Die letzten Samurai

Wer verliert neben seiner Ehre auch noch gern seinen Kopf? Die Samurai des Heike-Clans wussten, was ihre Stunde geschlagen hatte. Nach ihrer Niederlage gegen die Genji-Samurai suchten die Überlebenden ihr Heil in der Flucht ... Bis heute kann man ihre Nachfahren besuchen und in ihre unglaubliche Geschichte eintauchen.

Schnell verlor sich ihre Spur in den dichten Bergwäldern der Insel Kyushu. Und irgendwann gerieten die einstmals so angesehenen Samurai völlig in Vergessenheit. Doch es gibt sie noch, die Nachfahren jener tapferen Kriegerkaste.

Shingo ist einer von ihnen. Und wer sich ihm anvertraut, den führt er von Kumamoto (Japan) aus hinauf in die abgelegenen Berge im äußersten Süden der Insel. Vorbei an weit gespannten Hängebrücken und ungestüm herabstürzenden Wasserfällen. Bis hinauf nach Gokanosho, dem einstigen Zufluchtsort von fünf Familien des Heike-Clans.

Zeiten des Tarnens und Verbergens

Die Ogata-Familie ist eine von ihnen, und Lady Terdumi Ogata lädt bereitwillig ein in ihr traditionsreiches Haus, das inzwischen jedoch einen zweifelhaften Ruf genießt. Denn Gäste, die hier die Nacht verbrachten, beklagten sich häufig über nächtlichen Spuk.

Am schlimmsten traf es ein Ehepaar aus Kumamoto. Denn am nächsten Morgen war es am ganzen Körper vor Schreck wie gelähmt, und das Entsetzen war ihm, so weiß Lady Terdumi zu berichten, „deutlich ins Gesicht geschrieben.“


Bronzedenkmal eines berittenen Samurai in Japan. Foto: pixabay.com | samueles

Dies allerdings nicht ohne Grund. Denn in den vergangenen Zeiten als sich die Samurai noch versteckten, wurde jeder, der sich in diese Gegend verirrte, aus Angst vor Entdeckung vorsichtshalber enthauptet.

Der abgeschlagene Kopf fand seine vorläufige Ruhe in einem noch heute vorhandenen Wandschrank mit Schiebetür. Diese einstigen Leichen im Schrank befinden sich zwar inzwischen längst an einem anderen Ort. Dennoch will hier niemand ausschließen, dass immer noch ein von ihnen ausgehender Spuk seine Spuren hinterlässt.

Reiswein aus dem Bambusrohr

Zarter besaitete Besucher mögen sich bei Seiich Ogata besser aufgehoben fühlen. Als Oberhaupt der Ogata-Familie ist er heute das letzte Glied in einer ununterbrochenen Kette von 49 Generationen.

Doch längst hat er als Küchenchef in seiner Familienpension „Sakura So“ sein altes Samuraischwert an den Nagel gehängt und durch einen respektablen Satz von Küchenmessern ersetzt. Beim neugierigen Blick in die Küche des Hauses ist er gerade mit Hingabe damit beschäftigt, frisches Gemüse mundgerecht für das Abendessen zu schneiden.


Ob das in echt auch so einfach geht, bleibt fraglich … Foto: pixabay.com | 733215

Noch gemütlicher geht es zu bei Hajuni Matsuoko. In seiner Familienpension „Heike So“ hält er eine Tradition aufrecht, die einzigartig ist in ganz Japan.

Wie bei einer kultischen Handlung sitzen die Gäste zum Dinner in kreisförmiger Anordnung um ein loderndes Feuer herum und genießen dabei in stimmungsvollem Ambiente die japanischen Köstlichkeiten, die aus der Küche von seiner Ehefrau Tajoka serviert werden. Währenddessen wird Reiswein in einem frisch geschnittenen Bambusrohr vom Feuer erwärmt, und schon bald lockern sich in fröhlicher Runde die Zungen.

Klingenproduktion in Samurai-Tradition

Beim gemütlichen Abendessen ist zu erfahren, dass es in der Umgebung Klingenschmiede gibt, die noch heute die hohe Kunst des Schwertschmiedens im Samurai-Stil beherrschen. Schnell ist am Tag darauf die Werkstatt von Takuzo Meritako in der Küstenstadt Yatsushiro ausfindig gemacht.

Konzentriert steht der Meister in seiner Werkstatt am Schleifstein und legt letzte Hand an eine Messerklinge, die schon bald in seinem gut sortierten Laden zum Verkauf angeboten wird. Loderndes Feuer steigt neben ihm auf aus einer Esse, an der ein Mitarbeiter gerade lautstark eine neue Klinge schmiedet.


Das kostbarste Eigentum eines jeden Samurai. (Replik) Foto: pixabay.com | skefalacca

In der Zwischenzeit nimmt sich Meister Takuzo Zeit, um das kostbarste Prunkstück seiner Sammlung vorzuführen: ein 700 Jahre altes Samurai-Schwert, das im Besitz seiner Familie die Zeiten überdauert hat.

Selbst als nach dem Zweiten Weltkrieg alle Samurai-Schwerter von den Amerikanern aus Sicherheitsgründen eingefordert wurden, war seine Familie nicht bereit, es dem Sieger einfach auszuliefern.

Um befürchteten Metalldetektoren zu entgehen, verbarg man das kostbare Erbstück schließlich in einem Shinto-Schrein hoch droben in den Bergen und ließ es dort unauffällig von einem jungen Mann aus der Familie bewachen.


Samurai-Darsteller in Kumamotu. Foto: Bernd Kregel

Harakiri und Teezeremonie

Erst auf Nachfrage sucht Meister Takuzo schließlich aus der untersten Schublade des häuslichen Buddha-Schreins ein altes Harakiri-Messer heraus. Dabei lässt er offen, ob es je in der ihm zugedachten Funktion benutzt wurde.

