des Landes zum Wohle aller seiner Bewohner widmen. Er wird auf Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden im Sinne der Visionen der Propheten Israels gestützt sein. Er wird all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen. Er wird Glaubens- und Gewissensfreiheit, Freiheit der Sprache, Erziehung und Kultur gewährleisten.’

Maestro Daniel Barenboim.Maestro Daniel Barenboim.Foto: Maxi Failla/AFP/Getty Images

Die Gründerväter des Staats Israel, die die Erklärung unterzeichneten, verpflichteten auch sich und uns, ‚sich für Frieden und gute Beziehungen mit allen benachbarten Staaten und Völkern einzusetzen.’ In tiefer Sorge frage ich heute, ob die Besetzung und Kontrolle eines anderen Volkes mit Israels Unabhängigkeitserklärung in Einklang gebracht werden kann. Wie steht es um die Unabhängigkeit eines Volkes, wenn der Preis dafür ein Schlag gegen die fundamentalen Rechte eines anderen Volkes ist? Kann es sich das jüdische Volk, dessen Geschichte voller Leid und Verfolgung ist, erlauben, angesichts der Rechte und Leiden eines benachbarten Volkes in Gleichgültigkeit zu verharren? Darf sich der Staat Israel unrealistischen Träumen hingeben, die den Ehrgeiz beinhalten, den Konflikt ideologisch zu lösen, anstatt als Ziel eine pragmatische, menschliche Lösung anzustreben, die auf sozialer Gerechtigkeit beruht?
Ich glaube, dass trotz aller objektiven und subjektiven Schwierigkeiten die Zukunft Israels und seine Stellung in der Familie der aufgeklärten Nationen von unserer Fähigkeit abhängig sein wird, das Gelöbnis unserer Gründungsväter, wie es in der Unabhängigkeitserklärung für immer festgehalten ist, zu erfüllen. Ich bin seit jeher der Meinung, dass es für den jüdisch-arabischen Konflikt weder eine militärische noch eine moralische oder strategische Lösung gibt.
Weil aber eine Lösung unumgänglich ist, frage ich mich: Warum noch warten? Aus diesem Grund gründete ich mit meinem verstorbenen Freund Edward Said einen Workshop für junge Musiker aus allen Ländern des Nahen Ostens, Juden und Arabern. Obwohl Musik Kunst ist, darf Musik nicht ihre Grundsätze in Frage stellen, und auf der anderen Seite ist Politik die Kunst des Kompromisses. Aber wenn die Politik über die Grenzen der Gegenwart hinausblickt und sich um die höheren Ziele des Möglichen bemüht, wird sie dort die Musik wiederfinden.
Musik ist die Kunst dessen, was die Imagination erschaffen kann, eine Kunst frei von allen mit Worten aufgezwungenen Grenzen, eine Kunst, die bis in die Tiefen der menschlichen Existenz vordringt, und eine Kunst von Klängen, die alle Grenzen sprengt. Als solche kann die Musik die Gefühle und die Phantasie von Israelis und Palästinensern in neue, bisher undenkbare Welten führen. Deshalb habe ich beschlossen, das mit dem Preis verbundene Geld für Projekte der Musikerziehung in Israel und Ramallah zur Verfügung zu stellen. Ich danke Ihnen.“
Noch während Barenboims Rede gab es im Parlament Tumulte, bei denen sich unverständlicherweise Israels Präsident Moshe Katsav und – erwartungs-gemäß – ganz besonders die Erziehungsministerin Limor Livnat unrühmlich hervortaten. Da sie allerdings gegen Barenboims Fragen keine Argumente vorbringen konnten, versuchten sie es mit der sophistischen Verdrehung, Barenboim sei ein „Provokateur“ und habe „Israel attackier“ – die in diesem Pauschalvorwurf derzeit oft versteckte Absurdität, er sei daher auch antisemitisch, verkniffen sie sich. Barenboims Entgegnung an Katsav und Livnat war ebenso schlicht wie überzeugend: „Ich habe nicht Israel attackiert, sondern einfach nur die Unabhängigkeitserklärung zitiert und rhetorische Fragen gestellt. Sie haben entschieden, das anders zu inter-pretieren.“
Gegenüber Ha’aretz und Jerusalem Post erklärte Barenboim später, wenn es provokativ sei, Israels Unabhängigkeitserklärung zu zitieren, „dann bin ich stolz darauf, ein Provokateur zu sein“. Offenbar hatte man vergessen, dass Barenboim mit einer Botschaft der Versöhnung nach Israel gekommen war, mit der Vision, „dass dieser Wahnsinn eines Tages beendet sein wird, dass in Palästina zwei Staaten in Freiheit und Gleichheit in friedlicher Nachbarschaft existieren und dass dieses Land eine der fruchtbarsten Regionen der Welt sein wird, die Brücke zwischen Europa und Asien“. Das Preisgeld hat er für musikalische Erziehungsprojekte in Israel und Ramallah gespendet.