Gänsehaut beim Marathon

Ein Marathonlauf als Start in die Gesundheit

von Jacob Porstmann / Gastautor, Samstag, 23. Januar 2016 10:56
Als Medizinstudent im ersten Semester lief Jacob Porstmann mit beim Berlin Marathon 2002. An seinen erfolgreichen Fitnesstest nach schwerer Krankheit erinnert sich heute der junge Arzt nach dem Abschluss seines Studiums.
Jacob Porstmann, Teilnehmer am Berlin Marathon 2002.  (Jacob Porstmann)
Jacob Porstmann, Teilnehmer am Berlin Marathon 2002. (Jacob Porstmann)

Gänsehaut. Ich spüre den Boden unter den Füßen nicht mehr. Alles ist so leicht. Rechts und links der Straße stehen Menschen, klatschen, jubeln, viele haben Plakate für Ihre Freunde oder Familienmitglieder. Und ich höre die sagenumwobene Sambagruppe. Für Minuten laufen wir alle auf Wolken und haben Gänsehaut.

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So ungefähr war das Erlebnis meines Marathons in Berlin. Ich gebe zu, so schön war es nur in diesen zwei Minuten am Wilden Eber und beim Schlussspurt auf dem Ku'damm. Danach ging die Stimmung steil bergab. Aber ich versuche mal von Anfang an zu erzählen, ich bin ja auch nicht rückwärts gerannt ...

Nach einer schweren Erkrankung im Sommer 2001 musste ich in eine Rehaklinik, um wieder auf die Beine zu kommen. Diese Klinik war auf dem Land - im Grunde gab es nichts zu tun, außer eben den Sportangeboten. Hinzu kam, dass ich mit meinen 22 Jahren mindestens 25 Jahre jünger war als der Durchschnitt der Patienten. Also machte ich brav meine Sportübungen jeden Tag, es begann mit Walking. Welche Ernüchterung für mich. Ich war gewohnt, körperliche Schwäche nicht zu kennen. Ich spielte Fußball im Verein, hatte acht Jahre Judo in den Knochen, hatte in der Schule Volleyball gespielt und fuhr in Berlin nur mit dem Fahrrad. Und dann erlebte ich Erschöpfung: Nach 10 Minuten Walking musste ich mich hinlegen und wollte schlafen.

Abends traf sich eine feste Herrenrunde immer in der Sauna und wir redeten miteinander, das war für alle das Schönste am Tag. Aber, Üben zahlt sich aus. Nach drei Wochen konnte ich am letzten Nachmittag 20 Minuten langsam joggen. Mann, war ich stolz.

Jetzt muss ich trainieren

In Berlin, in meinem alten Fußballverein, gab es einen ganz besonders ausdauernden Läufer. Holger hörte, dass ich versuchte regelmäßig joggen zu gehen und fragte ganz nebenbei, ob ich nicht mal Lust hätte einen Volkslauf mitzumachen. Ja, was ist denn ein Volkslauf? Ich weiß nicht mehr, wie das damals alles zu Stande kam, aber im Oktober meldete ich mich für den Halbmarathon an, der immer im April in Berlin stattfindet.

Einmal auch mitlaufen beim Marathon vor dem Berliner Dom ... (Anja Heinemann/Bongarts/Getty Images)
Einmal auch mitlaufen beim Marathon vor dem Berliner Dom ... (Anja Heinemann/Bongarts/Getty Images)

Als ich die Anmeldung abgeschickt hatte und das Geld überwiesen war, wurde mir klar, was das bedeutet: Jetzt muss ich trainieren. Also suchte ich in der Bibliothek der Charité - ich war im 1. Semester Medizinstudent - nach einem Buch der Sportmedizin oder Trainingslehre. Und siehe da, ich wurde fündig. Auch im Internet gab es schon damals viel zu finden. Homepages, die mir auf die Eingabe von gewünschter Laufzeit einen Trainingsplan ausspuckten. Toll. Kein Wunder, dass Sportmedizin nicht mein schlechtestes Fach war.

