Frankfurt/Main (apn) Die Strobbes sind eine schrecklich nette Familie von vier Brüdern, die für jeden Unfug zu haben sind und noch bei Muttern leben. So sehen sie sich selbst; für ihre Nachbarn ist die Sippe eine Heimsuchung, ein Haufen halbkrimineller Alkoholiker. Es gibt aber auch noch einen fast unsichtbaren Strobbe-Nachkömmling: Gunther, der seine Onkel bewundert und sich von ihnen abzunabeln versucht. Als Erwachsener rekapituliert er seine Kindheit in seinem Buch „Die Beschissenheit der Dinge“.
Der Name deutet an, dass die am 20. Mai anlaufende Tragikomödie nichts für Zartbesaitete ist. Sie basiert auf dem belgischen Bestsellerroman von Dimitri Verhulst, der sich seine schwierige Jugend von der Seele schrieb. Regisseur Felix van Groeningen überträgt diesen literarischen Exorzismus 1:1 auf die Leinwand. So wird nichts ausgelassen vom Alltag dieser vitalen Subproleten, der sich um Bier, Fritten und F... dreht: nicht die Gaudi beim Nackt-Fahrradrennen, beim Kampftrinken, beim Sex im Kinderzimmer neben dem kleinen Gunther. Aber auch nicht Delirium tremens, Grausamkeit und grölende Selbstzerstörung.
Gunther ist der Sohn des ältesten Bruders Marcel, seine Mutter hat sich bald nach seiner Geburt verdrückt. Als Nesthäkchen dieser lustigen, wüsten Truppe versucht der stille, intelligente Bub unter dem Schutz der Oma den Ball flach zu halten, kann aber seine zunehmende Distanz nicht verbergen. Die subjektive Nachsicht von „petit“ Strobbe, der draußen wegen seiner asozialen Familie gemieden wird, drinnen wegen seiner Fluchtgedanken Aggressionen hervorruft, machen die Anekdoten so komisch wie die Geschichten des niederländischen „Flodders“-Clans – und zugleich so herzzerreißend wie das irische Drama „Die Asche meiner Mutter“
Als er seine gescheite Cousine, Tochter der Strobbe-Schwester, die vor ihrem Prügelgatten ins vermeintlich schützende Nest zurück flieht, kennenlernt, entdeckt er in ihr eine verwandte arme Seele. Schlüsselmoment des auf mehreren Zeitebenen spielenden Films ist das Auftauchen ihres bis dato unbekannten Vaters, der dem braven Mädchen in der Kneipe stolz das Funktionieren seines künstlichen Darmausgangs vorführt. Es sind solche Fremdschäm-Erlebnisse, die Gunther, viele Jahre später, quälen. Da ist er bereits selbst ungewollt Vater geworden und droht wie seine Onkel in Saufexzessen abzustürzen.
Dieses Belgien der Plumpsklos, Krakeeler und Rohe-Wurst-Fresser „repräsentiert nur einen winzigen Teil der Bevölkerung“, beeilte sich der belgische Außenminister angesichts des Erfolgsfilms zu erklären. Schon ästhetisch sind die Strobbes, die zu Beginn der hässlichen Achtziger im fiktiven Provinzkaff Reetvergedeem (auf Deutsch etwa „Arschverdammichhausen) hausen, eine Herausforderung für die flämische Tourismusbehörde. Von „Vokuhila“ (vorne kurz, hinten lang) über Schnauzbärte bis zu wild wuchernden Langhaarmatten sind allein die Frisuren waffenscheinpflichtig. Die liebevoll gezeichneten Charaktere jedoch heben den Film über bloßen Unterschichten-Klamauk hinaus.
Anders als in voyeuristischen TV-Sendungen scheinen hinter dem ansteckenden Kreislauf von Dauer-Karneval und aggressiver Katerstimmung, hinter der anarchischen Kindlichkeit dieser von der Mutter aufrecht erhaltenen Männerwirtschaft, klebrige Familienstrukturen durch, die einem oft genug das Lachen im Hals stecken lassen. Der Clou ist aber, dass der angehende Schriftsteller Gunther im Nachhinein den Stallgeruch und die amoralische Lebenslust seiner Schmuddel-Verwandtschaft wehmütig vermisst. So viel Halligalli und Herzschmerz war selten im Film vereint. (AP)
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