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Kinderlähmung Gelähmt und doch voller Energie

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26.10.2012

Dörte Halbekath - Ein Paar meistert die Folgen der Kinderlähmung Foto: dapd/Timur Emek
Dörte Halbekath - Ein Paar meistert die Folgen der Kinderlähmung

Foto: dapd/Timur Emek

Berlin – Geteiltes Leid ist halbes Leid: Für Dörte Halbekath und Heinz Pfingst trifft dieser Satz vermutlich mehr zu, als für viele andere. "Wenn wir an der See sind, dann stützt sich Heinz auf meinen Schultern ab, damit wir ins Wasser kommen", sagt Halbekath. Schirm und Liegestuhl trägt hingegen er, das fällt ihr schwer. Das Paar, das im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg in einer gemütlichen Erdgeschosswohnung wohnt, lebt mit den Folgen der Kinderlähmung. Bei ihr sind die Arme betroffen, bei ihm Beine. "Wenn man uns zusammenbauen würde, wären wir ein passabler heiler Mensch", sagt Pfingst und beide lachen herzlich.

Die zwei "Polios", wie sie sich selbst nennen, infizierten sich, als die heutige Impfung gegen die Poliomyelitis, im Volksmund Kinderlähmung, in Deutschland noch nicht durchgeführt wurde. "Ich habe mich angesteckt, als ich 16 war, drei Monate bevor die Schluckimpfung kam", sagt Pfingst. Er sei damals eine richtige Sportskanone gewesen. "Ich habe halb krank in der Schule noch eine Sportprüfung abgelegt, das war zu viel für mein Immunsystem", fügt der 67-Jährige hinzu. Mit den Lähmungserscheinungen sei es schlagartig losgegangen. "Es war, als ob mir vom Bauch abwärts eine Dampfwalze über den Körper gefahren sei", erklärt Pfingst.

"Da habe ich ja fast noch Glück gehabt", wirft die 60-Jährige Halbekath ein, die neben ihrem Lebenspartner auf einem Lehnsessel sitzt, "mich hat es im Urlaub erwischt". Damals sei sie drei Jahre alt gewesen und keiner wusste so recht, was mit dem fiebrigen Kind war. "Erst als ich schon wieder zuhause war und plötzlich nicht mehr die Fliege von meiner Nase wegscheuchen konnte, haben alle um mich herum Alarm geschlagen". Mit Tatütata sei es ins Krankenhaus gegangen und gleich an die eiserne Lunge, sagt die studierte Psychologin. Ohne das Beatmungsgerät hätte es für die dreijährige Dörte Halbekath schlecht ausgesehen. "Ich war eineinhalb Jahre im Krankenhaus". Die Verwandten durften aus Ansteckungsgefahr vorerst nur hinter Glas die kleine Patientin besuchen.

Geteiltes Leid - geteiltes Lachen

In den Jahren, in denen sich Halbekath und Pfingst mit dem Virus infizierten, war der Erreger in Deutschland und Europa noch weitverbreitet. Erst mit den ersten Impfungen Anfang der 60er-Jahre sank die Zahl der Infektionen rapide. In Deutschland leben derzeit etwa 60.000 Betroffene mit den Folgen der Polioerkrankung. Und auch, wenn es das Ziel der Weltgesundheitsorganisation war, die hochansteckende Krankheit bis 2000 auszurotten, ist das Virus weiterhin in Nigeria, Pakistan und Afghanistan zuhause.

"In Deutschland sind wir Betroffene eigentlich eine aussterbende Gruppe", sagt Pfingst. Gerade aus diesem Grund sei es für sie oft schwierig, gute ärztliche Betreuung zu finden. Bei Kuren müsse oft mit den Kassen ein Kampf ausgefochten werden. "Für alle Polios wäre es gut, jedes Jahr in Kur zu gehen, um vorhandene Fähigkeiten zu erhalten", sagt Pfingst. Für Halbekath und Pfingst ist die Kur nicht nur wegen der Erholung ein besonderer Ort, sie haben sich vor acht Jahren bei einem Kuraufenthalt kennengelernt. "Im Grunde genommen fühle ich mich nur in der Kur, unter vielen anderen Polios, so richtig wohl", sagt Halbekahn. Im normalen Leben hadere sie immer wieder mit ihrem Schicksal und ihren begrenzten Möglichkeiten. Sie habe es satt, sich immer wieder aufs Neue erklären zu müssen.

Für ihren Lebenspartner Pfingst, der auch eine Selbsthilfegruppe leitet, ist es über die Jahre schwerer geworden, die Krankheit zu ertragen. Ihm bereitet das Post-Polio-Syndrom Ärger - ein langsames Schwinden der Kräfte wohl aufgrund von Überlastung. Es sei ein wenig so, als ob die Krankheit ein zweites Mal ausbreche, sagt Pfingst. Die Kraft in seinen Beinen schwindet. Heute kann der gelernte Elektromechaniker und Erzieher nur noch mit einem Rollator gehen. Das sei gerade auf dem oft unebenen Pflaster in Berlin nervtötend. "Wenn ich mit meinem Viertelliter Sahne von Supermarkt nach Hause komme, habe ich Schlagsahne", sagt der 67-Jährige. Ein verschmitztes Lachen kann sich Pfingst auch an dieser Stelle nicht verkneifen und seine ernst drein blickende Partnerin steckt der Frohmut an - geteiltes Leid, geteiltes Lachen.

dapd

 

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