Die Macht, anders zu sein – Wie viel Genie steckt wirklich in uns?

Könnten außergewöhnliche Menschen uns lehren, unsere geistigen Stärken effektiver einzusetzen? Albert Einstein, Nikola Tesla, Leonardo da Vinci – einige der größten Köpfe in der Geschichte wiesen ungewöhnliche Verhaltensmuster auf, die schon zu Lebzeiten ihrem angeblichen Genius zugesprochen wurden. Heißt Genialität auf der anderen Seite auch ein bisschen verrückt zu sein?

Welche außergewöhnlichen Menschen könnten uns lehren, unsere geistigen Stärken effektiver einzusetzen?

Albert Einstein, Nikola Tesla, Leonardo da Vinci – einige der größten Köpfe in der Geschichte wiesen ungewöhnliche Verhaltensmuster auf, die schon zu Lebzeiten ihrem angeblichen Genius zugesprochen wurden. Viele von Einsteins wissenschaftlichen Durchbrüchen entstanden während seiner Tagträume. Er war berühmt für seine permanente Abwesenheit, doch sein unkonventionelles Denken führte zu einem Verständnis des Universums, das seiner Zeit Lichtjahre voraus war.

Genie Nr. 1: Albert Einstein

Einstein sitzt im Lehnstuhl und liest, 1929. Foto: Keystone/Hulton Archive/Getty Images)

Die Menschen hatten schon lange einen Zusammenhang zwischen kreativem Denken und seltsamen Verhalten bemerkt. Platon beschrieb es als „göttlichen Wahnsinn“. Aristoteles erkannte, dass kreative Menschen in Richtung Depressionen tendierten.

Die jüngsten Forschungen sehen ein ähnliches Muster. Merkmale wie Ablenkbarkeit, Angst, Melancholie und andere geistige Hindernisse sind meistens stark mit Kreativität verbunden. In mehreren Studien wurde nachgewiesen, dass eine bipolare Störung (entgegengesetzte Stimmungsschwankungen) oft mit einem künstlerischen Temperament korreliert.

Die Psychiaterin und Bestseller-Autorin Dr. Gail Saltz hat über diese Verbindung seit ihrer Kindheit nachgedacht. Ihre Faszination wurde von ihrem jüngeren Bruder, dem Astrophysiker Adam Riess, der 2011 den Nobelpreis für Physik erhielt, entfacht. Seine lebenslange, unersättliche Neugier und sein eifriges Forschen führte Saltz dazu sich zu fragen, wie dessen Geist wohl gearbeitet hat.

„Die Neugier meines Bruders war so offensichtlich und es machte einen großen Eindruck auf mich“, sagte Saltz der Epoch Times. „Sein Wissensdurst war sein ewiger Motor.“

Warum intelligente Leute es schätzen, viel Zeit alleine zu verbringen

Saltz’s neues Buch „The Power of Different: The Link Between Disorder and Genius“ (Der Zusammenhang zwischen Unordnung und Genialität), untersucht die einzigartigen Merkmale von sogenannten Genies und ihren damit verbundenen inneren Kämpfen. Ihre Forschungen untersuchen historische Beispiele, die neueste Wissenschaft und aus erster Hand von Menschen, die Depressionen, Legasthenie, Autismus und andere psychologische Hürden ertragen, aber nichtsdestotrotz großes vollbringen.

„Viele der erfolgreichsten Leute sind so erfolgreich, weil ihr Gehirn tatsächlich anders gearbeitet hat, als bei normalen Menschen.“, so ihre Argumentation. „Das ist nicht bloß durch Zufall entstanden, sondern durch ihren besonderen Willen, gepaart mit ihrer einzigartigen Stärke, was beides zu ihrem späteren Erfolg führte.“

Stereotypen wie der gequälte Künstler oder der ewig abwesende Professor existieren aus einem Grund: Genie und Exzentrizität neigen dazu sich zu ergänzen oder vielleicht auch zu befruchten. Die Forschung hat gezeigt, dass Defizite in bestimmten Bereichen des Gehirns in der Regel andere Areale dafür verstärken. Wie das alte chinesische Prinzip von Yin und Yang, ist eine besondere Stärke oft mit einer komplementären Schwäche verbunden.

