Ghent/New York – Die Aufregung über die negativen Auswirkungen des Klimawandels ist groß, doch in manchen Regionen der Welt könnte der Temperaturanstieg nach Einschätzung von Experten womöglich sogar positive Auswirkungen haben. Vor allem Nordeuropa, Russland, die Mongolei und Kanada könnten nach solchen Berechnungen von dem globalen Temperaturanstieg profitieren. Bessere Ernteerträge, die Erschließung bisher unzugänglicher Erdölvorkommen und neue Urlaubsziele könnten demnach die Folge sein.
„Es ist nicht so, dass in diesen Ländern keine schlechten Dinge passieren werden. Es wird sie geben wie zum Beispiel den Verlust der Eisbären“, sagt der Wirtschaftsprofessor Robert O. Mendelsohn von der Yale-Universität. „Aber die Idee ist, dass sie so große Vorteile, vor allem in der Landwirtschaft, erzielen, dass diese größer als die Verluste sein werden.“
Der Fachmann für Wald- und Umweltstudien hat untersucht, wie sich das Bruttosozialprodukt weltweit unter verschiedenen Klimaerwärmungs-Szenarien bis zum Jahr 2100 verändern könnte. Danach scheinen Kanada und Russland als Gewinner herauszukommen, ebenso wie ein großer Teil von Nordeuropa und die Mongolei. Diese Annahme basiert weitgehend auf erwarteten Gewinnen in der landwirtschaftlichen Produktion in diesen Gebieten. Viele Experten glauben, dass bei einer Erderwärmung die Anbauflächen von Nahrungsmitteln in Richtung der Pole wandern werden.
Chris Loken, ein Apfel-Anbauer im US-Staat New York, hat sich schon länger darauf eingestellt: Zwischen langen Reihen von Apfelbäumen hat er Pfirsich-, Aprikosen und Pflaumenbäume gepflanzt. Die frostigen Winter der Gegend bekommen diesen Obstbäumen nicht immer gut, aber der 75-Jährige setzt auf einen Trend zu milderen Wintern: „Diese Plantage ist für die Zukunft gemacht.“
Im eisigen Grönland könnte die Zukunft schon begonnen haben: Fischer sind begeistert von der Rückkehr des Kabeljaus, und Bauern berichten von höheren Erträgen. „Vielleicht werden die Rüben und die Kartoffeln ein bisschen größer, aber das ist wichtig“, sagt Kenneth Hoeg, ein Landwirtschaftsberater der Regierung, „wir sind hier genau an der Grenze des Ackerbaus.“ Für Jesper Madsen, den Leiter der arktischen Forschung am nationalen Umweltinstitut in Dänemark, sind die landwirtschaftlichen Vorteile Grönlands durch den Klimawandel allerdings nur „kleine Kartoffeln“ im Vergleich zu denen, die ein Rückzug des Eises für die Förderung von mehr Erdöl bieten würde.
Dennoch sollten die Menschen in nördlichen Breiten nicht gleich Bananenbäume pflanzen oder einen Badeurlaub in Island buchen. Eine wahrscheinliche Erwärmung würde langsam kommen und könnte sich sogar abschwächen, wenn die Welt ihre Treibhausgasemissionen verringern würde.
Gegenwärtig hat das „optimale Urlaubsziel“ laut einer Gruppe europäischer Forscher eine jährliche Durchschnittstemperatur von 16 Grad Celsius, wie sie etwa in Barcelona erreicht wird. Eine weltweite Erwärmung werde notwendigerweise Touristen weg von Äquatorregionen treiben und hin zu den Polen und den Bergen, sagt einer dieser Experten, der irische Wirtschaftswissenschaftler Richard Tol. Nach einer Aufstellung Tols würde bei einer weltweiten Erwärmung Kanada der größte Gewinner sein: Es würde demnach bis zum Ende des Jahrhunderts einen Zuwachs um 220 Prozent bei den Reisenden aus dem Ausland bekommen, gefolgt von Russland mit plus 174 Prozent und der Mongolei mit plus 122 Prozent.
Allerdings sind die Unwägbarkeiten groß, wenn man versucht, langfristige weltweite Vorhersagen zu machen. Denn es gibt so viele Komponenten. So nützt eine länger dauernde Wachstumsphase der Pflanzen einem Landwirt nichts, wenn daraus resultierende Verschiebungen der Regenmengen eine Dürre bringen. So werden die Bewohner nördlicher Gebiete, die im Winter Heizöl sparen, nach Einschätzung von Yale-Professor Mendelsohn im Sommer mehr als das Eingesparte ausgeben müssen, um im Sommer zu kühlen. So mögen sich Städte um die Großen Seen in Nordamerika milderen Wetters erfreuen, doch sie könnten darunter leiden, dass niedrigere Wasserstände der Seen den Schiffsverkehr beeinträchtigen. Schließlich könnte eine weltweite Erwärmung verschiedenen Parasiten und Krankheiten neue und für den Menschen tödliche Möglichkeiten bieten.
Einige Forscher betonen denn auch, dass es gar keine Gewinner des Klimawandels geben könne, weil der Planet insgesamt ein so großer Verlierer sein werde. Kleine Gewinne in begrenzten Gebieten könnten nach ihrer Ansicht nicht auf eine Waagschale gelegt werden, wenn die negativen Folgen weltweite Nahrungsmittel- und Wasserknappheit, Massenüberschwemmungen und Auslöschung beinhalten könnten.
„Am Ende findet man keine wirklich großen, wirklich bedeutsamen Vorteile“, sagt etwa der Chef-Wissenschaftler des unabhängigen Klimainstituts in Washington, Michael MacCracken. „Ich meine, der Verlust der Artenvielfalt ist eine unumkehrbare Sache für den Planeten. Das Sparen von ein wenig Geld für die Heizung in Winterregionen ist ein kleiner wirtschaftlicher Gewinn für einige Menschen. Wie will man das vergleichen?“ (AP)
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