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Goldgrube Diätindustrie

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25.02.2006

Im vergangenen Jahr landete Susanne Fröhlich einen Bestseller mit ihrem Buch „Moppel-Ich“ über die Leiden des Abnehmens. Damals tourte die erschlankte Autorin durch zahlreiche Talk-Shows, inzwischen zeigt sie sich wieder als „Moppel-Ich“ – wie Millionen andere mit jahrelanger Diät-Biografie. Diäten sind sinnlos und machen die meisten Menschen dicker, sagt dazu der Ernährungsexperte Udo Pollmer. Warum dennoch immer wieder neue Wunderdiäten angeboten werden und Millionen Menschen – den seit langem bekannten Jo-Jo-Effekt ignorierend – jedes Mal von neuem darauf anspringen, erklärt er in seinem neuesten Buch.

„Esst endlich normal! Wie die Schlankheitsdiktatur die Dünnen dick und die Dicken krank macht“, lautet der Titel. Pollmer, der regelmäßig mit Anti-Thesen zur gängigen Ernährungslehre für Aufsehen sorgt, hat es diesmal besonders auf die ehemalige „Kinderverschlankungsministerin“ Renate Künast abgesehen, die 2004 den Kampf gegen dicke Kinder aufnahm. „Dicke Kinder, dicke Lügen – Wie man mit Zahlenspielereien eine Epidemie verursacht“ lautet eine der Kapitel-Überschriften.

Denn Pollmer legt dar, dass es für Deutschland keine repräsentativen Daten gebe, die es rechtfertigten, von einer epidemieartigen Gewichtszunahme bei Kindern zu sprechen. Es gebe lediglich einzelne Daten, die mit unterschiedlichen Methoden erhoben und unter unterschiedlichen Gesichtspunkten ausgewählt worden seien. Dazu kämen willkürliche Festlegungen, ab wann von Übergewicht zu sprechen sei und ab wann dieses gesundheitsschädlich sei – was von Land zu Land unterschiedlich definiert werde.

Besonders kritisiert Pollmer den Body-Mass-Index (BMI), bei dem das Körpergewicht ins Verhältnis zur Körpergröße gesetzt wird und der als Non-plus-ultra bei der Bestimmung von Über-, Unter- oder Idealgewicht gilt. Er zeigt, dass der BMI von Versicherungen entworfen wurde, um ihre Prämien zu kalkulieren. Die Werte derjenigen, die am längsten lebten, wurden zum Maßstab für Gesundheit erhoben. Diese auf Grund von Versicherungsdaten der 50er Jahre erhobenen Werte, die weder zwischen jung, älter und alt noch zwischen Konstitution, Ethnien oder Geschlechtern differenzierten, seien 1997 von der WHO zu gültigen Werten erhoben worden, und auf dieser Grundlage sei eine globale Fettleibigkeitsepidemie ausgerufen worden, schreibt Pollmer.

Während er einerseits anführt, dass es weder bei Erwachsenen noch bei Kindern eine derartige Fettepidemie gebe, wie allerorts behauptet, warnt er vor allem vor den langfristigen Auswirkungen der Fett-Hysterie: Es gebe einen deutlichen Trend zur Magersucht – bei Mädchen unter zehn Jahren habe sich in Deutschland die Zahl der Anorexie-Patientinnen in den vergangenen 30 Jahren verachtfacht. In Australien sagen demnach bereits 71 Prozent der Sechsjährigen, sie wären gerne dünner. „So entsteht eine Generation von vermeintlich Dicken, die es so gar nicht gibt“, warnt der Ernährungsexperte.

Erhöhter Cholesterinspiegel schützt vor Infektionen

Mager- und Ess-Brech-Sucht seien allerdings im Gegensatz zu einigen Speckröllchen tatsächlich lebensbedrohlich, etwa 16 Prozent der Betroffenen sterben demnach an den Folgen. „Ich bin angewidert von der rücksichtslosen Missachtung von Essstörungen, die im medizinisch-kulturellen Krieg gegen die Fettleibigkeit zum Vorschein kommt ... Ich kann mir keine bessere Methode vorstellen, die Selbstachtung von Kindern zu beschädigen, als ihnen zu sagen, ob taktvoll oder nicht, dass ihre Körper überfüttert oder untertrainiert sind ... Wenn wir unseren Kindern sagen, dass sie nicht ‚richtig’ sind, werden wir viele von ihnen in die offenen Arme von Magersucht und Bulimie treiben“, zitiert Pollmer eine Ärztin.

Neben seinen Warnungen führt Pollmer in seinem mit zahlreichen Zitaten von Medizinern und aus Studien angereicherten Buch interessante Erkenntnisse und Thesen der Wissenschaft auf, die der normale Verbraucher üblicherweise nicht zu lesen bekommt. Er wundere sich immer wieder, wenn er neue Studien lese und dann sehe, was in den Ernährungstipps davon ankomme – nur das, was ins Bild passe und erwünscht sei, sagte Pollmer. So ist etwa weitgehend unbekannt, dass ein krankhaft erhöhter Cholesterinspiegel vor Infektionen schützt weswegen solche Menschen noch vor 100 Jahren, als die hygienischen Verhältnisse schlechter waren als heute, eine höhere Lebenserwartung hatten als andere.

Vor allem sind es aber die Hintergründe des seit Jahrzehnten währenden „Anti-Fett-Kampfes“, die das Buch interessant machen: Etwa wenn Pollmer die Sponsorenliste eines amerikanischen Wissenschaftlers aufführt, der mit seinen Studien die Grundlage für die Fett-Hysterie liefert: Aufgelistet sind zahlreiche Produzenten von Abnehmmitteln, Hersteller von Personenwaagen, die Weight Watchers, Pharmafirmen, die an Anti-Übergewichtsmitteln forschen und weitere Institutionen, die ein Interesse daran haben, dass die Angst vorm Dicksein weiter geschürt wird. Schließlich wird laut Pollmer allein der Jahresumsatz an Diätprodukten für Europa auf bis zu 93 Milliarden Euro geschätzt: „Die Diätindustrie mit ihren weit verzweigten Ablegern wie Kurkliniken, Schönheitspraxen, Frauenzeitschriften, Männerzeitschriften, Fitnessstudios, Ernährungsgesellschaften etc. ist eine Goldgrube.“

Mirjam Mohr

Udo Pollmer: Esst endlich normal! Piper 2005, ISBN 3-492-04791-2, 304 Seiten, 14 Euro

Udo Pollmer

Der streitbare Ernährungsspezialist Udo Pollmer sorgt immer wieder mit unkonventionellen Thesen zu den Themen Ernährung und Gesundheit für Aufsehen. Der studierte Lebensmittelchemiker arbeitet seit 1981 als selbstständiger Wissenschaftsjournalist und Unternehmensberater und war mehrere Jahre Lehrbeauftragter für Haushalts- und Ernährungswissenschaften an der Fachhochschule Fulda und der Universität Oldenburg. Seit 1995 ist Pollmer Wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (EU.L.E) in München.

Bekannt wurde der 1954 geborene Pollmer mit den Bestsellern „Iss und stirb. Chemie in unserer Nahrung“ (1986), „Wohl bekomm's. Was Sie vor dem Einkauf über Lebensmittel wissen sollten“ (2001), „Prost Mahlzeit. Krank durch gesunde Ernährung“ (2001) und dem „Lexikon der populären Ernährungsirrtümer“ (2004). 2005 erschienen die Bücher „Lexikon der Fitness-Irrtümer“ und „Esst endlich normal! Wie die Schlankheitsdiktatur die Dünnen dick und die Dicken krank macht“.

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