Die sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist zum Beispiel durch eine Funktionsstörung der Exekutivfunktionen und durch eine Dysregulation der Emotionen gekennzeichnet. Im Gegensatz zum allgemeinen Denken, sind Menschen mit ADHS sehr wohl in der Lage, aufmerksam zu sein – sie können sogar eine Fähigkeit zur hyper-fokussierten Aufmerksamkeit besitzen – aber sie können nicht immer das Ziel ihres Fokus kontrollieren. Dies kann z.B. im Klassenzimmer Probleme verursachen. Aber der treibende, permanent abgelenkte Geist (wie bei Einstein) kann auch eine neuartige Idee aufdecken oder ein Problem oder eine Aufgabe aus einem neuen Blickwinkel sehen.

Ein Beispiel ist Dr. Beryl Benacerraf, eine Professorin der Medizin an der Harvard University und eine weltberühmte Radiologie-Expertin.

Genie als Frau

Als Benacerraf jung war, waren ihre Lehrer und Eltern ständig verwirrt, warum ein ansonsten helles Kind so Schwierigkeiten hatte, zu lesen und sich so schlecht mit normalen Texten tat. Sie schlossen daraus, dass sie faul sein müsste. Nach Jahren der Frustration entdeckte Benacerraf, dass sie unter einem schweren Fall von Legasthenie litt, eine Lernbehinderung, in der Buchstaben sich nicht sortieren lassen, und jeder geschriebene Text extrem schwer zu entschlüsseln ist.

Trotz dieses Nachteils ging Benacerraf unbeirrt ihren Erfolgsweg. Als sie sich an der Harvard Medical School einschrieb, lernte sie Informationen mit Hilfe von Diagrammen und Grafiken und nicht als Text zu entschlüsseln und zu behalten. Es war ihre bemerkenswerte Fähigkeit zur Mustererkennung, die sie dazu veranlasste, sich auf Radiologie zu spezialisieren.

Während die Legasthenie es ihr sehr erschwerte Buchstaben und Texte zu lesen, so schenkte die Krankheit Benacerraf die Fähigkeit, sich mit hochkomplexen Formeln und Visionen auseinanderzusetzen. Das gab ihr die Fähigkeit, Anomalien auf einem Scan zu erkennen, die andere nicht bemerkten. Und diese Fähigkeit führte zu ihrem Durchbruch bei der Entdeckung von pränatalen Zeichen des Down-Syndroms.

Unter vielen weiteren Genies ist die Erfahrung wie die von Benacerraf eher die Regel, als die Ausnahme. Saltz zeigt anhand von zahlreichen Beispielen, in denen Schwachheit und Stärke als hochfunktionelle Individuen gepaart sind. Während Genies mehr extreme Dualität aufweisen, so glaubt Saltz, dass die meisten unserer Gehirne eigentlich in ähnlicher Weise arbeiten. Wir sind natürlich gut auf irgendeinem Gebiet und in anderen fallen wir durch. Wir neigen dazu, unsere Stärken zu feiern und unsere Schwächen zu verbergen. Doch beide Seiten machen uns zu dem Menschen, der wir eigentlich sind.

Trotz der Schmerzen, vor allen Dingen der mentalen Schmerzen, die jeder aufgrund seiner Schwächen durchmacht, würde aber keiner auf dieses Behinderung verzichten wollen, so Saltz. Alle Befragten hielten genau diese Schwäche als einen fundamentalen Teil dessen, wer sie sind und wie sie denken.

„Ich weiß nicht, ob ich Legasthenie gehabt hätte, wenn ich in einem anderen Bereich etwas Wichtiges getan hätte“, sagte Benacerraf zu Saltz. „Ich habe mir ein Kartenspiel ausgeteilt, und ich habe das Blatt angenommen. Und damit gewonnen.“

Wir profitieren alle von Schmerzen und Herausforderungen in unserem Leben, nur so wachsen wir an den Aufgaben. „Das Leiden kann Widerstand und Empathie aufbauen, die für kreative Individuen wertvoll sind. Aber zu viel Schmerz und kaum Erfolge, werden uns schließlich abschleifen“, sagt Saltz. Wir können dadurch die Gelegenheit verpassen, unsere Stärken zu entwickeln, weil wir ständig von unseren Schwächen geplagt sind, anstatt uns mehr den Stärken zu widmen, als den wirklichen Aufgaben.

