Windjammerromantik auf der „Royal Clipper“ – Der Weg ist das Ziel

Nichts ist leichter zu durchbrechen als die Stille, und nichts ist schwerer zu ergreifen als der Wind. Beim Auslaufen der „Royal Clipper“ aus dem Barbadoshafen Bridgetown geschieht beides zeitgleich.

Genau in jenen kostbaren Minuten, wenn sich zu den hymnischen Klängen aus „Conquest of Paradise“ die weißen Segeltücher der „Royal Clipper“ in liturgisch anmutender Verzögerung langsam nach unten hin entfalten und sich allmählich wie rechteckige Windbacken zu wölben beginnen. Bis sie schließlich, gehalten von fünf schlanken Masten, ihre prallen Bäuche strotzend vor Straffheit in der Takelage zur Schau stellen.

Begleitet wird dieses anrührende Zeremoniell von einem Wechselspiel aus Licht und Schatten. Es ist das seit den Ursprüngen der Segelschifffahrt bekannte Stück, bei dem die Sonne das Drehbuch schreibt und den Schiffsmasten, den Segeltüchern und den Strickleitern in atemberaubender Kulisse ihre sich ständig wechselnden Rollen zuweist.

Schnell schimmert in den nach oben gerichteten Blicken des vollzählig auf dem Sonnendeck erschienenen Schiffspublikums ein ungläubiges Staunen. Dieses jedoch scheint sich immer stärker zu verdichten zu dem Gefühlausdruck einer unbändigen Sehnsucht nach Weite und Freiheit. In unmittelbarer Nähe von Wind und Wellen vielleicht sogar gepaart mit der Hoffnung nach dem persönlichen eins werden mit der Natur?

Der Stolz des Deutschen Reiches

Doch nichts davon findet sich in den Blicken von Kapitän Sergey Tunikov und seiner Mannschaft wieder. Sie sind in der kritischen Phase des Auslaufens eindeutig gefordert von konzentrierter Anspannung. Halten sie nicht geradezu in allen Ecken und Winkeln Ausschau nach dem Klabautermann, der – wie jeder Seemann weiß – überall und jederzeit als schrulliges Menetekel der Zerstörung sein Unwesen treiben kann?

So wie vor hundert Jahren an Bord des mächtigen und zugleich prächtigen Fünfmast-Vollschiffes „Preußen“ als dem baugleichen Vorgängerschiff der „Royal Clipper“? Sie war mit ihrer Größe (147 Meter lang) und Eleganz der Stolz des Deutschen Reiches, der Seine Majestät als leidenschaftlicher Schiffsnarr höchstpersönlich seine Reverenz erwies.

Ein maritimer Superlativ, in ihrer Schnittigkeit von niemand und nichts übertroffen. Doch dann wurde ihr ausgerechnet ihre unglaublich hohe Geschwindigkeit zum Verhängnis. Denn im Ärmelkanal kollidierte sie bei einer ihrer Salpeter-Transportfahrten nach Südamerika mit einem Schiff, das sich vorschriftswidrig und unter Verkennung der wahren Verhältnisse noch schnell vor ihrem Bug vorbeizwängen wollte.

Der „Faktor Mensch“ hatte einmal mehr versagt, und wohlgemeinte Rettungsaktionen blieben erfolglos. So ruht die „Preußen“ heute noch sichtbar als ein  Mahnmal auf dem flachen Meeresgrund.

Gediegenes maritimes Ambiente

Nach ihrem Auslaufmanöver hat die „Royal Clipper“ inzwischen längst die offene See erreicht. Diese präsentiert sich nahe Barbados, dem östlichen Vorposten der karibischen Inselwelt, wie stets von bewegt bis aufgewühlt. Eine gute Gelegenheit, sich in der geräumigen Außenkabine wohnlich einzurichten. Und natürlich die Treffpunkte in Augenschein zu nehmen, an denen sich das Bordleben während der bevorstehenden Reise entlang den „Windward Islands“ entfalten soll.

