Städtereisen - Kulturreisen - Kurztripps – Führerschein-Erlebnisse einer deutschen Chinesin – Ying Hartmüller
The Epoch Times - Deutschland

Aktuelle Nachrichten – Städtereisen & Kulturreisen

Abenteuer auf der Straße Führerschein-Erlebnisse einer deutschen Chinesin

Ying Hartmüller

06.10.2011

Rush Hour in Beijing, aber eigentlich sieht es auf den Straßen dort immer so aus.     Foto: Martina Böhner  / pixelio.de
Rush Hour in Beijing, aber eigentlich sieht es auf den Straßen dort immer so aus.

Foto: Martina Böhner / Pixelio

Vielleicht haben einige Leser schon einmal etwas über die chaotische Verkehrslage in Peking gehört. Ich komme aus Peking und mache zurzeit in Deutschland den Führerschein. In meinen Fahrstunden habe ich festgestellt, wie sehr die Erfahrungen aus meiner Heimat mich beim Fahren in Deutschland stören.

Das Verhalten der Autofahrer in China ist ganz anderes als in Deutschland. Meine Schwester wohnt in Peking und hat schon seit über zehn Jahren einen Führerschein. Sie sagte: „Beim Fahren müssen die Augen alle Himmelsrichtungen beobachten und die Ohren die Geräusche von überall wahrnehmen." Dieser Spruch stammt ursprünglich aus der Kampfkunst, um die Wachsamkeit eines Kämpfers zu beschreiben. Aber in Peking ist es wirklich erforderlich, mit dieser Wachsamkeit Auto zu fahren.

Bei Ampeln, an denen keine Überwachungskamera angebracht ist, ist damit zu rechnen, dass sich viele Autofahrer nicht an die Regeln halten. Sie bezeichnen die rote Ampel als „Dunkelorange" und betrachten sie nur als einen Vorschlag fürs Anhalten. Dazu gibt es noch Autos von Militär, Polizei und Botschaften, die mit schwarzen oder weißen Nummernschildern gekennzeichnet sind. Sie müssen sich angeblich nicht an die Verkehrsregeln halten und haben bei einem Unfall grundsätzlich Recht (die normalen Autos in China haben ein blaues Nummernschild). Außerdem halten sich alle Fußgänger und fast alle Radfahrer nicht an die Regeln. Deshalb ist große Wachsamkeit nötig, wenn man in Peking Auto fährt.

Erlebniswelt China

Seit fast zehn Jahren bin ich in Deutschland und die Verkehrssituation in Peking zu erleben, ist mittlerweile ein Abenteuer für mich. Einmal saß ich hinter dem Beifahrersitz, als ein Kollege fuhr. An einer Kreuzung wollten wir links abbiegen. Anstatt in die Mitte zu fahren und zu warten, bis der Gegenverkehr vorbei war, gab er Gas und fuhr einfach durch. Ich sah, dass das geradeaus fahrende Auto ungebremst auf uns zukam und hupte. Mein Kollege antwortete mit der Lichthupe und erhöhte die Geschwindigkeit. Aus meinem Blickwinkel sah ich, wie das andere Auto im letzten Moment bremste. Als diese Aktion vorbei war, bemerkte ich erst, dass meine Hände in den Sitz gekrallt und die Handoberflächen feucht waren. Ich sagte meinem Kollegen: „Fahr doch nicht so wild!" Er antwortete: „Wieso wild? Ich gehöre zu denen, die anständig fahren."

Meine Schwester benutzt wegen dieser Unsicherheit normalerweise ein Taxi, obwohl sie einen Führerschein und ein Auto besitzt. Als ich mit meinem Mann in China Urlaub machte, entschied sie sich, uns zu fahren und bat mich, auf dem Beifahrersitz zu sitzen und ihr beim Erkennen von Gefahren zu helfen. Einmal fuhren wir durch eine Gasse und auf unserer Straßenseite parkten Autos. Uns kam ein Auto entgegen. Für mich war die Situation ganz klar: Das Hindernis ist auf unserer Seite, also müssen wir warten. Deshalb sagte ich meiner Schwester: „Lass uns anhalten." Sie hielt an, aber das Auto hinter uns hupte zum Protest und fuhr weiter. Dann sagte meine Schwester zu mir: „Schau mal, was hilft es, wenn ich mich an die Regeln halte."

Ein „neuer Beruf"

Ein anderes Mal fuhren wir am Abend von der Innenstadt nach Hause. Beide waren wir damit beschäftigt zu beobachten, ob sich ein Fußgänger plötzlich unserem Auto nähert. Meine Schwester war die ganze Zeit bremsbreit. Als wir die Stadtautobahn erreichten, dachte ich, dass wir endlich aufatmen könnten. Ich war sehr überrascht zu sehen, dass ein Fußgänger in der Nähe des Mittelstreifens stand, manche von ihnen überquerten sogar die Autobahn. Ich fragte meine Schwester, was sie dort zu suchen hätten. Sie meinte: „Nichts, sie machen nur einen Spaziergang nach dem Abendessen."