Von Geburt an Genie?

Der Schlüssel zu einer positiven Identität ist einen Weg zu finden produktiv zu bleiben und sich damit auch wohl fühlen. Während es wichtig ist, die Schwächen zu identifizieren und zu adressieren, brauchen wir aber auch die Zeit, um herauszufinden, wo wir wirklich gut sind, besonders in den frühen Jahren, wenn unsere Gehirne am plastischsten und am leichtesten zu gestalten sind. Von daher sollten Kinder unbedingt gefördert werden, denn hier offenbaren sich die wahren Talente!

Genie Nr. 2: Leonardo da Vinci

Leonardo da Vinci. Foto: commons.wikimedia.org/wiki/Leonardo_da_Vinci#/media/File:Francesco_Melzi_-_Portrait_of_Leonardo_-_WGA14795.jpg

Saltz argumentiert, es gibt eine Menge von potenziellen Genies, die aber niemals sich wirklich entfalten können. Viele Faktoren tragen zu diesem Verlust bei. Das Bildungssystem, das zunehmend auf standardisierte Tests als Erfolgsmaßstab setzt, muss einen Teil der Schuld tragen.

„Das Bildungssystem glaubt, dass wir alle gut in allem sein sollten“, sagte Saltz. „Wir haben die ganze Zeit standardisiert, aber diese Maßnahmen erkennen nicht an, dass viele Menschen, wenn nicht die meisten, eckige Denker sind, wir alle sind sehr gut in einer Sache und nicht so gut in etwas anderem.“

Die wissenschaftliche Untermauerung dieser Idee findet sich im „Human Connectome Project“, einem laufenden Forschungsprojekt, welches die neuronalen Netze einzelner Gehirne abbilden soll. Ein eindrucksvollster Befund des Projekts zeigt, dass alle unsere Gehirne sehr unterschiedlich sind. Nicht nur zwischen uns „normalen“ Menschen und Genies, sondern bei allen.

„Im alten Rom, zum Beispiel, war ein Genie nicht ein Mensch, sondern ein Leitfaden für Ideen aus einem anderen Reich“.

„Es gibt eine solche Variation bei all unseren Gehirnen“, sagt Saltz. „Die Idee, dass es ein bisschen Schwarz und ein bisschen Weiß zwischen normal und nicht normal ist, ist einfach nicht der Fall.“

Während Pädagogen in der Regel eine Standard-Form lehren, die jeder Schüler annehmen muss, passen nicht wirklich viele in dieses enge Korsett. Man muss mehr Zeit für die Fächer aufbringen, die einem gar nicht liegen, also kostbare Zeit, die bei den Fächern, in denen man wirklich gut ist, nicht sinnvoll genutzt wird. Für ein besseres Bildungsmodell, vor allem für kreative Studenten, empfiehlt Saltz die Arbeit von Kevin Pelphrey, Direktor des Labors für Neurowissenschaften an der Yale School of Medicine. Pelphrey glaubt, dass die meiste Zeit im Klassenzimmer für die Entdeckung und Entwicklung ihrer Stärken ausgegeben werden sollten, und viel weniger auf die Behandlung ihrer relativen Schwächen.

Dieses Modell hätte Einstein viel Frustrationen ersparen können. Er war notorisch im Widerspruch zum Schulsystem und rebellierte gegen seine Zwänge. Er zeichnete sich durch Mathematik und Wissenschaft aus, fiel aber in anderen Fächern zurück. Ein Lehrer sagte ihm, er würde es niemals zu etwas bringen. Einstein behauptete, er könne die negativen Urteile anderer abwenden, aber nur wenige sind so zuversichtlich.

Der preisgekrönte Autor John Irving zum Beispiel wuchs auf und dachte, er sei faul und dumm, denn das hatten seine Lehrer ihm gesagt. Wenn es nicht die Unterstützung seines Sportlehrers gegeben hätte, wäre er wahrscheinlich von der Schule geflogen.

„Ich habe die konventionelle Weisheit des Tages akzeptiert – ich war ein schwierigen Student, deshalb war ich dumm“, sagte er zu Saltz.

