Aktuelle Nachrichten – International
30.09.2011
Oslo – Wird der Arabische Frühling im Herbst mit dem Friedensnobelpreis gekrönt? Der Umbruch in Nordafrika und dem Mittleren Osten steht jedenfalls im Brennpunkt der Spekulationen über den diesjährigen Preisträger, der am 7. Oktober bekannt gegeben wird. Außenseiterchancen werden aber auch der afghanischen Menschenrechtsaktivistin Sima Samar und der EU zugemessen.
Das norwegische Nobelkomitee lässt sich vor der Verkündung nicht in die Karten sehen. Doch nach seinen früheren Entscheidungen zu urteilen, würde die Arabische Revolution die richtigen Kriterien erfüllen. "Das stünde im Einklang mit den Bemühungen, das Augenmerk auf viel beachtete und – besonders wichtig – möglicherweise bahnbrechende Entwicklungen zu richten, die von Bewegungen oder Personen ausgehen", meint der Direktor des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI, Bates Gill.
Das Problem wäre, eine Einzelperson oder Gruppe auszumachen, die den gewaltlosen Geist der Revolution verkörpert und bei der es sich im Nachhinein nicht herausstellt, dass sie die mit über einer Million Euro dotierte Auszeichnung doch nicht so recht verdient hat. Schließlich ist die Entwicklung noch im Gange und das letzte Kapitel der Geschichte noch nicht geschrieben. "Bei diesen Protesten, bei denen es nicht immer eine erkennbare Führung gegeben hat, ist es besonders schwierig", sagt der Direktor des Friedensforschungsinstituts Oslo, Kristian Berg Harpviken.
Seine Favoriten wären die ägyptischen Aktivisten Israa Abdel Fattah, Ahmed Maher und die Jugendbewegung 6. April, die sie als Demokratieforum 2008 auf Facebook gründeten. Sie hätten eine "entscheidende Rolle dabei gespielt, den Protest sowohl im Internet als auch auf der Straße zu mobilisieren", erklärt Harpviken. Seine zweite Wahl wäre der Google-Manager Wael Ghonim, der die Demonstrationen auf dem Kairoer Tahrir-Platz nach dem Sturz von Präsident Husni Mubarak wieder in Schwung brachte.
Drittens denkt Harpviken an die tunesische Bloggerin Lina Ben Mhenni, die mit ihrer Kritik am Regime dem im Dezember begonnenen Aufstand voraus war und sich im sozialen Netzwerk Facebook als "Tunesisches Mädchen" einen Namen machte. Der junge Tunesier, dessen Selbstverbrennung zum Auslöser der Protestwelle wurde, kommt nicht infrage: Die Nobelpreise werden nicht postum verliehen.
Einer Würdigung des Arabischen Frühlings entgegenstehen könnte die am 1. Februar abgelaufene Nominierungsfrist. Auch Harpviken ist nicht sicher, ob einer seiner Favoriten da schon vorgeschlagen war. Zu dem Zeitpunkt war die Demokratiebewegung in Tunesien schon in vollem Gang, doch in Ägypten erst im Werden und anderswo noch nicht ausgebrochen. Allerdings konnten die Preisrichter bis zu ihrer ersten Zusammenkunft am 28. Februar auch eigene Vorschläge einbringen.
Das Komitee ist unabhängig; die fünf Juroren werden vom norwegischen Parlament benannt. Seit der frühere Ministerpräsident Thorbjörn Jagland vor zwei Jahren den Vorsitz übernahm, scheute die Runde nicht vor Kontroversen zurück. So wurde die Ehrung von US-Präsident Barack Obama 2009 schon im ersten Jahr seiner Amtszeit vor allem von dessen politischen Gegnern als voreilig kritisiert. Im vergangenen Jahr wurde der inhaftierte chinesische Dissident Liu Xiaobo ausgezeichnet, ungeachtet allen Protests aus Peking. Die Begründungen zeigen, dass die derzeitige Jury den Preis mit aktuellen Entwicklungen zu verknüpfen versucht: Sie betrachtet den Friedensnobelpreis als Katalysator des Wandels, als Ermutigung für das Bemühen um Frieden, Demokratie und Menschenrechte auf der Welt.
So gesehen, blickt das Komitee vielleicht nach Afghanistan: Dort jährt sich am Tag der Preisverleihung zum zehnten Mal der Beginn des Krieges als Folge der Terrorangriffe in den USA am 11. September 2001. Eine aussichtsreiche Kandidatin wäre da die Ärztin und Politikerin Sima Samar, die Vorsitzende der afghanischen Menschenrechtskommission und UN-Sonderbeauftragte für Menschenrechte in Afghanistan.
Die regelmäßig nominierte Europäische Union auszuzeichnen, hätte in Zeiten von Eurokrise und wachsender nationalistischer Tendenzen ein eigenes Gewicht. Jagland ist ein überzeugter Befürworter der Union, die ihre Mitgliedsländer nicht nur wirtschaftlich als friedliche Nachbarn verbindet.
Auch Julian Assange und Wikileaks sind, wie man weiß, nominiert. Ihre Chancen dürften aber gering sein in Anbetracht der Vergewaltigungsvorwürfe gegen Assange und der Veröffentlichung unredigierter Dokumente, die Informanten gefährden könnten.
(dapd)
Hier können Sie sich im Newsletter eintragen.