Aktuelle Nachrichten – Kultur
18.10.2010
Foto: Monika Rittershaus
"Wie kann man nur so einfallslos sein und eine derart fantastische Sängerin die ganze Zeit im Bett liegen lassen?" beklagte sich ein Besucher nach dem ersten Akt der Hamburger Götterdämmerung. Das Prestige-Projekt "Ring" ging zu Ende mit trostlosen Bildern, großartigen Solisten und erbosten Buh-Rufern. Fairerweise muss gesagt werden: Es gab auch gute Momente unter der Regie von Claus Guth.
Alltag statt Mythos
Wagner beschrieb in seinem Lebenswerk „Der Ring des Nibelungen" (uraufgeführt 1876) den ultimativen Kampf von Gut und Böse. Und natürlich wartet man als Zuschauer der Götterdämmerung gespannt auf die letzten Minuten des Stücks: Auf den Untergang der zugleich Neuanfang ist. Auf dass die alten Götter in Flut und Feuer versinken. Und die Unschuldigen gerettet sind.
Nach allem, was bisher beim Hamburger Ring geschah, war jedoch klar, dass es auch im letzten der vier Teile eher nüchtern als erhaben zugehen würde: Finale Folge eines Familiendramas als Social-Soap. Götter und Helden gibt es nicht. Ein Mythen-Epos, noch dazu solch ein archaisch echtes, kann man nicht auf Hartz IV Niveau herunter brechen. Das provoziert Peinlichkeiten. Trotzdem wagte man den Bruch: Brünnhildes „erlösende Weltentat" wurde der Amoklauf einer enttäuschten Hausfrau.
Verdrehte Geschichte
Am Anfang war die Wohnung. Dank Bühnenbildner Christian Schmidt wohnen alle Protagonisten in einem verschachteltem Haus, das sich drehen kann und viele spannende Raumsituationen zum Spielen bietet. Wie im richtigen Leben, gibt es im Kühlschrank Bier, Butter und Marmelade. Die Lampen im Zimmer kann man sogar an und aus knipsen (Licht: Michael Bauer).
Hauptproblem der Inszenierung: Siegfried liebt Brünnhilde überhaupt nicht mehr. Die große, bedingungslose Liebe des ungleichen Paars wird zur abgehalfterten Beziehungskiste zwischen Metallbett und Küchentisch. Weiße Gardinen auf ganzer Breite atmen den letzten Anflug von Romantik.
Offensichtlich will Siegfried (der sich arbeitslos und Bier trinkend langweilt) seine Alte einfach nur loswerden. Den ganzen Tag liegt sie nur im Bett und beim Frühstück textet sie ihn dann mit Liebeserklärungen zu. Guth beobachtete richtig, dass Brünnhilde in der Eröffnungsszene sehr viel singt und Siegfried relativ wenig. Trotzdem zog er die falschen Schlüsse. "Heil dir, Brünnhilde, prangender Stern!" / „Heil Dir, Siegfried, siegendes Licht!" Das kann nur Liebe sein.
Wenn es rührende Augenblicke gab an diesem Abend, dann kamen sie von Altstar Deborah Polaski, die als großartige Brünhilde die Szene dominierte, majestätisch in ihrer Ehrlichkeit selbst im trivialsten Kontext. Eine Frau ohne Angst vor großen Gefühlen und Erhabenheit, denn sie spielt diese Rolle seit über 20 Jahren. Zwar ist ihr einst unschlagbar rundes Höhenvolumen spitzer geworden, doch der Tiefgang und die Einfühlsamkeit mit der sie Wagners menschgewordene Walküre gibt, bewegen.
Siegfried als Versager
Polaskis Bühnenpartner Christian Franz durfte als Siegfried alles außer Siegfried sein. Ähnlich verstrubbelt wie im vorangegangenen Teil, aber diesmal ziemlich kleinlaut, betrügt er Brünnhilde sehenden Auges. Ein Schwächling durch und durch, fühlt er sich dabei so richtig schlecht. Konsequent häuft sich sein Schuldbewusstsein bis zu dem Punkt, an dem er Hagen seinen Rücken mit einer Geste darbietet, als wolle er sagen: „Ich weiß, dass ich ein Schwein bin. Erschlag mich endlich."
Franz´ heldische Strahlkraft und schauspielerisches Talent legen nah, dass noch viel mehr als das Gesehene in ihm steckt. Seine Verismo-Herangehensweise an Siegrieds Tod, wo er teilweise schmerzhaft aufschreiend neben die Töne intonierte oder undeutlich murmelnd verebbte, wirkte jedoch erzwungen und nicht gerade anrührend. Es entzog der Szene die musikalische Kraft. Tödlich getroffen wankte er dabei durch die Kulisse und starb resigniert am Küchentisch, dem Ausgangspunkt des Dramas.
Die Vorlage für einen seiner besten Momente lieferte ihm sein Blutsbruder: Die Imitation Gunthers. Der wurde originär von Robert Bork als verklemmter Karriere-Typ gegeben. Und das mit Format. Selten fühlt man Solidarität mit Gunther, der wohl undankbarsten Figur des Stücks, aber Bork musste man mögen, Möchtegern cool und nervös von einem Fuß auf den anderen tretend. Sein großartiger Bariton zeigte dabei keinerlei Potenzprobleme. Eine herrlich ironische Darstellung.