Allen voran der prächtig ausgestaltete Speisesaal. Stilvoll eingefügt in das mehrere Decks umfassende Treppenhaus, übersteigt dieser „Clipper Dining Room“ an Luxus alles, was das Transportschiff „Preußen“ je in seinem Inneren an Ausstattung zu bieten hatte. In seinem gediegenen maritimen Ambiente erweist er sich zugleich als ein exquisiter Gourmet-Tempel, in dem Chef de Cuisine Devon Hodges aus Jamaika die Köstlichkeiten seiner karibischen Heimat immer wieder pikant durchschmecken lässt.

Ungekrönter König am Tresen der Tropical Bar ist Bar Chef Manolito Torres. Seine Cocktails, stets serviert mit einem  einladenden Lächeln, sind als „Planter’s Punch“, „Mai Tai“, „Sex on the Beach“, „Captain Jack Sparrow“, “Pina Colada“ oder „Sea Breeze“ nicht nur Musik in den Ohren. Zugleich bringen sie karibischen Geschmack auf den Punkt und sind am besten dazu geeignet, die Barhocker mühelos mit stillen oder unterhaltsamen Genießern zu füllen.

Erinnerung an die „Bounty“

Schon am nächsten Morgen rasseln vor St. Lucia, dem ersten Reiseziel, unüberhörbar die schweren Ankerketten.

Nach dem Austendern versprechen am Ufer bereit stehende Busse den Aufbruch zum Tarzan-und-Jane-Abenteuer unter tropischen Regenwald-Baldachinen. Oder zum Landschaftserlebnis, wie es sich von „Stony Hill“ aus anbietet: Phantastisch der Blick über die von einer Bergkette umschlossene Rodney Bay, in der die ankernde „Royal Clipper“ haargenau an die „Bounty“ erinnert, mit der einst Captain Bligh seine pazifischen Brotfrucht-Setzlinge hier ablieferte.

Bei der Weiterreise nach Dominica mit seinem von bunten Papageien durchflatterten tropischen „Morne Diablotin Nationalpark“ hält der nächste Morgen eine kleine Sensation bereit. Denn bei strahlend blauem Himmel erscheint neben der „Royal Clipper“ deren kleinere Schwester aus der Star-Clipper-Familie, die Viermast-Barkentine „Star Clipper“, die nun für ein paar Stunden den Weg mit ihr teilt.

Es ist die große Stunde der Bordfotografen, die sich diese Harmonie in weiß keinesfalls entgehen lassen möchten. Und zugleich der große Auftritt der Bordmusiker, die diesen feierlichen Anlass stimmungsvoll untermalen.

Der Stoff der süßen Träume

Überraschungen halten auch die einstigen „Zuckerinseln“ bereit. Besonders krass auf Antigua, wo viele der einst begehrten Anbauflächen wegen der negativen Preisentwicklung auf den Weltmärkten inzwischen brachliegen. Welche Bedeutung diesem Wirtschaftszweig jedoch in früheren Zeiten zukam, beweisen die legendären „Nelson Dockyards“ am historischen English Harbour.

Früher zweifellos einer der Hauptumschlagplätze für den Stoff, mit dem die Europäer ihre süßen Träume befriedigten. Heute dagegen sind sie vorbildlich umfunktioniert zu einem Besuchermagneten, in dessen eleganten Restaurants und Lädchen sich jeder in den maritimen Lebensstil verliebte Besucher schnell verlieren kann.

Auch St. Kitts musste sich neu orientieren. Hier wird als Hauptattraktion das in britische Kolonialzeiten zurückreichende „Brimstone Hill Fortress“ als mustergültig restauriertes Weltkulturerbe präsentiert, von dessen  Qualitäten sich selbst die Queen bei ihrem Inselbesuch überzeugen konnte.

Hinzu kommt die natürliche Lage von St. Kitts. Denn von der Anhöhe des Timothy Hills aus wird die Insel als eine schmale Trennungslinie zwischen dem ungestüm heranbrandenden Atlantik und der geschützten karibischen Seite erkennbar. Ein Naturanblick, von dem man sich nur schwer losreißen kann.