Und wenn es denn so war, so macht er deutlich, dann nur von einem Samurai, der sich bei Ehrverlust das spitze Messer eigenhändig in den Unterleib zu stoßen hatte. Denn für einen Samurai gab es in Fragen der Ehre keinerlei Kompromiss. Selbst bis hin zur qualvollen Beendigung des eigenen Lebens.


Traditionelle Teezeremonie japanischer Krieger im Ueda Soko-Stil. Foto: Tian Hui/The Epoch Times

Doch wer wollte angesichts dieser martialischen Seite japanischer Kultur deren lyrisch-stilvolle Gegenstücke übersehen? Diese begegnen exemplarisch in dem nahe gelegenen bereits mehrere Jahrhunderte alten Teehaus des Lords  Naoyuki Matsui von Yatsushiro.

Der Lord höchstpersönlich, eine würdevolle Erscheinung durch und durch, leitet das Zeremoniell, bei dem aufgeschäumter grüner Tee in kostbaren Gefäßen zum liturgisch durchkonzipierten Verzehr dargereicht wird.

Ein wahres Vergnügen angesichts der noch erhaltenen altjapanischen Inneneinrichtung, in der sich – wie der Lord nicht ohne Stolz gesteht – zuweilen selbst das japanische Kaiserpaar die Ehre gibt.

Lebensfreude der Delfine

Ebenso wie die Kultur präsentiert sich auch die Natur der Insel Kyushu in den unterschiedlichsten Facetten.

Wenn sich zum Beispiel bis zu 300 Delfine an der vorgelagerten Insel Amakusa ausgelassen vor den Fischerbooten tummeln, als wollten sie damit ihrer überschwänglichen Lebensfreude Ausdruck verleihen. Denn im Unterschied zu anderen Teilen Japans leben sie hier mit den Fischern in einer vertrauensvollen Symbiose zum beiderseitigen Nutzen.


Delphine leben mit den lokalen Fischern im Einklang  – und zu beidseitigem Nutzen. Foto pixabay.com | joakant

Das am meisten herausragende Naturerlebnis jedoch bieten die Inseln und Inselchen von Kyushu mit ihrem ausgeprägten Vulkanismus. Denn gleich drei tektonische Platten stoßen in Japan aufeinander und heizen mit geologischer Wucht den östlichen pazifischen Feuerring wesentlich mit an.

Davon können besonders die Bewohnter der zu Kyushu gehörenden Shimabara-Halbinsel ein Lied singen, die die ständige Bedrohung kennen und daher verstärkte Vorsichtsmaßnahmen treffen.

Heiße Quellen und Vulkane

Denn wie das „Mount Unzen Disaster Museum“ in anschaulichen Projektionen und Darstellungen zeigt, hat es der Mayayama-Vulkan wahrlich in sich, der einst das Städtchen Shimabara völlig zerstörte.

Zuletzt war es vor zwanzig Jahren der Mount Heisei, dessen 1500 Meter hohe Kuppe plötzlich wegplatzte und mit einem heißen pyroklastischen Strom die Natur im Tal zerstörte und dazu zahlreiche Menschenleben forderte.


Krater des Mount Aso nahe Kumamotu. Foto: Bernd Kregel

Doch auch dieser bedrohlichen Seite des Vulkanismus kann man etwas Angenehmes abgewinnen. Vor allem wenn die heißen Quellen im großzügig bemessenen Nationalpark Unzen allenthalben sprudeln und der Wasserdampf in mysteriös wabernden Nebelschwaden aus ihnen empor steigt.

Manche besonders aktiv blubbernden Austrittsstellen geben mit ihrem Schwefelduft symbolisch Auskunft über das wahre Wesen der Unterwelt, dem sie entsteigen.

Pures Wohlbefinden im Onsen-Außenbereich

Aus dieser allgegenwärtigen Gabe der Natur hat sich seit mehr als hundert Jahren eine begeisternde Badekultur entwickelt. Überall sprießen die Onsen-Badeanlagen hervor, in die das Thermalwasser aus heißen Quellen eingeleitet und auf angenehme 43 Grad herunter gekühlt wird.

So auch im Yumei-Hotel von Unzen, mit fast 120 Jahren das älteste seiner Art. Besonders in seinem Thermal-Außenbereich, wo der genießerische Blick vom bunten Herbstlaub der umgebenden Bäume aufgefangen wird, herrscht pures Wohlbefinden.

Der Star aller Vulkane jedoch ist der Mount Aso nahe der Präfekturhauptstadt Kumamoto, mit ihrer stilvoll angelegten Gartenanlage und ihrer prachtvollen Samurai-Burg, der mächtigsten in ganz Japan.


Samurai-Burganlage in Kumamotu. Foto: Bernd Kregel


Die Burg der letzten Samurai. Foto: pixabay.com | theerab

Bei einem Kraterrand von 120 Kilometern Länge bildet er mit Abstand die größte Caldera der Erde. Jährlich strömen 17 Millionen Besucher herbei, um einen verstohlenen Blick hinunter auf den kochenden Kratersee in seinem Zentrum zu riskieren. Ein Hotspot emotionaler Naturerfahrung, wo die Neugierde schließlich doch die Furcht übersteigt.

Das Leben auf dem Vulkan gehört auf Kyushu zur Selbstverständlichkeit, so ähnlich wie auch auf den Inseln von Hawaii. Daher empfiehlt sich bei der Reiseplanung eine gute Portion Unbefangenheit einzupacken. Doch die auf Kyushu zu erwartenden touristischen Leckerbissen werden jeden für seinen Mut reichlich entschädigen.

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(bk/ts)