Fokra/Marokko - Die Bewohner des abgelegenen marokkanischen Dorfes Fokra stellten eines Morgens im Oktober 2004 fest, dass 75 Jungen und junge Männer verschwunden waren. 65 von ihnen sind nie wieder zurückgekehrt. Sie kamen ums Leben bei dem verzweifelten Versuch, von der tunesischen Küste aus illegal nach Italien einzureisen. Ihre Familien bezeichnen dieses Ereignis schlicht als «das Drama».
«Und das Drama geht weiter», klagt Mohamed Maafouz. Der stämmige Mann, der den einzigen Laden in Fokra betreibt, hat drei Cousins bei dem damaligen Schiffbruch verloren. «Dennoch wollen die Leute hier immer noch weg.» Trotz der immensen Gefahren versuchen alljährlich hunderte Marokkaner, übers Meer Europa zu erreichen und damit chronischer Armut und Arbeitslosigkeit zu entkommen. Die meisten kommen aus dem Gebiet rund um Fokra, der rückständigsten Region im Herzen Marokkos.
Die Ausreisewilligen von dort sind nur ein kleiner Teil der wachsenden Gruppe von Afrikanern, die in Europa ein besseres Leben suchen. Seit Beginn dieses Jahres sind schon rund 10.000 Menschen aus Afrika illegal auf die Kanarischen Inseln gelangt - mehr als doppelt so viele wie im gesamten Jahr 2005. Schätzungen zufolge sind mindestens 1.000 auf dem Weg dorthin ums Leben gekommen. Marokko an der Straße von Gibraltar ist neben Tunesien und Mauretanien für viele Flüchtlinge aus Schwarzafrika eines der wichtigsten Transitländer nach Europa.
Die europäischen Länder haben in den vergangenen Jahren die Kontrollen an den Küsten verschärft und dafür Geld von der Europäischen Union erhalten. «Europa denkt nur darüber nach, wie es seine Grenzen dicht machen kann», klagt Abdelhilal Belgacem, Mitarbeiter einer Flüchtlingshilfsorganisation in der marokkanischen Ortschaft Khouribga. «Uns geht es jedoch darum, die Leute von der Flucht abzuhalten.»
Dafür müssten laut Belgacem die Lebensbedingungen der Menschen verbessert werden. «Die verschärften Grenzkontrollen bringen die Flüchtlinge nur dazu, noch größere Risiken einzugehen, indem sie zum Beispiel noch weiter raus aufs Meer fahren.» Von den zehn Überlebenden «des Dramas» versuchten es drei später noch einmal. Und diesmal hatten sie Erfolg und erreichten Italien, wie Belgacem weiter erzählt.
Der 27-jährige Rachid aus Fokra ist jedenfalls fest zur Flucht entschlossen: «Ich habe keine Angst vor den Gefahren. Und überhaupt wäre Ertrinken vielleicht besser, als wie ein Toter hier zu leben.» Was ihn bislang zurückhält, sind zum einen seine Frau und sein sieben Monate altes Kind. Noch entscheidender ist aber, dass ihm das Geld fehlt, um die Schleuser zu bezahlen.
«Die Armen in Marokko leiden Not und sind zum größten Teil Analphabeten. Ihnen erscheint eine Flucht als der einzige Ausweg», sagt Belgacem. Die Sehnsucht nach einem besseren Leben wird nach seinen Worten zusätzlich dadurch geschürt, dass diejenigen, die es nach Europa geschafft haben, prahlerisch auftreten, wenn sie zum Urlaub in die Heimat kommen. Außerdem wird im Fernsehen häufig über junge Marokkaner berichtet, die es in Europa zu etwas gebracht haben - die beliebte Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär.
«Illegal Eingewanderte arbeiten in Europa und schicken Geld nach Hause», sagt auch der Ladenbesitzer Maafouz. «Nur mit Hilfe derjenigen, die von hier abhauen, können wir hier überhaupt überleben.» Orte wie Fokra brauchten dringend Entwicklungshilfe, meint Maafouz. «Wir haben hier natürliche Ressourcen, doch für die marokkanische Regierung haben einfache Menschen keinen Wert. Alles, was wir wollen, ist doch nur eine normale Infrastruktur.»
Obwohl die Regierung mittlerweile damit begonnen hat, die Stromversorgung auf die ländlichen Gebiete auszudehnen, bekommen die Bewohner von Fokra ihren Strom noch von gemieteten Solarzellen. Für Trinkwasser müssen sie 100 Meter tief graben. Sie leben überwiegend vom Verkauf von Weizen und Linsen, doch die Ernteerträge sind stark von der Wetterlage abhängig. Das wichtigste Standbein sind deshalb Geldsendungen von Familienangehörigen aus Europa.
«Ich gehe, sobald ich das Geld zusammenhabe», sagt denn auch Abdelkadr Maafouz, der 18-jähriger Bruder des Ladenbesitzers. «Wenn wir Strom hätten, würde ich bleiben. Dann könnten wir unsere 18 Hektar Land richtig bewirtschaften.»
(AP)
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