Aktuelle Nachrichten – Kultur
26.05.2009
Darmstadt – Der wichtigste deutschsprachige Literaturpreis geht in diesem Jahr an einen Außenseiter: Der Österreicher Walter Kappacher erhält den mit 40.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis, wie die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung am Dienstag in Darmstadt mitteilte. Der heute 70-Jährige galt lange Zeit als literarischer Geheimtipp und ist erst in den letzten Jahren einer breiteren Öffentlichkeit bekanntgeworden. Im vergangenen Jahr hatte Josef Winkler, ebenfalls Österreicher, die Auszeichnung erhalten.
„In einzelgängerischer Konsequenz hat Walter Kappacher über Jahrzehnte hinweg ein höchst beachtliches, lange viel zu wenig beachtetes Oeuvre geschaffen“, begründete die Akademie ihre Wahl. Erst seit dem Roman „Selina“ von 2005 werde Kappacher wirklich wahrgenommen. „Seine leise, musikalische Prosa voll melancholischer Unerbittlichkeit stets traurig, nie trostlos klärt uns über uns selbst auf. Dieser poetische Realist unserer Tage, der bei vollkommener Gegenwärtigkeit an die große Erzähltradition anknüpft, erzeugt einen ,Sog der Stille'“, erklärte die Akademie weiter.
Kappacher sagte der österreichischen Nachrichtenagentur APA zufolge, er habe zunächst an einen Scherz geglaubt, als er von der Ehrung erfahren habe. „Das Scheitern ist wohl so etwas wie ein roter Faden in meinem Schreiben“, erklärte er in Bezug auf seine Werke. Die Begründung der Akademie, seine Prosa sei stets traurig, kann er dennoch nur zum Teil nachvollziehen: „Ich bin sicher nicht trauriger als der Durchschnitt der Menschen. Melancholie, die kommt allerdings immer häufiger, je älter ich werde“, sagte er im Deutschlandradio Kultur. Woher dies komme, könne er nicht sagen, da er als Autor nie nach dem Erfolg geschielt habe: „Es kann nicht sein, dass ich darunter gelitten hätte, dass ich zu wenig bemerkt worden wäre.“
Den Georg-Büchner-Preis gibt es seit 1923; seit 1951 ist er ein reiner Literaturpreis. Zu den bisherigen Preisträgern gehören Ingeborg Bachmann (1964), Heinrich Böll (1967), Elias Canetti (1972), George Tabori (1992), Elfriede Jelinek (1998), Wilhelm Genazino (2004) oder Martin Mosebach (2007). Die Auszeichnung wird am 31. Oktober in Darmstadt verliehen.
Kappacher hatte zuletzt den vielbeachteten Roman „Der Fliegenpalast“ veröffentlicht. Die Werke des am 24. Oktober 1938 geborenen Schriftstellers wurden lange Zeit von der Literaturkritik kaum zur Kenntnis genommen. Dies änderte sich in den vergangenen Jahren, in denen der Autor auch mit zahlreichen Preisen bedacht wurde. So erhielt er 2004 den Hermann-Lenz-Preis und 2006 den großen Kunstpreis (Literatur) des Landes Salzburg.
Kappacher lebt in der Nähe von Salzburg, wo er auch geboren und aufgewachsen ist. Er verließ im Alter von 15 Jahren die Schule, arbeitete als Kfz-Mechaniker, begann eine Schauspielausbildung und wurde schließlich Reisebüro-Kaufmann. Gleichzeitig begann er zu zeichnen und wandte sich immer stärker dem Schreiben zu. Ab 1967 veröffentlichte er Kurzgeschichten in der „Stuttgarter Zeitung“. 1975 erschien sein erster Roman „Morgen“. Im Alter von 40 Jahren ließ er sich schließlich 1978 ganz auf das Schreiben ein und arbeitet seitdem als freier Autor.
1978 erschien die Erzählung „Rosina“ sowie der Erzählband „Die irdische Liebe“. Außerdem veröffentlichte Kappacher die Romane „Ein Amateur“ (1993), „Silberpfeile“ (2000) oder „Selina“ (2005). Gemeinsam mit Peter Keglevic arbeitete er außerdem an dem Drehbuch „Die Jahre vergehen“ (1980). (AP)
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