Aktuelle Nachrichten Europa – Frankreich entschädigt erstmals Opfer von Atomwaffentests – Tobias Schmidt
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Verantwortung für Opfer Frankreich entschädigt erstmals Opfer von Atomwaffentests

Tobias Schmidt

24.03.2009

Paris – Nach fast 50 Jahren übernimmt der französische Staat erstmals die Verantwortung für Opfer seiner Atomwaffentests. Zehn Millionen Euro werde die Regierung zunächst für die Entschädigung von bis zu 150.000 Betroffenen bereitstellen, erklärte Verteidigungsminister Hervé Morin bei der Ankündigung eines entsprechenden Gesetzentwurfes.

Bislang hatte sich der Staat geweigert, auf die Klagen der an den Tests beteiligten Militärangehörigen und Zivilpersonen über Leukämie und andere Krebserkrankungen einzugehen. Noch 2001 stritt die Regierung ab, bei den insgesamt 210 Tests habe es überhaupt Strahlenopfer gegeben. „Es ist Zeit, dass Frankreich mit sich selbst ins Reine kommt“, sagte Morin am Dienstag.

Sein Gesetzentwurf kehrt die Beweislast um: Künftig müssen nicht mehr die Betroffenen einen Zusammenhang zwischen Atomtests und Krankheit nachweisen, sondern der Staat das Gegenteil, sollte er Anträge auf Entschädigung ablehnen. Wieviel Geld die Regierung insgesamt für die Entschädigung bereitstellen will, konnte Morin noch nicht sagen. Für das erste Jahr seien im Etat des Verteidigungsministeriums zehn Millionen Euro reserviert.

Letzte Tests 1996

Frankreich hatte unter Präsident Charles de Gaulle 1960 in der algerischen Sahara seine erste Atombombe unter freiem Himmel gezündet. Nach der Unabhängigkeit Algeriens wurden die Tests in die pazifische Inselregion Polynesien verlegt. Mit den letzten Test unter dem Mururoa-Atoll sorgte der damalige Präsident Jacques Chirac noch 1995 und 1996 für scharfe internationale Proteste. Zwei Jahre später ratifizierte das Parlament das internationale Teststoppabkommen.

Bei den ersten 14 Tests in der Sahara und in Polynesien habe es Probleme gegeben, räumte Morin ein. Mitarbeiter der Streitkräfte und der beteiligten Firmen sowie die Einheimischen waren nicht hinreichend gegen Strahlung geschützt. Fotos zeigen Menschen, die unmittelbar vor dem Aufsteigen der Atompilze nur Badehosen und Schutzbrillen tragen.

Wie viele Menschen deswegen erkrankt seien, könne man nicht genau beziffern, sagte der Präsident des Veteranenverbandes AVEN, Michel Verger. Die Zahl von etwa hundert Personen, die Morin am Dienstag nannte, sei „abwegig. Bei unterirdischen Tests ist sehr viel Radioaktivität ausgetreten, es gab verpatzte Versuche, Verstrahlungen weit ab von den Testgeländen.“

Auch Einheimische erhalten Anspruch auf Entschädigung

Morin beteuerte, der Anspruch auf Entschädigungen werde von Fall zu Fall geprüft. Auch Einheimische, die nahe der Testgelände lebten, könnten Anträge stellen. Der Gesetzentwurf soll dem Parlament im April vorgelegt werden. Als Grundlage dient eine Liste der Vereinten Nationen über 18 Krankheiten, die auf die Verstrahlung zurückgeführt werden können.

Dass sich die Vorgängerregierungen weigerten, die Verantwortung für Gesundheitsschäden zu übernehmen, führte Morin auf Sicherheitsbedenken zurück. „Lange wurde gefürchtet, dies könnte die enormen Anstrengungen zu einer atomaren Abschreckung gefährden.“ Die Notwendigkeit der Tests bestritt der Verteidigungsminister nicht. „Sie ermöglichten uns den Aufbau einer unabhängigen Abschreckung und machten uns zu einer respektierten Macht.“ (AP)

 

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