Eine weitere Barriere beim Lernen, ist die gesellschaftliche Stigmatisierung der Geisteskrankheiten. Wir mögen den Teil des Genies, aber neigen dazu, das psychologische Leiden zu meiden, das oft mit ihm einhergeht. Ein Teil dieses Problems ist das Umgehen und die Unannehmlichkeiten mit Etiketten wie Schizophrenie, Angststörung oder klinischer Depression. Kritiker der modernen Psychologie beanstanden auch die häufige Tendenz der Überdiagnose, anstatt einfach auch die Kehrseite zu sehen, nämlich das Genie, das zu außergewöhnlichem Denken fähig ist.

Wir leben nur noch in vorgefertigten Mustern, bedienen damit Klischees, weil es die Art ist, wie wir miteinander sprechen. Der Nachteil ist, dass wir nicht mehr nach rechts und links schauen können und damit die Menschen ausschließen, die anders sind. Und sie beginnen sich zu schämen, ziehen sich zurück. Ganz allmählich weiß man aber, dass die Welt, und damit der Mensch, an sich sehr viel bunter ist. Es entwickelt sich. Immer mehr Menschen sind sich der Neurodiversität unserer Spezies bewusst.

Die Last des Genies

In ihrem Buch „Big Magic“ argumentierte die Top-Sellerin Elizabeth Gilbert (von „Eat, Pray, Love“), dass unsere moderne Ansicht des kreativen Genies zu viel Fokus und Druck auf das Individuum setzt, welcher dazu neigt, die psychische Gesundheit zu zerstören.

„Es ist so, als würde man jemanden bitten, die Sonne zu schlucken“, sagte Gilbert im Jahr 2016 in einem Interview mit TED. „Es verkrümmt und verzerrt das Ego, und es schafft all diese unüberschaubaren Erwartungen, die nur über die Leistung definiert werden. Und ich denke, dieser Druck hat unsere Künstler seit den letzten 500 Jahren getötet.“

Genie Nr. 3: Nikola Tesla

Nikola Tesla. Foto: commons.wikimedia.org/wiki/Nikola_Tesla#/media/File:Tesla3.jpg

Während die moderne Kultur ein Genie als ein besonders kreatives Individuum mit eingebauten Funktionen betrachtet, glaubten die Alten, dass große Ideen aus einer jenseitigen Quelle stammen. Im alten Rom, zum Beispiel, war ein Genie kein Mensch, sondern ein Leitfaden für Ideen aus einem anderen Reich.

Mit anderen Worten, eine Person mit großen Errungenschaften wurde nicht als ein Genie betrachtet; vielmehr besaß er Genialität. Die Leistung und Erfüllung war dann aber sich mit anderen Menschen diesen spirituellen Geist und das Wissen zu teilen. Künstlerischer Erfolg und Misserfolg waren damit leichter zu navigieren, da es nicht so eng mit dem zerbrechlichen Ego eines Individuums verbunden und verknüpft war.

Diese mystische Idee starb in der Renaissance, als der Mensch an sich als die Quelle aller Erkenntnisse angesehen wurde. Aber Gilbert denkt darüber nach, diese alte Vorstellung wieder in Mode zu bringen, würde die Welt zu einem kreativeren Ort machen. Das Stereotyp, dass ein Individuum gefoltert, deprimiert oder inhärent brillant sein muss, um wahre Kunst zu schaffen, veranlasst die durchschnittliche Person, nicht ihren kreativen Leidenschaften zu folgen, argumentiert sie.

Hinter jeder großartigen Idee steht eine übernatürliche Kraft, und diese zum Leben zu erwecken kostet viel Kraft und Aufwand, wozu nicht jeder bereit ist. Saltz glaubt, dass diejenigen, die die Kraft des Geistes und des Charakters haben, um diesen Weg zu bestehen, die Freiheit erreichen ihre Ziele verfolgen zu können, die sie so sehr lieben.

„Wir alle haben relative Schwächen und wir alle haben relative Stärken“, sagte Saltz. „Es ist aber die Frage, wie Sie Ihre Schwächen nutzen können und dies Ihren Stärken zuspielen, die letztlich ihren Lebensweg bestimmen.“

Quellen:

The Power of Being Different