Aktuelle Nachrichten – International
29.05.2012
Foto: Maja Hitij/dapd
Jerusalem – Der Präsident schreibt. Ganze siebeneinhalb Minuten. Um ihn herum lauert ein Pulk von Journalisten und Kameraleuten, die unbedingt wissen wollen, was er da nur so lange einträgt ins Gästebuch der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vashem in Jerusalem. Die Mikrofonangeln werden schwer und sinken zu Boden. Die ersten Fotografen legen die Kamera aus der Hand. Joachim Gauck schweigt und schreibt.
Auch für den Rundgang durch das beeindruckende, im Jahr 2005 eröffnete neue Museum haben sich der Bundespräsident und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt zuvor Zeit genommen. Die Gedenkstätte will die von den Nazis ermordeten sechs Millionen Juden der Anonymität entreißen. Die Besichtigung mündet in die Halle der Namen, die einmal allen Holocaust-Opfern ein individuelles Personenblatt widmen wird. Weit über vier Millionen Kärtchen haben die Ausstellungsmacher bereits zusammengetragen.
Gauck kennt Jad Vashem. Er war privat schon einmal hier vor ein paar Jahren. Die DDR-Staatsführung habe sich lange davor gedrückt, "die deutsche Verantwortung für die Shoah zu übernehmen", bedauert der frühere Bürgerrechtler in Israel. In Kirchenkreisen und bei oppositionellen Künstlern in der DDR sei es dagegen schon damals "selbstverständlich" gewesen, die Nähe zu Israel und zum jüdischen Volk zu suchen.
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, begleitet Gauck bei dem Rundgang durch das Museum. "Hier ist mein Vater befreit worden", sagt er vor einem Foto, das überlebende KZ-Häftlinge aus Buchenwald zeigt. Gemeinsam mit seinem schweigenden Amtskollegen Simon Peres steht Gauck schließlich in der Halle der Namen. Peres ist 88 Jahre, Gauck 72 Jahre alt. Beide sind Zeitzeugen der Katastrophen des 20. Jahrhunderts.
Es folgen eine Kranzniederlegung und ein Gang durch das Mahnmal für die ermordeten Kinder. Besuche in der Holocaust-Gedenkstätte gehören für deutsche Präsidenten zum Pflichtprogramm bei Staatsbesuchen in Israel.
Gaucks Vorgänger Christian Wulff hatte 2010 mit einer Medieninszenierung versucht, auf das fortwährende Bekenntnis Deutschlands zur Verantwortung für den Holocaust aufmerksam zu machen. Er nahm damals seine 17 Jahre alte Tochter Annalena mit, um die Erinnerung an die Naziverbrechen wach zu halten.
Derlei Showeffekte sind Gaucks Sache nicht. Er setzt auf Emotion und Erkenntnis, will Wahrhaftigkeit demonstrieren. Bereits unmittelbar nach seiner Ankunft in Israel hatte er am Montag gemeinsam mit Graumann das Grab des früheren Zentralratspräsidenten Ignaz Bubis besucht, weil er ihn persönlich kannte. Die "Medienmenschen" blieben außen vor.
Nach seinem Besuch in Jad Vashem schweigt Gauck also und schreibt und schreibt. Was der Bundespräsident und Theologe dann vorträgt klingt nach Psalm, nach einem Gebet und – wenn man so will – auch nach einer lyrischen Entgegnung auf das Anti-Israel-Gedicht "Was gesagt werden muss" des Literaten Günter Grass.
Der Text von Gauck: "Wenn du hier gewesen bist, sollst du wiederkommen. Zuerst nur: die Flut der Gefühle, erschrecken vor dem Ausmaß des Bösen, mitleiden, mitfühlen, trauern - wegen eines einzigen Kinderschicksals oder wegen der Millionen unschuldiger Opfer.
Und wiederkommen sollst du, weil auch du wissen kannst: Namen der Opfer - wie viele kennst du? Namen der Täter - deutsche zumeist - Verursacher, Vollstrecker, auch Namen von Schreckensorten wirst du dir einprägen und wirst erschrecken vor dem brutalen Interesse von Herrenmenschen.
So wirst du dann hier stehen und dein Gefühl, dein Verstand und dein Gewissen werden dir sagen: Vergiss nicht! Niemals. Und steh zu dem Land, das hier derer gedenkt, die nicht leben durften."
(dapd)
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