Herzschlag, Fettverbrauch und Zuckerspeicher

Ich hatte keine Ahnung, welche Zeit realistisch für mich sei. Woher auch. Ich habe nie gemessen, wie lang ich brauche um eine Strecke x zu laufen. Oder wie schnell mein Herz schlägt. Dafür gibt es also Pulsmesser. Oder auch Lauftests, bei denen man eine Strecke läuft, die Zeit misst und direkt nach dem Laufen seine Herzschläge zählt. Eine Wissenschaft für sich! Wie genau ich damals meine Zielzeit ermittelt habe, weiß ich nicht mehr. Vielleicht auch einfach dadurch, welche Anforderung im Wochentraining meine damalige Fitness überhaupt zuließen? Ich habe viel gelernt in dieser Zeit, zum Glück auch über Herzschlag und Fettverbrauch und Zuckerspeicher, das war fürs Studium und Training gut.

Damals wohnte ich mit meinen beiden Mitbewohnern Serkan und Johannes in einer WG am Rathaus Neukölln. Mittendrin statt nur dabei. Der nächste Park war der Treptower Park mit dem Plänterwald nebenan. Von der Haustür bis zum Parkeingang dauerte es recht genau 15 Minuten und somit war das Hin- und Zurücklaufen zum Trainingspark schon 30 Minuten. Super. Angefangen habe ich mit Läufen über 40 Minuten, die ich durch das Fußballtraining auch gerade so schaffte. Sobald ich zu schnell wurde, oder vielmehr mein Herz, piepte die Uhr und ich musste oder durfte langsamer laufen.

Schneller oder langsamer Herzschlag trainieren den Körper nämlich unterschiedlich - das hatte ich gelernt - und verbrauchen auch andere Energie. Okay, das stimmt nicht ganz. Der Anteil von Energie, die aus dem Fett kommt, ist einfach höher, wenn man langsamer läuft. Wenn man schneller läuft, verbrennt man dann zwar noch mehr Fett, aber in einem geringeren Anteil und man atmet auch schneller, weil mehr Säure entsteht - die Lunge atmet das dann ab, weil der ph-Wert im Blut sich sonst zu stark verändert, weshalb Sprinter nach dem kurzen, knackigen Lauf nicht mehr können und Langstreckenläufen locker erstmal ein Interview geben können.

Spitzengruppe Berlin 2002, jeder mit eigenem Laufstil.  (Vladimir Rys/Bongarts/Getty Images)
Spitzengruppe Berlin 2002, jeder mit eigenem Laufstil. (Vladimir Rys/Bongarts/Getty Images)

So etwas ging mir dann beim Laufen immer durch den Kopf und ich fand das nicht so schlimm, dass am Anfang fast alle locker an mir vorüber zogen. Und überraschenderweise war es manchmal sogar richtig schön, da im Treptower Park. Hin und wieder traf ich damals die selben Läufer, ich sah wie andere laufen, wer fit aussah und wer nicht. Wie Läufer von hinten und vorne aussahen, wie die Fußstellung sein konnte, dass manche O-Beine und andere X-Beine haben. Dass manche ganz leichtfüßig wirken und andere wie Elefanten stampfen. Man kann viel Kleidung tragen und extrem schwitzen oder luftig gekleidet und ohne eine Perle an der Stirn alle überholen.

Aus dem Bett auf die Straße

Ich kann immer noch Jogger beobachten und finde es jedes Mal wieder spannend. Aber damals lernte ich auch, wie ich mich fühle, wenn ich nach einer durchzechten Nacht in der WG morgens vor der Uni aufwachte und mit benommenem Kopf in meine Laufschuhe schlüpfte, die vor meinem Bett standen. Das war meine Taktik. Sofort aus dem Bett auf die Straße. In der Küche ein Zwischenstopp und mindestens einen halben Liter Wasser trinken. Das hatte ich schnell begriffen, trocken läuft es sich fürchterlich und das Herz schlug beim gleichen Tempo 10-15 Mal mehr pro Minute. Anders mit Essen. Ein frisch gefüllter Magen macht Laufen zur Tortur.

