Foto: Roberto Pfeil/AP Photo
Tunis – Die Keimzelle des grünen Aufbruchs in Tunesien ist reichlich grau. Die "Parteizentrale" der Grünen in Tunis ist ein karger Raum in einer unscheinbaren Seitenstraße der Hauptstadt. Die verputzten Wände sind fleckig, von den Türen blättert der Lack, eine Deckenlampe hat den Geist aufgegeben. In einem Regal stehen ein paar Dutzend Aktenordner mit vergilbten Aufklebern. Auf dem Schreibtisch liegt ein Haufen Papiere. Kein Telefon, kein Computer, kein Drucker. Doch die Partei hat viel vor in dem Ausgangsland der Revolutionen im arabischen Raum.
Draußen am Haus fehlt jeder Hinweis auf das Grünen-Büro. Auch im Treppenhaus suchen Gäste vergeblich nach einem Klingelschild. Die deutsche Grünen-Chefin Claudia Roth ist zu Besuch angereist und klopft forsch an eine Tür, hinter der sie ihre Parteikollegen vermutet. Eine Minute lang tut sich nichts. "Na, da müssen sie aber noch was ändern", sagt Roth und lacht. Dann lugt Abdelkader Zitouni durch die Tür und fällt dem Besuch aus Deutschland um den Hals. Der 68-Jährige ist der Kopf der Grünen in Tunesien.
Der Boden im Grünen-Büro ist staubig, draußen vor dem Fenster baumeln Kabel. Am Haus gegenüber bröckelt der Putz. Doch drinnen - inmitten der tristen Szenerie – versprüht Zitouni Aufbruchstimmung und Zuversicht. Er steht wild gestikulierend inmitten der Gäste aus Deutschland, die dicht gedrängt auf zerschlissenen Stühlen um ihn herum hocken.
Mit Roth ist auch die Grünen-Europaabgeordnete Barbara Lochbihler in Tunesien unterwegs. Die beiden wollen sich ein Bild von der Lage im Land machen – und von ihren aufstrebenden Parteikollegen. Roth stellt Fragen, muntert auf, hört zu, tätschelt die Hand des tunesischen Grünen-Pioniers. Zitouni redet, ohne Luft zu holen, und kramt immer wieder Papiere aus der Schreibtischschublade hervor. Das Parteiprogramm besteht noch aus einer losen Blattsammlung. Die Grünen in Tunesien stehen ganz am Anfang.
Erst dreieinhalb Monate ist es her, dass die Tunesier ihren Staatschef Zine Abidine Ben Ali aus dem Land jagten. Seitdem ist alles im Umbruch. Das Land will sich eine neue Verfassung geben, und es entsteht eine bunte Parteienlandschaft. Aus dem alten Einerlei ist ein Wildwuchs an Initiativen geworden. Mehr als 50 Parteien sind inzwischen zugelassen. Sie alle wollen Ende Juli bei der Wahl zu einer verfassungsgebenden Versammlung antreten – auch die tunesischen Grünen.
Zitouni gründete die Partei 2004. Er hatte lange als Ingenieur gearbeitet und im Job festgestellt, dass sich das Land viel zu wenig um ökologische Belange kümmert. Mit ein paar Mitstreitern baute er die Grünen auf – im Verborgenen. Die Partei war illegal. "Wir haben im Untergrund gearbeitet", sagt Zitouni, "unter Ben Ali wurden wir überall verfolgt." Er wurde damals drangsaliert, sein Auto zerstört. Das Regime setzte ihn und seine Familie mit kleinen Schikanen unter Druck. Ein Mitstreiter verlor seinen Job, andere wurden bedroht. Erst im vergangenen Januar – nachdem das Regime gestürzt war - bekamen die Grünen in Tunesien ihre Zulassung.
Inzwischen hat die Partei mehr als 800 Mitglieder. Zitouni holt den Block mit den Mitgliedsanträgen heraus und zeigt ihn herum. Bis zur Nummer 816 sind alle Seiten herausgerissen. Immer wieder tippt er auf die Zahl und schaut stolz in die Runde. An der Wand im Büro hängen die ersten Plakate: "L’ecologie: Notre avenir" – "Ökologie: Unsere Zukunft" steht darauf.
Die tunesischen Grünen wollen ihr Land umkrempeln, mehr auf Wind-, Wasser- und Sonnenenergie setzen. "Wir haben die Sonne, wir haben das Meer", sagt Zitouni, "das Potenzial ist da." Staat und Religion wollen sie trennen, mehr für die Frauen- und für die Menschenrechte tun, die Sozialpolitik vorantreiben und gegen die Arbeitslosigkeit ankämpfen. "Es kann keine Demokratie geben in Tunesien, wenn es keinen wirtschaftlichen Aufschwung gibt", meint Zitouni. Die jungen Menschen im Land bräuchten eine Perspektive.
Zitounis Pläne klingen noch wie Überschriften eines Wahlprogramms. Am Text dazwischen mangelt es noch. Die Blattsammlung in der Schreibtischschublade ist längst nicht fertig. Überhaupt fehlt es ein bisschen an allem. Vor allem an Geld. Das Büro habe ihnen eine kleine private Firma "geliehen", erzählt Zitouni. Und ein Freiwilliger bastele gerade kostenlos an einer Website für die Partei. Geld für eine richtige Wahlkampagne sei eben nicht da.
Die Wahl im Juli kommt ein bisschen früh für die neue Partei. "Wir sind noch nicht fertig", sagt Zitouni. Er würde sich einen späteren Wahltermin wünschen. Bleibt es dennoch dabei, machen die Grünen den Wahlkampf mit dem, was sie haben. Zitounis Enthusiasmus gehört dazu._
(dapd)
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