Aktuelle Nachrichten – Gesellschaft
13.01.2007
Frankfurt/Main – „Du wurdest gegruschelt“ – beim Einloggen ins StudiVZ, der größten Studenten-Community im deutschsprachigen Internet, gibt es erst einmal eine virtuelle Streicheleinheit. Was Wikipedia ziemlich trocken definiert als „Neologismus, vermutlich aus den Wörtern grüßen und kuscheln“, bedeutet für die Mitglieder: Jemand hat lieb an mich gedacht. Also wird gleich mal „zurückgegruschelt“.
Vor allem für Erstsemester ist das Studi-Verzeichnis ein wichtiger Halt in der Anonymität der neuen Umgebung. Man erfahre so mehr über die Mitstudenten, als sonst zwischen Vorlesung und Cafeteria möglich sei, sagt Martin Seydel, der seit dem Wintersemester in Passau studiert. „Und durch das StudiVZ kann ich Kontakt zu Leuten halten, die ich sonst wahrscheinlich aus den Augen verlieren würde“ – vor allem wenn frühere Klassenkameraden in anderen Ecken der Republik oder gar im Ausland gelandet sind.
„Es ist einfach schön, dass man dort ganz viele lange nicht gesehene Freunde und Bekannte trifft“, sagt Judith von Falkenhausen, die am Mount Holyoke College im US-Staat Massachusetts studiert. „Man erfährt so ganz nebenbei, was die Leute von früher alle so machen und wohin es sie verschlagen hat.“ Die 24-Jährige ist nicht nur im StudiVZ zuhause, sondern auch in der englischsprachigen Studenten-Community facebook.com, die dem deutschen Netzwerk als Vorbild diente.
Gegründet wurde das StudiVZ im Oktober 2005 von den beiden Studenten Ehssan Dariani und Dennis Bemmann. Später kam noch Michael Brehm in das Leitungsteam dazu. Seit dem Verkauf an die Verlagsgruppe Holtzbrinck gehört das Trio zu den Unternehmern, die aus einer Internet-Idee Geld gemacht haben. Der Kaufpreis wurde nicht bekannt gegeben, doch wird ein Betrag von 50 bis 100 Millionen Euro genannt. „Obwohl wir jetzt ganz zur Holtzbrinck-Gruppe gehören, bleibt StudiVZ selbstverständlich völlig eigenständig“, erklärten die drei StudiVZ-Macher, die die Community weiter leiten werden. Holtzbrinck betrachtet das StudiVZ als Abrundung seiner anderen Angebote für Studierende wie e-fellows.net sowie die Magazine „karriere“ und „Zeit Campus“.
Den Mitgliedern steht es frei, wie viel sie in ihrem persönlichen Profil von sich verraten. Nach dem Einloggen wird auch angezeigt, „wer zuletzt Deine Seite angeschaut hat“. An einer „Pinnwand“ werden Botschaften angebracht werden, die alle lesen können. Und natürlich darf auch ein Fotoalbum nicht fehlen. Für private Mitteilungen werden Nachrichten innerhalb der Community verschickt. Nur wer in den Kreis der eigenen Freunde aufgenommen wird, kann die direkten Kontaktdaten wie die E-Mail-Adresse einsehen. Schüchterne Menschen können ihren Account auch so einrichten, dass die eigene Profilseite nur von den Freunden gesehen werden darf.
Neben der privaten Gruschel-Kommunikation stehen die Diskussionen in den Gruppen im Mittelpunkt der Community. Die Mitglieder haben bislang mehr als 300.000 Gruppen gebildet. Viele bestehen nur aus einer Hand voll Personen, andere haben mehr als 1.000 Mitglieder. Neben Gruppen für bestimmte Studienfächer finden sich hier Foren für bestimmte Hobbys wie die „Orchideen-Selbsthilfegruppe“ oder für eindeutige Abneigungen wie gegen bestimmte Fußballvereine. Regen Zuspruch findet eine Frauengruppe mit der Bezeichnung „Männer oder Alkohol?!.....ALKOHOL!!!“ Aber auch die Sorgen ums Geld spiegeln sich in den Gruppen wider. Großen Zulauf haben Gruppen, in denen über Studiengebühren diskutiert wird. Eine von ihnen nennt sich „Geist ist Geil – Gegen Studiengebühren“.
Ansonsten aber wird in der Community heftig gefeiert. „StudiVZ ist wie eine Campus-Party“, erklärt der 29-jährige Mainzer Student Nikolas Müller, „sehen und gesehen werden, Kontakte knüpfen und flirten, was das Zeug hält.“ Nur hätten sich die Gründer teilweise selbst wie Studenten im Partyrausch verhalten. Aber inzwischen befindet sich das Portal in einer regen Debatte über Datenschutz und Regeln für den virtuellen Umgang miteinander. Damit das Gruscheln immer schön anständig bleibt, soll in wenigen Wochen ein Verhaltenskodex beschlossen werden.
(AP)
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