iPad: Computer-Tsunami für Kinder

  Julia Campins lebt in Seattle. Ihr Sohn spielte das erste Mal mit einem iPad als er zwei Jahre alt war. Auf einem langen Flug hatte er vier Stunden ununterbrochen …

 

Julia Campins lebt in Seattle. Ihr Sohn spielte das erste Mal mit einem iPad als er zwei Jahre alt war. Auf einem langen Flug hatte er vier Stunden ununterbrochen geweint und um ihn zu beruhigen gab ihm Julia ihr iPad. Sehr schnell lernte er das iPad zu bedienen und in den nächsten fünf Stunden spielte er Computerspiele und schaute Kinderfilme.
Im folgenden Jahr lud Julia für ihren Sohn Scrabblespiele herunter. Es schien ihr, als würde er sehr schnell die Worte lernen, gleichzeitig befand er sich aber wie in einem „Rauschzustand“, wenn er mit dem iPad spielte. Wenn sie seinen Namen rief, reagierte er nicht. Jeden Abend gab es einen Kampf, wenn sie ihm das iPad wieder wegnahm.
Sandra Calvert, Professorin für Psychologie an der Georgetown Universität in Washington, D.C., sagt, das Kind sei beim Bedienen des iPod hoch konzentriert. Dabei handele es sich um eine ähnliche physiologische Reaktion, als würde ein Kind Lego spielen.The Wall Street Journal berichtete, dass mehr als die Hälfte aller Nutzer von iPad, iPhone oder ähnlichen Touchscreen-Elektronikprodukten Kleinkinder seien.
Schließlich verboten Julia und ihr Mann ihrem Sohn, iPad zu spielen. Da seine Freunde noch nicht viel über Computerspiele redeten, fühlte er den Verlust nicht allzu sehr.
Glücklich und zufrieden mit dem iPad
Daniel Anderson, Professor für Psychologie an der University of Massachusetts, hat herausgefunden, dass Kinder ihren Blick während des Fernsehens nicht anhaltend auf den Bildschirm fixieren. Innerhalb einer Stunde entfernt ein Kind seinen Blick 1.500 Mal vom Bildschirm. Beim iPad konzentrieren sich die Kinder ganz auf den Bildschirm, weil das Gerät sofort reagiert wenn es berührt wird. Dies führt zu einem Art „Dialog“ zwischen Gerät und Kind und beansprucht dauerhaft dessen Aufmerksamkeit.
Dimitri Christakis vom Seattle Children´s Research Institute stellte fest: je öfter Kinder fernsehen, umso weniger können sie sich später konzentrieren. Obwohl er noch nicht damit begonnen hat, die Wirkung von Tablett-Computern auf das Kindergehirn zu erforschen, rechnet er hier mit noch gravierenderen Ergebnissen. Die Gefahr sieht Christakis gerade in der vermeintlichen Stärke des iPads, der interaktiven Beziehung zwischen Gerät und Nutzer.
Besonders kritisch dürfte es für die unter dreijährigen iPad-Nutzer aussehen. Denn nach dem aktuellen Stand der Forschung entwickelt sich das Gehirn in den ersten Lebensjahren am schnellsten. Bei der Geburt besitzt ein Mensch circa 2.500 Neuronen. Bis zum dritten Lebensjahr steigt die Anzahl auf bis zu 15.000, danach nimmt sie allmählich wieder ab.
Laut Michael Rich, Direktor des Center on Media and Child Health am Kinderkrankenhaus in Boston, erhöht die Nutzung des iPads die Freisetzung von Dopamin. Diese chemische Reaktion findet normalerweise im menschlichen Gehirn statt, wenn Freude empfunden wird. Viele Spiele, die speziell für Kinder entwickelt wurden, regen gezielt die Freisetzung von Dopamin an. Hat ein Kind im Spiel gewonnen, zeigt das Spielprogramm ein aufregendes Bild oder löst einen spannenden Ton als Belohnung löst. Das Kind freut sich, vertieft sich aber anschließend noch mehr in das Spiel.
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Computer statt Bewegung im Freien

Eine kanadische Untersuchung fand heraus, dass viele Kinder im Sportunterricht nicht den erwarteten Leistungsstandard erreichen. Hauptgrund dafür ist ein Mangel an Bewegung. In den Klassen sechs bis zwölf verbrachten die Schüler durchschnittlich 7 Stunden und 48 Minuten pro Tag vor dem Computer oder dem Fernseher. Die klassischen Spiele im Freien wie Seilspringen und Verstecken wurden von den Kindern nur noch selten gespielt.
Laut Mark Tremblay, Direktor der kanadischen Healthy Active Living and Obesity Research Group (HALO) und Professor an der Universität von Ottawa, muss Bewegung im alltäglichen Leben nicht kompliziert sein. Man benötige keine Geräte und auch keine Einweisung durch Eltern, Lehrer oder Trainer. Die Erwachsenen sollten Kinder und Jugendliche einfach spielen lassen und nicht die Natur der Kinder unterdrücken. „Kinder können durch Spielen mit ihrer Umgebung kommunizieren und sich mit ihr austauschen, unterschiedliche Bewegungserfahrungen gewinnen und so ihre Körperbeherrschung, Intelligenz und Emotionen in einer natürlichen Weise entwickeln“, so Tremblay.
Eine Mutter schrieb in ihrem Blog, sie finde, dass die heutigen Eltern immer mehr über die Zeit ihrer Kinder disponieren. Sie melden die Kinder bei vielen Freizeitaktivitäten an, zum Beispiel beim Fußball, Hockey, Ballett und Gymnastik. Die Kinder haben kaum noch Zeit, die sie selbst steuern können. Sie sagt, “In meiner Kindheit war ich selbst für all meine Freizeit verantwortlich. Meine Eltern sagten zu mir, geh draußen spielen, wir werden dich rufen, wenn das Abendessen fertig ist. Dann spielte ich mit meinen Freunden draußen und wir dachten uns selbst die Spiele aus“.