Aktuelle Nachrichten Europa – Frankreich äußert sich distanziert zu EU-Plänen von Merkel – Annika Joeres
The Epoch Times - Deutschland

Aktuelle Nachrichten – Europa

"Die deutsche Dampfwalze" Frankreich äußert sich distanziert zu EU-Plänen von Merkel

Annika Joeres

08.06.2012

Präsident Francois Hollande beim France Rio Forum in Paris. Sozialistische Töne aus Frankreich. Foto:Remy de la Mauviniere/Pool/AP/dapd
Präsident Francois Hollande beim France Rio Forum in Paris. Sozialistische Töne aus Frankreich. Foto:Remy de la Mauviniere/Pool/AP/dapd

Paris – Für Frankreich klang die Erklärung von Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Zukunft Europas am Donnerstag offenbar wie eine Drohung: Viele Kommentatoren und Politiker des Nachbarlandes sahen am Freitag die Eigenständigkeit französischer Entscheidungen und das Regierungsprogramm von Francois Hollande in Gefahr. Merkel hatte am Donnerstag gesagt, Brüssel müsse mehr Macht erhalten.

Die Christdemokratin fand sich auf nahezu allen Titelseiten der französischen Medien wieder. Zwei Tage vor den französischen Parlamentswahlen betonte die sozialistische Regierung in Paris ihre Unabhängigkeit von Merkel. "Hollande ist heute der starke Mann gegenüber von Madame Merkel", sagte der Vize-Vorsitzende der französischen Sozialisten, Harlem Désir, am Freitagmorgen in einem Fernsehinterview. Merkel sei unter Hollandes Vorgänger Nicolas Sarkozy an einen schwachen französische Präsidenten gewöhnt gewesen. Jetzt aber verfolge Frankreich sein eigenes Programm.

"Wir müssen Schritt für Schritt auch Kompetenzen an Europa abgeben", hatte Merkel erklärt. Die Zusammenarbeit in der Haushalts-, Steuer- und Wirtschaftspolitik müsse vertieft werden. Außerdem beharrte sie auf einem Schuldenabbau als oberste Priorität.

In Frankreich wurde dieser Wunsch als Warnung an Hollande aufgefasst. Sein linkes Programm enthält zahlreiche Reformen und staatliche Investitionen, die nicht zum Sparkurs und zur politischen Linie von Merkel passen. So hatte Hollande beispielsweise erst in dieser Woche eine Rente mit 60 Jahren für einen Teil der arbeitenden Bevölkerung beschlossen. Dies läuft der deutschen Rente mit 67 Jahren und der CDU-internen Diskussion um eine weitere Verlängerung der Arbeitszeit zuwider.

"Zwischen Hollande und Merkel macht sich Misstrauen breit"

"Zwischen Hollande und Merkel macht sich Misstrauen breit", titelte die konservative Tageszeitung "Le Figaro" am Freitag. "Die deutsche Dampfwalze hat sich Richtung Frankreich in Bewegung gesetzt", behauptete der Kommentator des "Figaro". Die Bundeskanzlerin habe sich nun selbst zu den französischen Parlamentswahlen eingeladen. In Frankreich werden am 10. und 17. Juni die Abgeordneten der Nationalversammlung gewählt. Von der Mehrheit in dem Parlament wird es abhängen, ob Hollande sein Regierungsprogramm unbeeinträchtigt durchsetzen kann. "Wie es so ihre Art ist, hat Merkel schon vor dem Europarat Ende Juni alle Erwartungen gedämpft", schrieb der "Figaro".

Auch die einflussreiche Tageszeitung "Le Monde" befindet, Merkel habe den Wünschen Hollandes eine "weitgehende Absage" erteilt. Sie sieht in den Aussagen von Merkel "mehr einen Spiegel ihrer Koalition mit der ultraliberalen FDP denn ein Entgegenkommen für Frankreich". Schon in ihrem Thesenpapier für die Opposition über das "Wachstum in Europa" habe sie unverhohlen die Politik von Hollande kritisiert. Ein Wachstum sei nur über eine deutlich verringerte Verschuldung zu erreichen, so Merkel. Außerdem sei ein größeres Wachstum zuallererst Aufgabe der EU-Staaten selbst.

Hollande hingegen hatte aus seinen Forderungen eines "europäischen Wachstumspakets" eines seiner zentralen Wahlversprechen vor seinem Sieg am 6. Mai gemacht. Die politischen Strategien der Staatschefs Hollande und Merkel könnten kaum unterschiedlicher sein. Während Merkel unter einer Wachstumsstrategie die weitere Deregulierung des Arbeitsmarktes, Privatisierungen, das freie Walten der Marktkräfte und vor allem den Schuldenabbau versteht, will Hollande den Mindestlohn erhöhen, staatliche Lohnobergrenzen einführen und öffentlich investieren.

Zudem hat der Sozialist mit Arnaud Montebourg einen Industrieminister in sein Kabinett geholt, der den Arbeitern Produktionsmittel wie etwa Maschinen übereignen und hohe Zölle in der EU auf Produkte erheben will, die sozialen und ökologischen Standards der EU widersprechen. Das deutsch-französische Tandem wird bei seinen kommenden Treffen viele hitzige Diskussionen führen können.

(dapd)

 

Hier können Sie sich im Newsletter eintragen.

Folgen Sie uns auf Facebook , Twitter und Google+.

 
Anzeige
Anzeige