Die Welt der Sportartikel

Dann kam die Zeit, in der ich mir neue Schuhe kaufen wollte. Das ist ja eine Welt für sich. Die Sportartikelindustrie. Ich hatte damals und ich habe sie bis heute noch - lange schwarze Leggins für den Winter, die halten seit 1997. Socken, die keine Falten schlagen, sind auch wichtig und ein Oberteil, das nicht zu warm ist und idealerweise den Wind abhält. Und eben Schuhe. Ich besuchte also ein Geschäft für Laufsportartikel und ließ mich lang und breit beraten, welche Schuhe für mich die Richtigen seien. Ich probierte verschiede Modelle an, lief vor der Tür auf und ab und ließ mich dabei beobachten. Wie meine Fußstellung war und meine Knie, alles wurde vom Verkäufer beäugt. Interessanterweise laufe ich das Modell, was ich damals gekauft habe, immer noch. Zumindest die gleiche Serie. Drei oder vier Paar sind in der Zeit verschlissen worden.

Nun konnte ja nichts mehr passieren. Und als ich im Training nach 15 Kilometern aufhörte, weil mir langweilig war und nicht weil ich schlapp war, hatte ich Zuversicht den Halbmarathon zu schaffen.

In dieser Zeit hatte ich mich auch schon für den großen Berlinmarathon angemeldet. Der findet immer im September statt, also ein Jahr nach dem Aufenthalt in der Rehaklinik, und soll einer der größten Marathons nach New York und Boston sein.

Nun begann die Vorbereitung für den großen Lauf. 41,xxx km. Eine Menge Holz. Zu dieser Gelegenheit kaufte ich mir das Buch „der 4-Stunden-Plan" oder so ähnlich, in dem mit 4 Stunden Training die Woche ein Marathon zur Leichtigkeit werden sollte. Man sollte nur die Zeit pro Woche gut einteilen in langsame, lange und in schnelle, kurze Läufe und im Monat vor dem eigentlichen Marathon gibt es noch ein paar extralange Extraschichten von 3 Stunden und mehr. So verlief dann die ganze Zeit bis zum September. Auf eine Radreise nach Island nahm ich die Laufschuhe mit, um auf halber Strecke in Reykjavik einen Monat vor dem Marathon noch einen Halbmarathon zu laufen. Gesagt, getan. Am 14. August lief ich also den Halbmarathon in der isländischen Hauptstadt.

Es war die Hölle! Das Publikum war spärlich gesät, meine Vorbereitung war aufgrund des anstrengenden Radfahrens alles andere als optimal und ich sammelte zwei wichtige, wenn auch schmerzliche Erfahrungen. Wie ich nach dem Lauf feststellte, ist es absolut wichtig, gute Socken zu haben. Ich hatte leider meine Laufsocken nicht dabei und trug aus verschiedenen Gründen nur knöchelhohe Söckchen. Diese rutschten im Laufe des Rennens, welches ich aus Übermut auch so anging, etwas tiefer und schlugen am Fußgewölbe Falten. Das Ausziehen der Schuhe war schon schmerzhaft, das Ausziehen der Socken war extrem schmerzhaft. Am inneren Fußgewölbe hatten sich auf beiden Seiten je 3 mal 3 cm große Hautstücke abgelöst. Nicht mal Blasen, sondern der komplette Hautverlust plagte mich zusätzlich zum Muskelkater über ungefähr eine Woche. Das alles merkte ich aber während des Laufens kaum. Bei Blasen hat man als Läufer so eine Ahnung, es könnte sich so was am Fuß oder an der Achsel oder dem Innenschenkel bilden. Sicher weiß man es immer erst hinterher. Allerdings haben sich bei mir über die Zeit zwei Dinge herausgestellt: Wenn ich das Gefühl habe, es könnte eine Blase entstehen, ist sie sicher schon da. Blasen bekommt man bei regelmäßigem Laufen nur bei Socken- oder Schuhwechsel. Immer die gleichen Socken und das eingelaufene Schuhwerk sind Blasenschutz genug.

