Aktuelle Nachrichten – Geschichte
14.09.2012
Foto: dapd/Klaus-Dietmar Gabbert
Ruhlsdorf – Kurt Zirwes nennt sein Bauerngehöft in Ruhlsdorf bei Strausberg den Findlingshof. Schon beim Eingang türmen sich Feldsteine unterschiedlichster Größe und Beschaffenheit zu Haufen und niedrigen Mauern. Dahinter im Garten und rings um eine Feuerstelle sind vierkantige Granitsäulen zu erkennen, wie sie früher Straßen säumten. "Die sollten zerschreddert werden - ich habe sie davor bewahrt", erzählt Zirwes.
Steine mit geheimnisvollen Einschlüssen, Vertiefungen, Spalten und Schichten sind für den technischen Betriebswirt von der Natur geschaffene Kunstwerke, die er bewahren will. Das gilt gerade in einer Gegend wie der Märkischen Schweiz, die nach seinen Angaben zur feldsteinreichsten Region in Deutschland gehört. "Diese Vielfalt wie in der Mark gibt es sonst nirgends. Das liegt daran, dass dieses Gebiet zwischen Ostsee und Lausitz dreimal von der Eiszeit überfahren wurde", sagt der gebürtige Rheinländer.
Im Aufbau sei derzeit ein Geo-Netzwerk für das Land Brandenburg, berichtet Jördis Hofmann, Geologin im Museumspark Rüdersdorf. Dort sollen alle Einrichtungen eingebunden werden, die sich in der Mark mit Geologie beschäftigen. Dazu zählen unter anderem der Eiszeit-Geopark in Joachimsthal sowie der Rüdersdorfer Museumspark, der sich mit der Geschichte des Kalksteinabbaus befasst. "Der Findlingshof Ruhlsdorf als ein Beispiel für angewandte Geologie und Kunst gehört unbedingt dazu", sagt Hofmann. Auch Zirwes selbst würde es sehr begrüßen, wenn sein Hof in das Netzwerk aufgenommen wird.
Wohnhaus und Nebengebäude sind aus Feldsteinen gebaut
Der 56-Jährige lädt Besucher zu Exkursionen über sein Anwesen und zu den zahlreichen Feldsteinbauten in der Umgebung: Kirchen, Scheunen, Bauernhäuser oder Stadtmauern. "Die Hauptblütezeit der Feldsteinbauten war vom 12. bis 14. Jahrhundert. Eine Renaissance erlebten sie dann im 18. Jahrhundert", erzählt Zirwes, nach dessen Recherchen erst die zunehmende Industrialisierung andere Baustoffe in den Vordergrund rückte.
Er will daher Besucher auf seinem Hof nicht nur für Feldsteine und Findlinge begeistern, sondern auch für das alte Handwerk des Bauens mit diesem Rohstoff. Sein Anwesen ist das beste Beispiel dafür: Sowohl das Wohnhaus als auch die Nebengebäude sind aus Feldsteinen gebaut. Die alte Scheune war nur noch eine Ruine, als Zirwes das Gehöft 1992 kaufte. Nach altem Vorbild hat er die zusammengefallenen Feldsteinmauern wieder "hoch gezogen", dafür Steine gebrochen und behauen, also passend gemacht.
Mit seinem Findlingshof will Zirwes auch den Naturstein als Rohstoff für Gebrauchsgegenstände bekannter machen. Hinter dem Haus steht eine riesige Granittischplatte, an der eine ganze Großfamilie Platz fände. Um die steinerne Festtafel herum stehen unterschiedliche Sitzgelegenheiten: Bänke, bestehend aus polierten Holzplatten, die in und auf Feldsteinen ruhen, Hocker, die aus großen Steinen entstanden, auf denen ein Holzsitz befestigt wurde.
Vogelfiguren sind Blickfang im Garten
Blickfang in Zirwes Garten sind Vogelfiguren und Windspiele, die aus einem oder mehreren Feldsteinen und etwas gebogenem Metall entstanden sind. "So was kann jeder", glaubt Zirwes, der Workshops und Seminare zur Bearbeitung von Feldsteinen anbietet. Mit einem großen Kern-Bohrer etwa lassen sich Steine zu rustikalen Kerzenhaltern oder Öllampen umfunktionieren.
Viele Steine seiner Lapidarium genannten Sammlung fand Zirwes auf seinem eigenen Grundstück, das bis ans Ufer des Ruhlsdorfer Sees reicht. Andere entdeckte er in Kiesgruben, oder sie wurden ihm von Landwirten gebracht, die Steine auf ihren Feldern zutage förderten. Solche frisch ausgebuddelten Exemplare sind Zirwes am liebsten: "Die noch feuchten Steine lassen sich besser spalten oder behauen, als jene, die im Trockenen ausgehärtet sind", verrät der 56-Jährige, der beruflich immer mit Bau und Logistik zu tun hatte.
Stolz ist der Wahl-Ruhlsdorfer auf Findlinge, die geheimnisvolle Muster und Spuren haben, also offensichtlich mal von Menschen bearbeitet worden waren. Da wäre etwa der Wetzrillenstein, der zum Schärfen von Messern oder Schwertern diente. Häufig in der Region sind sogenannte Näpfchensteine - Findlinge, in die Vertiefungen gehauen wurden. Wozu diese dienten, hat laut Zirwes noch niemand herausgefunden. Das gilt auch für die Schneckenform und die Rillen in einem weiteren Feldstein seiner Sammlung. "Das ist kein fossiler Abdruck, sondern wurde von Menschenhand gemacht", sagt er.
(Kontakt unter http://www.findlingshof-strausberg.de )
dapd
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