Nachrichten Deutschland – Gorbatschow würdigt Leistung des deutschen und russischen Volkes – Kathrin Hedtke
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Festakt in Paulskirche Gorbatschow würdigt Leistung des deutschen und russischen Volkes

Kathrin Hedtke

03.10.2010

Der ehemalige Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow (r.), und die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) stehen am Tag der Deutschen Einheit vor der Paulskirche in Frankfurt am Main. Gorbatschow hielt anlässlich der Feierlichkeiten des Tages der Deutschen Einheit eine Rede. Foto: Thomas Lohnes/dapd
Der ehemalige Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow (r.), und die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) stehen am Tag der Deutschen Einheit vor der Paulskirche in Frankfurt am Main. Gorbatschow hielt anlässlich der Feierlichkeiten des Tages der Deutschen Einheit eine Rede.

Foto: Thomas Lohnes/dapd

Frankfurt/Main – Als der frühere Sowjetpräsident Michail Gorbatschow am Sonntag vor die Frankfurter Paulskirche tritt und in die Sonne blinzelt, bricht hinter der Absperrung spontaner Beifall los. Japanische Touristen filmen fasziniert, wie die Menschen jubeln und ihre Fotoapparate in die Höhe recken. Dazu läuten festlich die Glocken. Es ist der 20. Jahrestag der Wiedervereinigung – und ohne diesen Mann wäre die deutsche Einheit so wohl nicht möglich gewesen. Gorbatschow winkt in die Menge, schlägt die Hände zusammen und streckt sie über den Kopf. Dann geht es weiter zum Römer, dort trägt sich der Friedensnobelpreisträger ins Goldene Buch der Stadt ein.

Zum Festakt in der Paulskirche mit 1.400 Gästen ist der Staatsmann mit seiner Tochter Irina und deren Mann angereist. Die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) würdigt den 79-Jährigen als jemanden, der Weltgeschichte geschrieben habe. Michail Gorbatschow sei es gewesen, der im rechten Zeitpunkt den notwendigen Umbau in eine demokratische Gesellschaft eingeleitet habe. "Das ist nur durch Persönlichkeiten mit Mut und Entschlossenheit zur Tat möglich", betont Roth. Doch vor einer Kulisse aus prächtigen Blumenbouquets mit Sonnenblumen und roten Gerbera macht Gorbatschow deutlich, wem seiner Meinung nach vor allem Ehre gebührt: dem Volk – und zwar dem deutschen und dem russischen.

Einheit dank Unterstützung des russischen Volks

Sein "Freund", der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), und er seien 1989 der Meinung gewesen, die Wiedervereinigung sei das Anliegen des 21. Jahrhunderts. Doch schon wenige Monate später fiel die Berliner Mauer. "Ich will die Rolle der Politiker gar nicht abwerten, sie war sehr groß. Doch die wichtigste Rolle hat hier das Volk gespielt beziehungsweise zwei verschiedene Völker", sagt der ehemalige Sowjetpräsident. Die Deutschen, die ihren Willen zur nationalen Einheit entschieden und unmissverständlich bekundet hätten. Der Staatsmann legt eine Pause ein: "Und natürlich die Russen." Sie seien es gewesen, die für die Sehnsüchte der Deutschen Verständnis aufgebracht hätten sowie den Glauben, dass sich das heutige Deutschland von Grund auf verändert habe. "Wäre diese Unterstützung nicht da gewesen, hätte die sowjetische Regierung nicht so handeln können, wie sie gehandelt hat", betont Gorbatschow unter Beifall.

Kritik an Neuauflage alter Klischees

Mit Nachdruck spricht sich der ehemalige Präsident für eine gute Beziehung zwischen Deutschland und Russland aus. "Wir dürfen nicht vergessen: Wir sind ein Teil Europas, ein Teil der globalen Welt." Der Staatsmann kritisiert, dass auch heute Misstrauen bleibe, alte Vorurteile und Klischees wieder ins Spiel gebracht würden. Russland würden ungute, sogar aggressive imperiale Absichten unterstellt. Gorbatschow blickt ins Publikum: "Ich schaue Ihnen in die Augen und sage: Das stimmt nicht." Das habe niemand mehr nötig. Diejenigen, die drauf und dran seien, wieder eine Mauer aus "gegenseitigem Misstrauen und Feindschaft" zu erreichten, erwiesen ihren Nationen einen schlechten Dienst. Die globalen Probleme ließen sich nur gemeinsam lösen.

Michail Gorbatschow verwies auf drängende Fragen wie Armut, Sicherheit, Umweltprobleme, Klimawandel und Finanzkrisen. Nur als Partner könnten Europa, die USA und Russland den Weg zur Neugestaltung der Weltpolitik ebnen, "und so unseren Planeten retten", sagt Gorbatschow. "Das ist meine Botschaft." (dapd)

 

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