Zuckergels oder Apfelsaft

Die zweite Sache, die mich in Island schwächte, war Zuckergel. Bei Langstreckenläufern gibt es den Trend, sich während des Laufens regelmäßig mit teuren Zuckergels zu versorgen. Diese geben dem Läufer etwas Kraft. Zucker hat die Eigenschaft, im Darm im ersten Moment Wasser zu binden, um die Konzentration von Zucker im Darm und Zucker im Blut anzugleichen. Wenn aber im Darm kaum Wasser vorhanden ist, leidet dieses Organ Höllenqualen und krampft. Ich hatte einfach zu wenig getrunken. Ein großer Fehler. Bei Kilometer 10 nahm ich so ein Pack und trank aber nicht. Nun war der Lauf am Hafen entlang sehr einsam, es gab knapp 100 Teilnehmer, es wehte ein fieser Wind und es war kalt. Dazu kam, dass es wenige Versorgungspunkte gab. Ich hatte also nicht getrunken und quälte mich, gequält vom eigenen Darm gegen den Wind. Mir entgegen kam mit leichfüßigen Schritten der spätere Sieger, ein schlanker, farbiger Laufprofi - da hatte ich noch nicht mal die Hälfte geschafft. Die Strecke ging am Hafen hin und auf der gleichen Straße auch wieder zurück. Ich hatte das Gefühl, ewig zu laufen.

Im Rückblick bin ich dankbar für diese Erfahrungen. Ich war sogar schneller als beim ersten Lauf im April in Berlin. Im Training verzichtete ich auf dieses Zuckerzeug und trank Apfelsaft mit Wasser verdünnt im Verhältnis 1 zu 2. Dazu gab ich noch etwas Kochsalz. Dieses verliert man durch den Schweiß und ich hatte das Gefühl, deshalb nie mit Krämpfen gestraft zu werden. Dieses Getränk passte einfach zu mir.

Berlin Marathon 2002. Drangvolle Enge vor der Siegessäule auf der Straße des 17. Juni. (Wolfgang Kumm/AFP/Getty Images)
Berlin Marathon 2002. Drangvolle Enge vor der Siegessäule auf der Straße des 17. Juni. (Wolfgang Kumm/AFP/Getty Images)


Der große Berlin Marathon

Die Tage vor dem Marathon war ich sehr aufgeregt. Am Abend vor dem Lauf feierte unser WG-Freund Sebastian seinen Geburtstag - ich sagte ihm ab, ich müsse ja früh ins Bett. Allerdings überlegten sich Lene und ich ihm ein Geschenk zu machen. Wir schrieben auf ein Bettlaken „Sebi, nur für Dich". Das wollte ich vor dem Ziel so halten, dass Lene es fotografieren kann und das Foto wäre das Geschenk geworden. Es wurde auch so, allerdings konnte ich mein Laken auch ganz groß in die Kamera des Motorrades vom RBB halten, was mir einige Anrufe von Bekannten einbrachten.

Ich hatte dann natürlich Schwierigkeiten einzuschlafen. Lange lag ich wach, ging den nächsten Tag im Kopf durch, hatte einen Ruhepuls, der den, den ich sonst hatte - um die 50 Schläge pro Minute - bei weitem übertraf. Aufregung. Morgens stand ich um 6 Uhr auf, aß Nudeln oder auch Müsli, das weiß ich nicht mehr genau, und legte mich noch einmal hin. Alles war gepackt, ich musste nur zum Ernst-Reuter-Platz reisen. Meine Freunde Johannes und Serkan schliefen natürlich noch fest, Partys bei Sebastian waren immer gut...

