Aktuelle Nachrichten – Forschung
22.01.2010
Foto: Rainer Sturm/Pixelio
Wissenschaftler aller Nationen entdecken Schritt für Schritt, dass Pflanzen viel mehr als nur primitive und passive Wesen sind. Einer von ihnen, Ian Baldwin von der Abteilung für Molekular-Ökologie am Max-Planck-Institut in Deutschland, behauptet, dass Pflanzen nicht nur chemische Substanzen abgeben können, um sich gegen feindliche Insekten zu verteidigen, sondern auch durch ein komplexes Vokabular von Nukleinsäuren untereinander kommunizieren.
Professor Baldwin - von seinen Kollegen auch scherzhaft als „Pflanzenflüsterer" bezeichnet - entdeckte, dass diese Lebensformen ihren botanischen Kameraden nicht nur ihre Verletzungen mitteilen, sondern auch wie und wo sie verletzt sind. Diese komplexe inter-botanische Kommunikation, die Gegenstand umfangreicher Studien der vergangen Jahre war, zeigt, dass Pflanzen eine Art „grüne Intelligenz" besitzen.
Vielleicht wäre es nie zu Baldwins aktuellen Studien gekommen, wenn Cleve Backster in den 60-erJahren nicht mit Grundlagenexperimenten begonnen hätte. Obwohl er von manchen wegen seiner Entdeckungen verspottet wurde, lieferte er für viele andere eindeutige Beweise dafür, dass Pflanzen Emotionen und erweiterte telepathische Fähigkeiten haben.
Die Backster-Experimente
Seit 1962 bildete Backster Polizisten und Strafvollzugsbeamte zur Benutzung von Lügendetektoren (Polygraphen) aus. Sein Einstieg in die Forschung als Vorreiter auf diesem Gebiet begann mit dem spontanen Einfall, eine der Topfpflanzen im Unterrichtsraum mit dem Lügendetektor zu verbinden. Nachdem er die Elektroden an ihren Blättern befestigt hatte, begoss er die Pflanze, worauf der Polygraph plötzlich einen Ausschlag wie bei einer positiven menschlichen Emotion zeichnete.
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Neugierig geworden entschied Backster, gleich die Grenzen dessen, was er beobachtet hatte, auszutesten. Als er sich überlegte, auf welche Art Behandlung die Pflanze wohl am ehesten reagieren würde und daran dachte, ihre Blätter zu verbrennen, zeichnete der Polygraph eine Kurve wie sie auftritt, wenn ein Subjekt eine Gefahr spürt. Die Pflanze schien auf seinen Gedanken reagiert zu haben. Diese unfassbare Enthüllung veranlasste Backster sowie andere Wissenschaftler weltweit, die Forschung auf diesem Gebiet unbedingt auszudehnen, um das Geheimnis über das „Bewusstsein" der Pflanzen zu enträtseln. Viele dieser Experimente sind in dem Buch „Das geheime Leben der Pflanzen" von Peter Tompkins und Christopher Bird detailliert aufgeführt.
„Auch als Backster und seine Mitarbeiter andere Pflanzen und andere Instrumente an unterschiedlichen Plätzen im ganzen Land verwendeten, konnten sie ähnliche Beobachtungen machen. Die Angelegenheit musste weiter untersucht werden. Mehr als 25 unterschiedliche Pflanzen und Obstsorten - einschließlich Salat, Zwiebeln, Orangen und Bananen - wurden getestet. Alle Beobachtungen ergaben eine völlig neue Sichtweise auf das Leben selbst - mit einigen sensationelle Schlussfolgerungen für die Wissenschaft." (Zitat aus dem Buch Das geheime Leben der Pflanzen).
Während Backster entdeckte, dass Pflanzen zweifellos Gedanken haben und auf höheren Ebenen als bisher angenommen kommunizieren, waren Baldwin und andere in der Lage, einige der komplexen Mechanismen hinter diesen Botschaften zu entschlüsseln, indem sie die damit in Verbindung stehenden chemischen Veränderungen isolierten.
