Aktuelle Nachrichten – Psyche
19.02.2010
Foto: Claudia Hautumm/Pixelio
Frankfurt/Main (apn) Schüsse, Chaos, Evakuierung und eine große Ungewissheit: Wenn Gewalttaten an Schulen wie in Ludwigshafen passieren, sind viele Kinder und Jugendliche schockiert. Manche stecken die Ereignisse gut weg. Andere brauchen Monate, um über die schrecklichen Bilder hinwegzukommen. Damit aus den Erlebnissen keine bleibenden Schäden werden, kümmern sich meist Psychologen und Seelsorger um die Betroffenen.
Nach den Amokläufen von Erfurt, Winnenden, Emsdetten oder Ansbach haben Psychologen in Deutschland viel Erfahrung im Umgang mit jugendlichen Opfern. Seit dem Jahr 2002 existiert zum Beispiel das Kriseninterventions- und Bewältigungsteam bayerischer Schulpsychologen (Kibbs), das bei Amokläufen, Gewalttaten oder Unglücksfällen zum Einsatz kommt. Die Experten helfen nicht nur der Schulleitung beim Krisenmanagement, sondern kümmern sich vor allem um die Schüler.
Vor Ort erleben die Helfer bei den Opfern Schrecken und Entsetzen. Viele können das Erlebte nicht fassen, wie Kibbs-Sprecher Bruno-Ludwig Hemmert berichtet. „Manche sind versteinert, bei manchen gibt es viel Redebedarf.“ Für die Schüler ist es nach Erfahrung der Psychologen wichtig, über die Tat informiert zu werden, denn mit dem Schock geht oft die Orientierung verloren. „Das Vertrauen in die Sicherheit ist grundlegend erschüttert“, sagt Hemmert.
Bei der Betreuung müssen Helfer auf Kinder anders als auf Erwachsene eingehen. Die Frankfurter Notfallseelsorgerin Irene Derwein etwa berichtet, dass bei einem Einsatz mit Kindern viel mehr Helfer gebraucht werden. „Wenn man sich einmal mit Kindern beschäftigt, kann man nicht einfach wieder gehen“, sagt die Pastorin, die ein über 40-köpfiges Team von zumeist ehrenamtlichen Helfern leitet. Auch sei wichtig, dem Entwicklungsstand angemessen zu reagieren. Kleine Kinder brauchen etwa eher körperliche Wärme als größere.
Ob jung oder alt, Gewalttat oder Unfall: Die Psychologen wollen den Opfern auch klarmachen, dass etwa Übelkeit, Herzrasen oder Schlaflosigkeit normale Reaktionen des Körpers sind, der nach einem schlimmen Erlebnis im Ausnahmezustand ist. Aber auch emotionale Reaktionen wie Taubheit, Leere oder Schuldgefühle gibt es bei manchen Opfern. „Einige zweifeln an sich selbst. Da ist es wichtig, ihnen zu erklären, was mit ihnen passiert“, sagt der Psychologe und Lehrer Hemmert.
Bei Gewalttaten an Schulen können nach Erfahrung der Psychologen Mitschüler helfen, die Situation zu überwinden. „In der Regel ist die Klasse die wichtigste Ressource“, betont Hemmert, der auch nach dem Amoklauf von Erfurt im Einsatz war. Denn die Schüler haben eine schlimme Situation nicht nur gemeinsam erlebt und können sie gemeinsam bewältigen. Die Klasse steht auch für einen geregelten Alltag, der für das Sicherheitsgefühl wichtig ist.
Deswegen ist die tagelange Schließung einer Schule kein Patentrezept. So zeigte sich bei dem Amoklauf in Ansbach im vergangenen Jahr, dass die Hälfte der Schüler schon am folgenden Tag wieder in die Schule ging, wie Hemmert sagt. In solchen Situationen können sich Kinder und Jugendliche auch gegenseitig helfen und Trost spenden.
Mit der längerfristigen Bewältigung geht jeder Mensch anders um. Ein Drittel der Betroffenen kommt schon nach wenigen Wochen mit den Belastungen klar. Bei einem weiteren Drittel dauert es etwas länger, wie Hemmert berichtet. Und bei wiederum einem Drittel besteht die Gefahr einer posttraumatischen Belastungsstörung. In diesem Fall sind Traumatherapeuten gefragt. „Das übersteigt unsere Kapazität.“
Wichtig für die psychologischen Ersthelfer ist, dass niemand vergessen wird und durch das Netz fällt, damit es nicht soweit kommen muss. „Es ist wichtig, die Betroffenen zu identifizieren und ihnen ein Angebot zu machen“, wie Hemmert sagt. (AP)
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