Am Ernst-Reuter-Platz traf ich mich mit Holger. Der hatte mir das ganze ja eingebrockt. Holger hatte andere Ambitionen. Er lief sicher unter drei Stunden, also mehr als eine Stunde besser als ich. Wahnsinn. Wir wärmten uns gemeinsam auf und freuten uns auf das Kommende. Perfektes Laufwetter herrschte an diesem Tag. Es war kühl, aber trocken, die Sonne würde noch scheinen. Knapp 40.000 Menschen versammelten sich, jeder hatte seinen Grund hier zu sein. Manche trainierten um abzunehmen, andere liefen wegen einer Wette, wieder andere hatten eine Krankheit überstanden. Ein paar waren aber einfach gern Läufer. Die machten und machen das einfach, ganz natürlich mehrmals im Jahr so.

Meine Pulsuhr funktionierte, ich wusste, wie lange ich pro Kilometer brauchen wollte. Die erste Hälfte war geplant, immer weniger als 125 Herzschläge pro Minute zu halten. Ich wusste, mit dieser Geschwindigkeit kann ich sehr lange laufen ohne müde zu werden. Die zweite Hälfte wollte ich dann schneller laufen. Im Startbereich waren wir wie die Sardinen gepackt, der Startschuss ertönte, aber nichts passierte. Acht Minuten nach dem Beginn begannen wir langsam loszugehen. Noch etwas später konnte man schon leicht joggen. Kein Wunder. Die Straße war zu eng. Es dauerte fast 10 Kilometer bis immer genug Platz war.

Als ich nach ca. 6 Kilometern in der Nähe des Alexanderplatzes meinen Vater am verabredeten Treffpunkt erspähte, lief alles nach Plan. Ich war nun autark, musste nicht mehr an den Versorgungspunkten um Wasser kämpfen und hatte einen Gesprächspartner. Er radelte einfach neben mir her. Wie praktisch.

Und so verging die Zeit langsam, aber stetig. Als ich am Südstern vorbeilief, rief ein Mann laut meinen Namen und rannte zu mir. Den Arm über meiner Schulter rannte Ulli, ein Arzt, aus meinem Fußballverein mit einem Weinglas in der anderen Hand neben mir her. Er wusste, dass das ein besonderer Lauf für mich war. Der Zuspruch tat mir sehr gut. Außerdem war die zweite Hälfte des Laufes angebrochen - ich wollte einen Zahn zulegen.

Ich fühlte mich sehr gut. 160 Schläge pro Minute, dass sollte meine neue Obergrenze sein. Von da an lief ich schneller, bedeutend schneller. Bis ins Ziel überholte ich nur noch. Mein Vater auf dem Fahrrad nebenher hatte ganz schön zu strampeln. Und so lief ich durch die Stadt, in der ich seit einem Jahr lebte, in der ich meinen Zivildienst leistete und nun studierte. Herrlich. An manchen Stellen standen viele Menschen, die Stimmung war grandios. An anderen waren wir Läufer unter uns. Schön waren die von der Feuerwehr aufgestellten Wasserfontänen, die feinen Wassertropfen waren eine willkommene Erfrischung für alle.

„Die Sohlen klatschen so"

Das schnelle Laufen war dann doch anstrengend. Unterwegs „Unter den Eichen" hörte ich vom Personal Trainer auf dem Fahrrad: „Es klingt nicht mehr so gut. Die Sohlen klatschen so." Man hörte es wohl auch - 35 km strengen an. Kurz darauf hörten wir alle die Sambaklänge. Da flogen alle Läufer zwischen den Zuschauern hindurch. Uns wurde zugejubelt und wir klatschten dankbar zurück. Es war eine fantastische Stimmung am Wilden Eber. Auch mein Vater war der Meinung: Hinterher klatschten die Sohlen nicht mehr auf den Asphalt. Es war ja auch nicht mehr weit.

