Eine Hommage an den legendären Pianisten Edwin Fischer

„Gleichwie nach stockfinsterer Nacht dieerste Lichtwelle des aufsteigenden Tagesuns von Angst und Alpdruck erlöst, so hebt die Macht des Denkens unser Sein in die höhere Sphäre geistiger Klarheit. Der Sonne …



„Gleichwie nach stockfinsterer Nacht die
erste Lichtwelle des aufsteigenden Tages
uns von Angst und Alpdruck erlöst,
so hebt die Macht des Denkens unser Sein
in die höhere Sphäre geistiger Klarheit.
Der Sonne Licht gibt dem Chaos Umrisse,
Formen und Farben, sie lässt uns erkennen,
wo wir uns befinden und
welche Schönheiten uns umgeben.
Das große Unbewusste bekommt
erst durch den Strahl des Verstandes einen
höheren Sinn; er schafft Klarheit, Ordnung
und setzt eines gegen das andere. Der Geist
gibt uns die Möglichkeit, zu erkennen,
zu prüfen, zu wählen, zu gestalten,
und so muss es unsere Aufgabe sein,
diese Sonne des Geistes hell in unsere
seelische Landschaft scheinen zu lassen.“

(Pianist Edwin Fischer, 1886-1960)
Das erst 1997 erschienene kleine Büchlein „Von den Aufgaben des Musikers“ aus der Feder des legendären Pianisten und großen Lehrers Edwin Fischer (Ogham Verlag, 65 Seiten) ist geradezu eine Offenbarung für jeden schöpferisch tätigen Menschen. Edwin Fischer war ein großer Verehrer Wilhelm Furtwänglers und erlitt 1954 unmittelbar nach dem Tod des berühmten deutschen Dirigenten einen Schlaganfall, der ihn fortan lähmte. Im Zusammenhang mit seinem bemerkenswerten Buch über „Beethovens Klaviersonaten“ verlieh ihm seine Heimatstadt Basel 1956 die Ehren-doktorwürde. Dieses Buch ist leider seit Jahrzehnten vergriffen. Niemand hat zuvor und danach in Worten den Geist der 32 Klaviersonaten so genial darzustellen verstanden.
Der Kosmos der Beethoven-Sonaten beschäftigt mich seit meinem 15. Lebens-jahr, als ich op. 13 c-moll „Pathétique“ zum ersten Mal intensiv studierte.
Edwin Fischer, der bei seinen Konzerten so enorm viele Fehler machte, die heute jedem angehenden Studenten ein Fortkommen schlichtweg unmöglich machen würden, war ein genialer Musiker, der Klänge aus dem Herzen auf sein Publikum übertrug und damit die spektakuläre technische Vollkom-menheit immer wieder ad absurdum führte.
Sein 1956 in Berlin gehaltener Vortrag über „Wunderkinder“ scheint mir lesens- und nachdenkenswert:
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Edwin Fischer über Wunderkinder
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Aus Edwin Fischers 1956 in Berlin gehaltenem Vortrag über „Wunderkinder“:
„Wenn wir Erscheinungen wie die Wolfgang Amadeus Mozarts betrachten, so stehen wir vor einem Wunder. Solche Genies sind überhaupt nicht zu erklären, und doch hat der Mensch das Bedürfnis, sich über die Ursachen klarzuwerden, die ein solches Phänomen entstehen lassen, denen wir die höchste Eingebung der Seele verdanken. So untersuchen wir die genealogischen Umstände, die Erziehung, die Lehrer, die Einflüsse, und trotzdem bleibt etwas zurück, was wir als Wunder bezeichnen.
Ich habe manche sich entfaltende Wunderkinder beobachtet und bin auf die Vermutung gekommen, dass der Mensch nicht nur die äußeren Merkmale seiner Person vererben, sondern auch Gemütserlebnisse, ja Erkenntnisse und andere seelische Erfahrungen seinem Kinde weitergeben kann. So erleben wir, dass ein Wunderkind das Beethovensche Violinkonzert wie ein alter Meister spielt, wobei uns das Warum schleierhaft bleibt. Im Übergangsalter kommen Erregungen des Blutes über die Psyche und schwemmen leicht das mitgebrachte Erbgut fort, und das arme Kind muss sich nun all die Erlebnisse, die von ihm in der Musik verlangt werden, selber erarbeiten.
Manchem gelingt es auf Grund des technischen Könnens, eine eigene Persönlichkeit aufzubauen, andere wiederum bleiben eine leere Schale und haben uns künstlerisch nicht mehr viel zu sagen. Das ihnen vererbte psychische Erbgut, die Tiefenerlebnisse der Eltern sind ihnen verloren gegangen.
Solche Wunderkinder, derartig seltene, starke Persönlichkeiten, haben eine Art von Aura um sich: wenn ihr Kopf die kleine Treppe zum Podium herauftaucht, ist die Spannung bei den Zuhörern schon da, bevor sie spielen, sprechen oder dirigieren. So war es bei Eugen d`Albert, bei Yehudi Menuhin, bei Wilhelm Furtwängler. Unwillkürlich überkommt einen auch eine Scheu vor diesem kosmisch Angerührten, und ein empfindsamer Mensch wird sie weder wild in die Arme schließen, noch solche Künstler abküssen. Es ist, als brächten diese Auserwählten einen Hauch aus dem himmlischen Reich mit sich, in denen sie in begnadeten Stunden weilen.“

Edwin Fischer 5. Klavierkonzert von Beethoven unter Furtwängler.Edwin Fischer 5. Klavierkonzert von Beethoven unter Furtwängler.Foto: Screenschot vom EMI Cover

Sehr empfehlen möchte ich die faszinierende Aufnahme mit Beethovens 5. Klavierkonzert (EMI Classics) aus dem Jahre 1951. Wilhelm Furtwängler dirigiert das Philharmonia Orchestra London, der 65-jährige Edwin Fischer ist Solist. Wenn ich diese geniale Interpretation von zwei großartig aufeinander abgestimmten Künstlern höre, kommen mir die Worte von Fischer`s Schüler Conrad Hansen (1906 – 2004) in Erinnerung:
„Die große Kraft seines Erlebens, unmittelbar und vollständig in Einklang mit dem Werk der Musik, war es, welche den Stil der Interpretationen Edwin Fischers prägte. Die Musik wurde zum Kraftfeld seines inneren Leuchtens. Es war seine Größe, dass er in Demut der Wahrheit immer auf dem Fuße war, dass die Stille, die Einsamkeit und Erhabenheit seiner Empfindungen trotz des Lärms und Leides der Zeit den Zuhörer in seinem Innersten erreichte.
Seine Konzerte wuchsen zu Monumenten, zu unsichtbaren Monumenten der Freude, der Lust und des Leides. Der unerschöpfliche seelische Reichtum, eine unermessliche Phantasie, gaben dem Künstler Edwin Fischer immer wieder die Kraft, sein Publikum zu beschenken. Diese hinreißende Vitalität, verbunden mit einer großen Sensibilität im Geistigen, vermochte es, das Innere, das Wesentliche einer Komposition auf seltene Art aufzuspüren.“
Edwin Fischer wurde am 6. Oktober 1886 in Basel geboren und starb am 24. Januar 1960 in Zürich.