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Zukunftsforscher Horx Große Krisen - große Chancen

DAPD

22.12.2008

Frankfurt/Main – Trotz der Finanzkrise blickt Zukunftsforscher Matthias Horx optimistisch ins neue Jahr 2009. In Amerika werde ein „gewaltiger grüner Boom“ ausbrechen, sagte der Gründer des Zukunftsinstituts im hessischen Kelkheim in einem Interview. In Deutschland liege die eigentliche Krise im Bildungsbereich. Nachfolgend das Interview im Wortlaut:

Angesichts der Finanzkrise müsste man ja eigentlich pessimistisch in das nächste Jahr blicken, oder?

Matthias Horx: Wir durchlaufen eine große Krise, aber große Krisen sind auch große Chancen und haben immer eine Bedeutung für weiteres Wachstum, im persönlichen Leben wie im wirtschaftlichen und sozialen.

Was ist Ihre Schlussfolgerung für die Zukunft?

Horx: Wir werden unsere Wirtschaft, auch unsere Werte und Lebenssysteme an neue Bedingungen anpassen müssen. Das beginnt im ganz großen Rahmen, in der Globalisierung. Von der bisherigen Globalisierungsphase haben wir Deutsche extrem profitiert, wir sind Exportweltmeister und beziehen billige Massenware aus Fernost. Das war ein sehr erfolgreiches Wirtschaftsmodell. Noch erfolgreicher war das Wechselspiel zwischen Amerika und China: billige T-Shirts gegen Kapital. Diese Form der amerikanisch geprägten Globalisierung geht zu Ende. Eine multipolare Welt entsteht, plötzlich nehmen 25 Nationen am Finanzwirtschaftsgipfel teil. Auch China wird sich sehr schnell in eine Innovations-Wirtschaft verwandeln, das Zeitalter der Billigfabriken geht zu Ende. Das bedeutet, dass wir gezwungen werden, radikal innovativer, kreativer, flexibler zu werden. Wir haben es versäumt, uns schnell und konsequent in Richtung einer Wissensökonomie zu bewegen, das werden wir jetzt nachholen müssen.

Bleiben wir bei einem Beispiel, der Autoindustrie. Halten Sie es für sinnvoll, die Hersteller mit staatlichen Hilfen zu stützen?

Horx: Das kann für eine Übergangszeit sinnvoll sein, wird aber das Problem nicht lösen. Wir sind am Ende eine Epoche angekommen, in der das Erdöl der einzige und billige Energieträger war. Neue Mobilitäts-Konzepte werden eine gewaltige Anstrengung erfordern, bei der in der Autoindustrie kein Stein mehr auf dem anderen bleiben wird. Staatshilfe kann manchmal Organisationen retten, aber oft verhindert sie eher konsequente Innovation.

Wird dieser Wandel viele Arbeitsplätze kosten?

Horx: Wandel fordert immer massiv Arbeitsplätze. Aber in dem Moment, in dem alte Arbeitsplätze verschwinden, entstehen auch neue. Vor einem Jahr haben die Anbieter von Elektroantrieben für die Autoindustrie keinen Kredit bekommen, heute bekommen sie Kredite mit Handkuss und das mitten in der Finanzkrise, und obwohl das Öl billig ist. Der größte Sektor der Arbeitsplätze in Deutschland liegt heute in der Umwelttechnologie. Was auf uns zu kommt, ist ein massiver Wandel der Arbeitsgesellschaft weg von lebenslangen Arbeitsplätzen, hin zu lebenslangen Lernprozessen. Das funktioniert nur, wenn wir das Bildungsniveau unserer Gesellschaft ständig erhöhen. Unsere eigentliche Krise ist, dass wir keine Aufwärtsdynamik in der Bildung haben. Unsere Bildungs- und Kultur-Strukturen entsprechen immer noch einer alten Industriegesellschaft mit Heeren von abhängig Beschäftigten. In Zukunft werden wir im Laufe unsere Lebens viel öfter den Beruf und den Platz“ wechseln. Darauf sollten wir uns vorbereiten unsere Kinder wissen es schon.

Zeigen die Pisa-Ergebnisse nicht, dass sich da schon viel gebessert hat?

Horx: Die Pisa-Ergebnisse sind nur ein winziger Einblick in den Bildungssektor. In Deutschland haben 32 Prozent der 20-Jährigen Abitur, in Finnland sind es 90 Prozent. Finnland hatte 1993 eine gewaltige Wirtschafts-Krise, als innerhalb eines Jahres das Bruttosozialprodukt um 15 Prozent sank. Finnland hat sich damals neu erfunden als Bildungs- und Technologienation. Da zeigt sich, dass Krisen auch sehr heilsam sein können, wenn man sie annimmt und nicht mit alarmistischen und panischen Kampagnen reagiert. Wir haben heute eine Hysterie- und Panikbereitschaft, vor allem von den Medien geschürt, die den Blick auf die Zukunft verstellt.

Das heißt, Sie plädieren für mehr Optimismus?

Horx: Ich plädiere dafür, dass das Gejammer aufhört und dass auch die Medien ihre Verantwortung wahrnehmen, anstatt jeden Tag eine Weltuntergangs-Talkshow zu betreiben. Die Gefahr ist, dass wir eine panische Angstkultur entwickeln, die die Reaktionsfähigkeit der Menschen gegenüber dem Wandel hemmt. Krisen sind immer auch eine Herausforderung an die Mentalität und den Erfindungsreichtum. Ich glaube, dass die Menschen erfindungsreicher sind, als das die Medien behaupten. Aber die permanente Negativ-Propaganda führt dazu, dass die Menschen sich nichts mehr zutrauen.

Wann könnte die Krise vorbei sein?

Horx: In Deutschland dauern Veränderungen meistens etwas länger. Ein kleiner Trost: Wir haben zwar immer einen überschießenden Pessimismus, aber gleichzeitig sind wir auch bereit, anzupacken, wenn es darauf ankommt. In Amerika wird in einem Jahr ein gewaltiger grüner Boom ausgebrochen sein, mit erheblichen Investitionen in erneuerbare Energien und neue Technologien. Dann wird auch in Deutschland die Stimmung wieder kippen. Wir brauchen allerdings Medien und Politiker, die diesen Strukturwandel verständlich machen, ihm eine Sprache, eine Vision verleihen, und die Bürger mit ins Boot des Wandels holen. Eine solche Krise kann der Staat nicht alleine lösen. Jeder muss seinen Teil dazu beitragen: Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Politik, das Individuum. Das ist die eigentliche Herausforderung. Wenn man gemeinsam aufbrechen will, sollte man aber wissen, wohin man will. In Deutschland wollen immer noch zu viele Menschen zurück in die angeblich goldene Vergangenheit. Das wird nicht funktionieren.

Das Interview führte Samuel Heller.

(AP)

 

 

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