Die Kilometerzahlen bis ins Ziel waren einstellig geworden, also weniger Distanz als in einem normalen Trainingslauf. Das war zu schaffen. Im Grunde war das Laufen auch mehr zur Kopfsache geworden. Trainiert war ich gut, der Wille durchzuhalten war bei mir viel wichtiger. Manchen anderen Teilnehmern ging es besser, anderen auch bedeutend schlechter. Hin und wieder unterhielten sich zwei oder teilten Wasser. Auch wenn wir uns alle nicht kannten - obwohl auch Teams liefen - es ist ja so etwas wie eine Leidensgemeinschaft. Der Sieger war doppelt so schnell wie ich, obwohl ich in der ersten Hälfte des Feldes ins Ziel kam. Wer mit offenen Augen rannte, sah aber auch blinde Läufer, die mit einem Strick zu einem Läufer verbunden waren, der vor ihnen lief.

So viel Vertrauen wie diese Menschen haben, das ist enorm. Man sieht auch ganz alte oder zumindest ältere Läufer mit T-Shirts von Marathons aus den 60er Jahren. Das ist bemerkenswert.

Trotz der Qualen ein fröhlicher Geburtstagsgruß vom Ku
Trotz der Qualen ein fröhlicher Geburtstagsgruß vom Ku'damm aus. (Jacob Porstmann)

Kurz vor dem Ziel klappte die Übergabe des Bettlakens mit der Aufschrift für das Geburtstagsfoto für Sebi. Das Ziel kam näher. Der Kudamm flog an uns vorbei. Es gab sogar Wettläufe und Zielsprints von manchen Gezeichneten. Und viele in die Höhe gestreckte Arme.

Im Ziel gab es dann sofort eine Medaille und einen Plastiküberzug, damit wir nicht zu sehr froren. Am Start konnten wir alle unsere Wechselklamotten abgeben, hier gab es diese nun wieder. Es herrschte Andrang an den Massageliegen und in den Duschzelten war es auch eher wie in einer Sardinendose. Aber lustig ist es schon, im Grunde auf dem Kudamm zu stehen, nackig, und da zu duschen. Meine Wahrnehmung der Stadt hat sich durch die Erlebnisse an diesem Tag sehr verändert. Irgendwann traf ich dann auch das Begrüßungskomitee bestehend aus Freunden und Familie.

Geschafft

Und mein erster Wunsch war: Ein Döner. Danach gingen wir alle chinesisch Essen. Klasse. Die Müdigkeit überkam mich trotzdem massiv. Ich ging an diesem Sonntag sehr früh ins Bett. Der nächste Morgen war furchtbar. Der Weg vom Bett ins Bad dauerte bestimmt 5 Minuten. Ich konnte gerade so die Füße auf dem Boden um wenige Zentimeter nach vorne rutschen, die Beine schmerzten so sehr! Hinsetzen oder Aufstehen, also alles, was die Gesäßmuskulatur beanspruchte, war schier unmöglich. Ohne meine Mitbewohner wäre ich sprichwörtlich auf dem Stuhl kleben geblieben.

Der Schmerz verging innerhalb der nächsten Woche. Das Joggen konnte mir aber für Monate gestohlen bleiben. Es dauerte lange, bis ich wieder Spaß daran hatte.

Einen Marathon werde ich wohl nicht mehr freiwillig bestreiten. Einmal reicht mir. Auch wenn ich während des Laufes nicht litt, zu viel und zu lange laufen ist nicht mehr meine Sache. Zwei oder dreimal die Woche gehe ich nun wieder regelmäßig für eine knappe Stunde in die Spur, oft auch etwas kürzer. Daran habe ich wieder Spaß gefunden. Meine Pulsuhr habe ich nach dem Marathon bei ebay verkauft - ich fühle nun genau wie das Tempo für den Körper ist und solch eine Uhr nimmt mir einfach das Erlebnis, wie es ist, zum Spaß zu joggen, zu sprinten oder mal rückwärts zu laufen. Oder mal die Augen zuzumachen. Einfach aus Spaß an der Bewegung und mit dem Glücksgefühl gesund zu sein. Wenn es aber regnet, hilft nur: Schweinehund ignorieren, schnell in die Schuhe und los. Sonst schafft man es nicht.

Das Beweisstück, die Teilnehmernummer. (Jacob Porstmann)
Das Beweisstück, die Teilnehmernummer. (Jacob Porstmann)

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Marathon, Berlin-Marathon,

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