Aktuelle Nachrichten – Forschung
04.07.2012
Foto: Fabrice Coffrini/AP/dapd
Genf – Es ist die Lösung eines der größten physikalischen Rätsel der Gegenwart: Am europäischen Kernforschungszentrum CERN in der Schweiz haben Wissenschaftler mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit das auch "Gottesteilchen" genannte Higgs-Boson gefunden. Die Fehlerwahrscheinlichkeit betrage nur eins zu einer Million, betonten die Forscher. Das Higgs-Boson ist ein fundamentaler Baustein unseres heutigen physikalischen Weltbilds. Es gilt als der Urheber für eine der Grundeigenschaften aller Materie: die Masse.
"Wir haben eine Entdeckung – wir haben ein Teilchen gefunden, das konsistent mit dem Higgs-Boson ist", sagte CERN-Generaldirektor Rolf Heuer am Mittwoch im Auditorium der Einrichtung in Genf. Damit bestätigte er unter donnerndem Applaus und Jubelrufen von Forscherkollegen offiziell, dass die Teilchenphysiker nach mehreren Jahrzehnten der Suche das letzte bislang nicht nachgewiesene Teilchen gefunden haben. Übersetzt in die Laiensprache würde er sagen: "Wir haben es", betonte Heuer.
Der britische Physiker Peter Higgs, der mit anderen Forschern in den 1960er Jahren die theoretischen Grundlagen für das nach ihm benannte Teilchen legte, zeigte sich begeistert. Er habe kaum geglaubt, dass der experimentelle Nachweis noch zu seinen Lebzeiten gelingen werde, sagte der 83-Jährige in Genf. Das sei ein "gewaltiger Erfolg" und "wirklich großartig".
Die CERN-Forscher bezeichnen ihr Ergebnis noch als vorläufig, da die Auswertungen nicht abgeschlossen seien. Man müsse noch prüfen, ob sich das neu entdeckte Teilchen tatsächlich mit Fermionen, den Teilchen der normalen Materie, verbinde. Denn erst dieser Prozess sei es, der der Materie die Masse verleihe – und der das Standardmodell Higgs-Boson charakterisiere. "Dazu brauchen wir vermutlich noch dieses Jahr", prognostiziert der Leiter des Instituts für Experimentelle Kernphysik am Karlsruher Institut für Technologie und langjährige Mitarbeiter am CERN, Professor Thomas Müller, im dapd-Interview.
Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) sprach in Berlin von einer "wissenschaftlichen Sensation". Sie lobte, dass deutsche Forscher einen maßgeblichen Anteil an der Entdeckung des Teilchens hatten. Unter anderem Wissenschaftler aus Mainz und Gießen verwiesen auf ihre Beiträge zum Erfolg.
Schavan sagte, in den vergangenen 15 Jahren habe ihr Ministerium deutsche Hochschulen für ihre Arbeit am Teilchenbeschleuniger des CERN mit insgesamt 175 Millionen Euro gefördert. "Die Ausdauer und Neugier der Wissenschaftler wurde belohnt", sagte Schavan.
Die Präsidentin der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, Johanna Stachel, verwies auf die Bedeutung von Kooperationen in der Forschung: "Der experimentelle Nachweis des Higgs-Boson Teilchens zeigt, dass die schwierigsten Probleme nur dann gelöst werden können, wenn es eine weltweite Zusammenarbeit ohne politische Zwänge und Vorgaben gibt."
(dapd)
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