Beschwingtes karibisches Lebensgefühl

Es sei denn, es stünde ein Kulturerlebnis der besonderen Art auf dem Programm. Angekündigt ist eine „Karibische Nacht“ an Bord der „Royal Clipper“ mit der „Hell’s Gate Steelband“ – ein Name, der aufhorchen lässt.

Zu laut? Sicherlich nicht. Unterstreicht doch das metallische Fortissimo nur das beschwingte karibische Lebensgefühl. Und das springt bei hämmernden Rhythmen schnell über, bis es mit seinem aufregenden Pulsschlag jedermann an Bord in taumelnde Ekstase versetzt und dabei jede anfängliche Zurückhaltung über die Reling hinwegtrommelt.

Die Heiterkeit der Karibischen Nacht wird tags darauf schnell überlagert von der Ernsthaftigkeit der karibischen Geschichte. Diese war stets gekennzeichnet durch die unterschiedliche Interessenpolitik der Engländer, Franzosen und Niederländer. Die Insel Les Saintes, ein kleiner Vorposten von Guadeloupe, konnte als eines der Zentren dieser Auseinandersetzungen ein Lied davon singen.

Hoch über dem idyllischen Städtchen Terre-de-Haut thront mächtig das einst uneinnehmbare „Fort Napoleon“, heute überzeugend genutzt als Geschichtsmuseum. So entbehrt es nicht der Tragik, dass in seiner Sichtweite bei einer historischen Seeschlacht – wie im Museum dokumentiert – die Briten unter Admiral Rodney einen strategischen Sieg davontrugen.

Eine Schlappe persönlicher Art erlitten die Franzosen auch in der heute noch französischsten aller Karibikinseln, in Martinique. Eine erdbebensichere Kathedrale, ein bilderbuchartiger Botanischer Garten sowie eine stilvolle Bibliothek vermögen nicht hinwegzutäuschen über Josefine, die Frau Napoleons. Hier hatte sie ihre familiären Wurzeln in einer einflussreichen Grundbesitzerfamilie, in deren Interesse sie Napoleon überredete, die bereits abgeschaffte Sklaverei wieder einzuführen.

Keine populäre Maßnahme, wie sich schnell zeigte. Denn in der Folge wurde ihr eindrucksvolles öffentliches Standbild in der belebten Altstadt mehrfach des Kopfes beraubt. Bis der Stadtrat schließlich entschied, es kopflos zu belassen. Armes Frankreich!

Ein Stückchen Himmel auf Erden

Nach der europäischen Zwischenlandung – Martinique gehört zweifelsohne zum französischen Hoheitsbereich – führt die Route zurück an den Ausgangspunkt der Schiffsreise. Noch einmal ist für die ganz Mutigen Mastklettern angesagt bis hinauf ins Krähennest. Von dort aus lässt sich das Schiff, die Umgebung und das illustre Leben auf dem Sonnendeck am besten beobachten.

Doch dann wird es nach stürmischer Nacht am nächsten Morgen auf Barbados gemäß alter Kolonialtradition schnell wieder „very british“. Auf feine englische Art tut die Insel was sie kann, um über den unvermeidlichen Abschied von Bord der „Royal Clipper“ hinweg zu trösten.

Was ihr mit ihren wunderbar weißen Stränden, bizarren Küstenlandschaften und stilvollen Resorts auch weitgehend gelingt. Doch womit wäre eine Karibik-Seereise an Bord eines Großseglers wie der „Royal Clipper“ wirklich zu vergleichen? Denn ist nicht ein schwimmendes Luxushotel wie dieses in unmittelbarer Nähe von Wind und Wellen schon so etwas wie ein kleines Stückchen Himmel auf Erden?

Das Setzten der Segel muss man einmal erlebt haben. Da die Royal Clipper jedoch nur 227 Gäste aufnehmen und vermutlich nicht alle mal schnell einen Abstecher in die Karibik machen können, haben wir diese – fast schon feierliche – Zeremonie als Video gesucht und gefunden. Achtung: Fernweh-Gefahr!

www.star-clippers.de

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