Aktuelle Nachrichten – International
14.12.2009
Foto: AP Photo/Khalid Mohammed,file
Bagdad – Es ist Samstagabend im Alwija-Club, und für Sarah al Kimackchi ist Bingo angesagt. Auf den Straßen draußen ist es vielleicht noch nicht so sicher wie früher – immer wieder gibt es Bombenanschläge. Doch die 21-Jährige ist mit ihrer Familie im Club und ganz auf das Spiel fixiert. Vielleicht ist ja heute ihr Glückstag? „Ich spiele Bingo, seit ich ein kleines Mädchen war, und habe noch nie gewonnen“, sagt sie.
Nach langen, blutigen Kriegsjahren erwacht der 85 Jahre alte Club der Bagdader Gesellschaft wieder zum Leben. Die Bar ist geöffnet, arabische Popmusik dröhnt, und zum Bingo samstagabends kommen hunderte Vergnügungslustige, von der Oma bis zum Enkel. Der Ansturm spiegelt das zunehmende Gefühl der Sicherheit in der irakischen Hauptstadt wider sowie das Wiederaufleben einer Gesellschaft, die von der zerstörerischen religiösen Spaltung nichts mehr wissen will. Hierher kommen Sunniten, Schiiten, Christen – egal.
Der Alwija-Club wurde zu Zeiten der britischen Kolonialherrschaft gegründet. Auf seinen Rasenflächen und Tennisplätzen, am Pool und an der Bar traf sich die kulturelle, politische und intellektuelle Elite, sofern sie die Aufnahmebedingungen erfüllte: ein College-Abschluss und eine Fremdsprache. Der Club blühte auch unter Saddam Hussein – bis Anfang der 90er Jahre, als der Diktator dem Land den Alkoholhahn zudrehte, um sich bei erzkonservativen Muslimen und Stammesältesten Liebkind zu machen. Außerdem blieben viele Frauen weg, um den Schürzenjägern aus Saddams Anhang nicht in die Arme zu laufen. „Es wurde wie ein Militärkasino. Keine Drinks. Keine Partys. Was ist denn das für ein Club?“ schaudert es Abdul Rahman Hamsa. Die Familie des 45-jährigen Anwalts gehörte seinerzeit zu den Gründungsmitgliedern des Alwija.
Nach dem Einmarsch der Amerikaner 2003 versuchte sich der Club wieder zu berappeln, wie sein Vizepräsident Kadam Mokdadi berichtet. Doch die meisten Mitglieder waren außer Landes geflohen, und von denen, die geblieben waren, gingen viele aus Angst vor Anschlägen, Schießereien und Entführungen nicht aus dem Haus. Bei Anbruch der Dunkelheit pflegte sich der Club zu leeren. Durch eine Explosion in der Nachbarschaft bekam das Schwimmbecken Risse.
Um neue Mitglieder zu gewinnen, seien die Aufnahmekriterien Bildung und Fremdsprachenkenntnisse aufgehoben worden, sagt Mokdadi. Anstelle von Ärzten, Professoren und Ingenieuren kamen nun die Neureichen, die im und durch den Krieg zu Geld gekommen waren. Viele von ihnen wollten sich auch im Club von ihren Leibwächtern begleiten lassen, doch andere Mitglieder rebellierten: Die Bodyguards mussten draußen bleiben.
Der Wendepunkt kam 2008, als es im Irak deutlich friedlicher wurde. Das Alwija blühte wieder auf. An Bingo-Abenden ist der Parkplatz voll, Musik schallt über den Rasen, die Stimmung ist locker. Mögen die Frauen auf der Straße gewöhnlich ihr Haar bedecken – hier tragen sie Jeans und figurbetonte Oberteile inmitten der Männer. An der Bar wird Alkohol ausgeschenkt. Die Bingo-Tafel im Freien leuchtet, ein Mann ruft die Zahlen und Buchstaben aus. Man zahlt umgerechnet keine drei Euro für einen Platz und kann den ganzen Abend spielen. Zu gewinnen gibt es kleine Geldpreise.
„So was hätte man früher nicht gesehen“, sagt Mokdadi und deutet auf die fröhliche Menge. „Bis 2008 war das kein richtiger Familienclub. Seitdem ist es beinahe wieder normal geworden.“ Der Pool ist repariert, und es gibt wieder „Schiffbruch-Partys“, bei denen man in voller Montur im Wasser landet. Eine Bowling-Bahn soll angebaut werden, ein Sportraum und eine Cafeteria. Der Club zählt rund 4.000 Mitglieder. Eine Familie zahlt eine einmalige Aufnahmegebühr von rund einer Million Dinar (etwa 580 Euro) und einen jährlichen Beitrag von 100.000 bis 150.000 Dinar (58 bis 87 Euro). Es läuft so gut, dass Schulabschluss und Fremdsprache wieder Bedingung sind. Der Club möchte auch unliebsame Mitglieder aus mageren Zeiten wieder loswerden, wie Mokdadi einräumt.
Am Ende des Abends hat Bingo-Fan Al Kimakchi wieder kein Glück gehabt. Aber man ist ja zuversichtlich heutzutage und kommt nächsten Samstag wieder und übernächsten auch. „Hoffen wir, dass es so bleibt“, sagt Samar Edward Hana, ein 60 Jahre alter Beamter im adretten Anzug mit Krawatte, Clubmitglied seit 25 Jahren. „Und dass all die Familien aus dem Ausland wiederkommen.“ (AP)
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