Fabelhafte Frauen
Kühl und glatt wie ein Hochglanz-Starlet, bezauberte Anna Gabler als unwiderstehliche Gutrune. Ein zarter Sopran inmitten der Schlachtrösser des Casts, agierte sie in elegant gebändigter Koketterie und Zickigkeit. Die Szene, in der sich Siegfried schlagartig in sie verliebt, geriet höchst spannend und selten glaubwürdig. Mit ihr konfrontiert, braucht Siegfried das vergiftete Sektglas nicht mal auszutrinken. Er zerbricht es in der Hand. Gunther und Hagen können entspannt auf ihren Erfolg anstoßen.
Paillettenglitzernd und fischig glänzten die nicht weniger attraktiven Rheintöchter Ha Young Lee (Woglinde ), Maria Markina (Wellgunde ) und Ann-Beth Solvang (Floßhilde).
Sie planschten in kanalisationsartigen Löchern und spielten mit ekligem Müll, sangen dafür aber umso schöner. Ein dreifaltiger Strom des Wohlklangs und musikalischer Lustgenuss.
Auf sängerisch hohem Niveau bewegten sich auch die Nornen, dargestellt von Deborah Humble ( Erste Norn), Cristina Damian ( Zweite Norn) und Katia Pieweck ( Dritte Norn). Doch ganz ohne Schicksals-Seil fehlte ihrem Auftritt der rote Faden. Sie geisterten verstört und für Siegfried unsichtbar durchs Zimmer.
Stimmlich etwas schwächer wirkte die Waltraute von Petra Lang. Leidenschaftlich und intensiv wie sie spielte, hätte man ihr noch mehr Klangvolumen für ihren schweren Auftritt gewünscht, denn gegenüber Polaskis Brünnhilde blieb sie die kleine Walküren-Schwester.
Ein Bösewicht, der begeistert
Der Star unter den Männern war John Tomlinson als Hagen. Er, der als wilder 80ger Jahre Wotan in Bayreuth begann und legendäre Darstellungen des Göttervaters hinter sich hat, ist mittlerweile zum Sir geadelt, und Vergleiche zu Sean Connery drängen sich auf: Ergraut, aber charismatisch wie eh und je, mit Augen, die man bis weit ins Parkett funkeln sah, spielte er den schlimmen Albensohn im eleganten Anzug. Ein Gentleman-Onkel mit bösem Plan, der ganz ohne Speer auskam.
Dass sein rabenschwarzer Bass kaum gealtert ist, stellte er beim Mannenchor unter Beweis, dessen donnernde Urgewalt allein die gehobenen Ticketpreise wert war. Hoiho, ihr Wagner-Fans, lasset Euch das nicht entgehen! Im Dialog „Schläfst du, Hagen, mein Sohn?" setzte er vibratolos die Apathie des schlafenden Bösewichts gegen Wolfgang Kochs aggressiv deklamatorischen Ausbrüche. Egal, dass er dabei bildlich die Suppe auslöffeln musste, die sein Zwergenvater ihm eingebrockt hatte.
Viele Fragen, wenig Antworten
Warum dieser zielstrebige Hagen angesichts des aufgebahrten Siegfrieds doch nicht nach dem Ring greift, den er die ganze Zeit gejagt hat, blieb ein Rätsel der Regie. Wer die ganzen Holzscheite aufgeschichtet hatte, die im dritten Akt ominös im Weg standen, wurde auch nicht geklärt. Ebenso rätselhaft: Warum feiern die Götter, schemenhafte Erinnerungen an Wotan, Fricka und Walküren im ersten Stock, kurz vor Schluss noch eine Party mit Clownsnasen und Papphütchen? Was ist bitte daran lustig, wenn Brünnhilde ihnen das Ende ihrer Welt ankündigt?
Und so kam er endlich, der große Moment: Minutenlang stand Deborah Polaski vorne allein im Bühnenportal, als hätte der Regisseur keine Antwort auf den Schlussgesang der Göttertochter. Von Regieanweisungen unbehelligt, entfaltete sie noch einmal all die grenzenlose Liebe und Leidenschaft ihrer Brünnhilde.
Ein beeindruckendes Gasflammen-Feuer brach aus. Sanft regnete es apokalyptische Aschefetzen. Polaski hätte es verdient gehabt, sich zum Sterben in das brennende Haus stürzen zu dürfen. Stattdessen schnitt sie sich mit dem Schwert Nothung die Pulsadern auf und träumte dabei, Siegfried würde wieder bei ihr daheim am Fenster stehen. Und das war das Schlussbild.
Geschmähte Chefin
Mit rundem, wogenden Klang meisterten Generalmusikdirektorin Simone Young und die Hamburger Philharmoniker die düsterste aller Wagner-Partituren. Großzügig phrasiert in riesigen Spannungsbögen erreichten sie eine schlüssige und sehr musikalische Dramaturgie.
Von kleinen Nervositäten abgesehen, lieferte das Orchester eine Spitzenleistung.
Die tiefen Schmelzklänge der Blech- und Holzbläsern mischten sich perfekt zur beklemmenden Götterdämmerungs-Atmosphäre. Das ausgerechnet der Streichereinsatz des Schlussthemas wackelte, war schade, aber kein Grund die Dirigentin so auszubuhen, wie dann geschah. Vielleicht entlud sich die Wut des harten Kerns der Unzufriedenen im Publikum aber einfach dagegen, dass sie sich als Intendantin einen "Ring" mit bewusst unpopulärem Regie-Konzept geleistet hatte.
Die Sänger jedoch wurden ausnahmslos gefeiert. Und wer die große Umarmung sah, mit der sich Deborah Polaski bei ihrem kleinen Tenorpartner Christian Franz bedankte, der ahnt, dass diese Frau auch lebt, was sie da singt. Es gibt sie also doch noch, die Götter und Helden ...
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