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Fortschritt oder Stillstand?

Uwe Gepp

04.12.2007

Schüler Dennis Rothe demonstriert während einer Physikstunde in einer 10. Klasse in Bremen die Funktion eines Verbrennungsmotors. (AP Photo/Joerg Sarbach)
Schüler Dennis Rothe demonstriert während einer Physikstunde in einer 10. Klasse in Bremen die Funktion eines Verbrennungsmotors. (AP Photo/Joerg Sarbach)

Frankfurt/Main – Die Fakten zur neuen Pisa-Studie liegen auf dem Tisch – doch der Streit über die Interpretation geht munter weiter. „Ein schöner und ermutigender Erfolg“, jubelt Bundesbildungsministerin Annette Schavan, und das deutsche Pisa-Konsortium um den Kieler Bildungsforscher Manfred Prenzel erklärt, dass „ein substanzieller Zuwachs in der naturwissenschaftlichen Kompetenz festzustellen ist“. Die OECD notiert dagegen kühl: „Die besseren Ergebnisse im Bereich Naturwissenschaften sind allerdings vor allem dem neuen Erhebungskonzept geschuldet und stehen für keinen Leistungszuwachs gegenüber früheren Studien.“

Ja was denn nun? Sind die Schüler in Deutschland besser geworden oder nicht? Bildungspolitiker und das deutsche Pisa-Konsortium sind jedenfalls entschlossen, das Glas eher als halbvoll als halbleer zu interpretieren. Nicht nur bei den Naturwissenschaften: „Wiederum kleine Verbesserungen“ bei der Lesekompetenz sehen die Wissenschaftler und sogar beim unstrittigen Hauptproblem des deutschen Bildungssystems zeige Pisa 2006 „eine Lockerung des Zusammenhangs zwischen sozialer Herkunft und Kompetenz“. Die OECD vermerkt dagegen, die paar Punkte Zugewinn bei der Lesekompetenz seien „statistisch nicht signifikant“ und zum Einfluss des sozioökonomischen Hintergrunds stimmten die jüngsten Befunde „weitgehend mit denen der vorangegangenen Pisa-Untersuchungen überein“.

Der Streit mit der Pariser OECD ist nicht neu und erreichte in den vergangenen Tagen mit den Rücktrittsforderungen der CDU-Bildungsminister an den OECD-Pisa-Koordinator Andreas Schleicher einen Höhepunkt. Vorgeblich ging es darum, dass dieser unberechtigerweise vorab bekannt gewordene Ergebnisse interpretiert habe. Schleicher wies das zurück und sprach von einer „absurden Posse“. Tatsächlich warteten die Gegner von „Mr. Pisa“, der aus einer Abneigung gegenüber dem dreigliedrigen Schulsystem in Deutschland nie ein Hehl gemacht hat“, nur auf einen Vorwand, um sich auf Schleicher einzuschießen.

„Der OECD und deren deutschen Vertretern geht es, um die Einheitsschule zu propagieren, offenbar darum, die deutschen Pisa-Ergebnisse schlechtzureden“, ereifert sich der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, am Dienstag. Er sieht bei der OECD gar „missionarischen Eifer“ am Werk.

Ob die Pisa-Studie tatsächlich für das mittelmäßige Abschneiden der deutschen Schüler verantwortlich ist, ist höchst umstritten. „Dafür gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg“, unterstrich der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos im AP-Gespräch. Zwar sei es möglich, dass es den Zusammenhang gebe. „Das lässt sich aus den Zahlen aber nicht rausziehen“, sagt der Wissenschaftler, der den Deutschland-Teil der in der vergangenen Woche vorgestellten internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) verantwortete.

Eigentlich hatte Schleicher in den 90er Jahren die Pisa-Studie entwickelt, um für die Bildungspolitik endlich belastbare empirische Daten zu gewinnen. Der Streit um die Deutungshoheit der Untersuchung zeigt aber, wie ideologiebeladen das Thema weiterhin ist. In einem sind sich aber alle Beteiligten einig: dass der Pisa-Schock 2001 der Anstoß zu einer umfassenden Bildungsdebatte in Deutschland war. Und dass seitdem durchaus positive Tendenzen sichtbar geworden sind. Der Berliner Professor für die Didaktik der Biologie, Dirk Krüger, wirbt denn auch dafür, bei allen fortbestehenden Problemen die Verbesserungen nicht kleinzureden: „Wir sind im internationalen Vergleich ganz ordentlich dabei.“ (AP)

 

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