Hamburg – So grau, nass und kalt beginnt die letzte Woche des Hamburger Bürgerschaftswahlkampfes, dass sich die Plakate mit den Gesichtern der Spitzenkandidaten schon von selbst von den Werbetafeln lösen. CDU-Bürgermeister Ole von Beust blickt in schwarz-weiß auf seine frierend vorbeihastenden Bürger und verspricht, sie seien „in guten Händen“. Sein Herausforderer Michael Naumann posiert mit einem roten Kaffeebecher und ruft den Bürgern zu, sein Hamburg wachse „für alle“.
Doch die wirkliche Stimmung bei den beiden Großen ist so düster wie die Tage derzeit. Die CDU steht vor dem Verlust der absoluten Mehrheit, der SPD-Spitzenkandidat vermasselte am Sonntag das TV-Duell mit von Beust. Und nach der Wahl wird es nach den letzten Umfragen nicht besser werden, es drohen hessische Verhältnisse: Nach einer Umfrage von Infratest dimap kommt die CDU auf 39 Prozent und die SPD auf 35 Prozent. Die Grünen und die Linke liegen jeweils bei neun Prozent. Für die FDP würden momentan fünf Prozent der Befragten votieren. Gelänge der FDP der Sprung in die Bürgerschaft, verfügten rechnerisch neben einer Großen Koalition nur Dreierbündnisse über die notwendige Mandatsmehrheit.
Die unklare Lage ist keine Überraschung: Im Wahlkampf gab es keine Aufregung, keine Lagerbildung. Die SPD versuchte mit sozialen Themen zu punkten. Naumann versprach kostenlose Kindergartenplätze, mehr Lehrer, warme Schulmittagessen.
Eine Wechselstimmung konnte er damit nicht auslösen, denn Hamburg steht zur Zeit so gut da wie lange nicht: Der Hafen boomt seit Jahren, die Arbeitslosigkeit sinkt, die Stadt zieht neue Bürger an. Der CDU-Bürgermeister stellt das als sein Verdienst dar.
Die drei kleinen Parteien haben sich in ihren Nischen stark gemacht: Die Linke greift die Verlierer des Booms ab, Langzeitarbeitslose und Bürger mit Mini-Einkommen. Aber auch die in Hamburg immer schon große Gruppe der Protestwähler findet dieses Mal offenbar Heimat bei der Linkspartei. Die Grünen liegen in Umfragen unter ihren Möglichkeiten: Ihnen schadet das Gerede über eine mögliche schwarz-grüne Koalition, das vielen Stammwählern nicht schmeckt. Die FDP setzt voll auf ein Thema: Kampf gegen das Rauchverbot. Möglicherweise reicht das für den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde.
Erst in den letzten Tagen kam ein wenig Schwung in den Wahlkampf: Ein undurchsichtiges geplantes Immobiliengeschäft der Finanzbehörde wurde zu Wahlkampfmunition der SPD: Der ohne Ausschreibung gefundene Käufer war als Großspender an die CDU enttarnt worden. Von Beust musste den Deal stoppen lassen. Die CDU rächte sich und machte sich über Naumann lustig, als dieser bei einem TV-Auftritt einen fürchterlichen Aussetzer hatte. Ein Hamburger Bürgermeister müsse 60 Sekunden lang frei reden können, stichelte die Union. (AP)
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