Später erzählte sie mir, dass sogar ein neuer „Beruf" in Peking entstanden sei. Aufgrund einer neuen Verordnung tragen die Autofahrer bei einem Unfall, in den Fußgänger verwickelt sind, die volle finanzielle Verantwortung, unabhängig davon, wer wirklich Schuld an dem Unfall ist. So kam es dazu, dass sich manche Menschen, deren Familie sich in einer schwierigen finanziellen Situation befindet, absichtlich überfahren lassen, um anschließend den Fahrer zu erpressen. Das wiederum hat zur Folge, dass Autofahrer, die in einen Unfall mit Fußgängern verwickelt werden, oft Fahrerflucht begehen. Noch schlimmer ist, dass nachfolgende Autos nicht anhalten und helfen, weil es schon vorgekommen ist, dass die Helfer dann anstelle des Unfallgegners angezeigt worden sind.

„Sie hatte Grün"

Seitdem ich in Deutschland den Führerschein mache, bemerke ich in meinen Fahrstunden, dass mir die Erfahrungen aus Peking Probleme bereiten. Nachdem ich auf dem Übungsplatz einwandfrei starten, schalten und lenken konnte, fuhr ich endlich auf den richtigen Straßen. Wenn mein Auto direkt vor einer Ampel stand und meine Ampel grün wurde, schaute ich mich oft erst um, um sicherzustellen, dass die Autos tatsächlich an der roten Ampel angehalten haben, anstatt mich auf das korrekte Anfahren zu konzentrieren. Das Ergebnis war, dass ich das Auto oft vor einer Ampel abwürgte. Obwohl mein Fahrlehrer mir oft sagte, dass ich mich beim Starten mehr auf das Auto konzentrieren solle, fiel es mir schwer, das umzusetzen.

Beim Linksabbiegen hatte ich große Schwierigkeiten, selbst wenn es extra eine Ampel dafür gab. Als ich mich das erste Mal in dieser Situation befand, bremste ich mitten auf der Kreuzung und blickte in alle vier Richtungen, um sicherzustellen, dass die Autos tatsächlich anhielten. Mein Fahrlehrer fragte mich: „Wo schaust du hin? Du weißt doch ganz genau, dass nur die Fußgängerampel in deiner Richtung grün ist und du nur darauf achten musst." Ich dachte dabei: „Wenn ich das tun würde, wäre ich in Peking wahrscheinlich gestorben und es nützt mir nichts, wenn auf meinem Grabstein steht: ‚Sie hatte Grün‘."

Vertrauen kann man lernen

Eines Tages fuhr ich in einem Wohngebiet mit sehr schmalen Straßen. Auf der anderen Seite parkten Autos und mir kam ein Auto entgegen. Ich dachte sofort: „Lässt er mich durch oder wird er Gas geben und sich vordrängeln?" Ich fuhr erst weiter, als ich sah, dass er anhielt. Ich winkte dem Autofahrer und sagte: „Danke". Mein Fahrlehrer war überrascht und fragte: „Du bedankst dich, weil er sich an die Regeln gehalten hat?!"

Die Wachsamkeit, die in Peking fürs Autofahren notwendig ist, führt dazu, dass ich in Deutschland unnötig oft auf die Bremsen trete. Ein anderes Mal fragte mein Fahrlehrer, warum ich meine Geschwindigkeit auf einmal reduzierte. Ich antwortete ihm, dass ich unsicher sei, ob die Fußgänger vielleicht die Straße überqueren würden. Er verstand mich nicht und sagte: „Sie sind nicht sehr nah an der Fahrbahn und es gibt keine Anzeichen dafür, dass sie die Straße überqueren möchten. Außerdem ist hier keine Spielstraße. Wieso denkst du, dass du bremsen sollst?"

Mein Fahrlehrer sagte mir: „Du kannst nicht grundsätzlich annehmen, dass sich die anderen Verkehrsteilnehmer nicht an den Regeln halten. Sonst kannst du kein Auto fahren. Du hast gar kein Vertrauen in die anderen. Außer bei Kindern und älteren Leuten sollst du davon ausgehen, dass die anderen sich an die Regel halten." Später sagte er mir, dass ein anderer chinesischer Schüler das gleiche Problem habe wie ich. Langsam erkenne ich mein Problem und lerne, den anderen Verkehrsteilnehmern zu vertrauen.

 

Hier können Sie sich im Newsletter eintragen.

Folgen Sie uns auf Facebook , Twitter und Google+.

 
Anzeige
Anzeige