Die „grüne Sprache"
Nachdem ein Elektroingenieur aus Japan von den Experimenten Backsters gelesen hatte, machte er sich daran ein Gerät zu entwickeln, um den Gedanken von Pflanzen eine Stimme zu geben. Gemeinsam mit seiner Frau, einer leidenschaftlichen Gärtnerin, war er in der Lage, zu einem Kaktus zu sprechen und ihn sozusagen zum Sprechen zu bringen. Der Kaktus, der mit dem Gerät verbunden war, produzierte ein variierendes _Summen mit einer wahrnehmbaren emotionalen Komponente als direkte Reaktion auf die Worte der Frau.
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Obwohl Pflanzen nicht auf die gleiche Weise wie andere Organismen kommunizieren - sie machen keine verständlichen Laute oder Gesten - konnte dennoch ihre Fähigkeit, eindeutige Botschaften zu übermitteln, bewiesen werden.
Nach Jahren der Forschung entdeckten Wissenschaftler, dass Pflanzen durch kleine Ribonukleinsäuren (smRNA) - hormonartige Substanzen - in der Lage sind, Krankheiten und andere Gefahren abzuwehren, um Beistand zu bitten und ihr Leid anderen grünen Gefährten zu klagen. Bisher kannte die Wissenschaft die smRNAs nur als Übermittler von genetischen Informationen zwischen dem Erbgut und einem Protein, das in Nervenzellen bestimmte Vorgänge unterbindet. Baldwin und sein Team entdeckten, dass diese komplexen Chemikalien den Entwicklungsprozess von Pflanzen steuern können. Mit Hilfe einer wilden Tabakpflanze, der Nicotiana attenuate, fanden Forscher heraus, dass diese smRNAs ein kompliziertes Vokabular zum Schutz vor Schädlingen in sich tragen.
Nach der Aufschlüsselung des gesamten smRNA-Vokabulars der Tabakpflanzen hatte Baldwins Team in den Ribonukleinsäuren über 110.000 „Wörter" mit Längen von 15 bis 30 Buchstaben gefunden. Mit diesem „Wörterbuch" konnte in einem späteren Experiment gezeigt werden, dass sich die RNA-Übertragung und somit die „Wortwahl" nach einem Insektenangriff änderte; dadurch ergab sich bei den Abwehrgenen eine Anpassung.
Aufruf zur Verteidigung
Pflanzen sprechen nicht nur untereinander, sie rufen auch - wenn nötig - andere Organismen zu Hilfe. Zum Beispiel reagieren verschiedene Arten auf die Bedrohung durch Insekten, indem sie molekulare Botschaften aussenden, die wiederum Feinde der Angreifer anlocken. Außerdem empfangen die nebenstehenden Pflanzen ebenfalls Botschaften, die sie dazu anregen, sich dem Ruf nach Hilfe anzuschließen, sodass sie sich als Gruppe gemeinsam verteidigen können.
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In der Pflanzenwelt stellen Insekten nicht die einzige Bedrohung dar; manchmal können auch andere Pflanzen Feinde sein. 2007 entdeckten Forscher an der McMaster-Universität in Hamilton, Ontario, dass Pflanzen auch um Raum streiten. Die von der Royal Society im Journal „Biology Letters" veröffentlichte Studie konnte beweisen, was Gärtner seit Jahrhunderten wissen: bestimmte Pflanzen möchten nicht zu nahe beianderen stehen. Wissenschaftler untersuchten eine am Strand wachsende Pflanze mit dem Namen „Great Lakes Sea Rocket" und stellten fest, dass sie sich in der Nähe von Artgenossen wohlfühlte, wohingegen fremdartige Nachbarn durch vermehrte Wurzelbildung abgewehrt wurden. Da die „Sea Rocket" durch ihr überschießendes Wurzelwachstum der ganzen Umgebung die Nährstoffe und das Wasser entzog, mussten die Eindringlinge bald absterben.
Sicher werden diese Ergebnisse für die Landwirtschaft der Zukunft ihren Beitrag leisten - zum Beispiel durch die Verwendung von Pflanzen im Ackerbau, die Räuber von den Feldfrüchten fernhalten. Vor allem eröffnen uns aber die komplexen geheimen sozialen Interaktionen der Pflanzenwelt eine völlig neue Sichtweise auf unsere Welt. Dies veranlasst uns zu der Frage, welche anderen Formen der Kommunikation noch bestehen. Wie können Pflanzen ohne Gehirn denken und auf Reize reagieren? Wie können sie ohne Sinnesorgane von der Umgebung um sich herum wissen und sich an sie anpassen?
Dieser Artikel auf Englisch: Green Intelligence
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