Aktuelle Nachrichten – Welt
24.01.2009
Es war am 17. Januar, dem letzten Tag des Gaza-Krieges, einem Samstag und somit jüdischer Schabatt. In einer symbolischen Kette säumten Araber und Juden eine verkehrsreiche Straße in Kfar Kara. Sie trugen weiße Schals und hielten Olivenzweige in den Händen. Hand in Hand standen sie, schweigend und ernst. Ein äußerst ungewöhnlicher Anblick in Israel. Autofahrer im vorbei fließenden Verkehr zeigten ihre Unterstützung für die Demonstration.
Hinter der Initiative stand Amana Kna'an, eine arabische Einwohnerin von Kfar Kara, Mutter von drei Kindern und Vorsitzende einer Vereinigung für den Fortschritt der Frauen.
Kna'an ist die Gründerin von „Grüner Teppich", einer Bürgerbewegung, die ein soziales Gerüst schaffen möchte, sodass Juden und Araber Seite an Seite leben können. Nahziel ist die Entwicklung des Tourismus im Wadi Ara. Das ist eine enge Schlucht im Norden Israels, in einer Gegend, die sich dadurch auszeichnet, dass dort Juden Araber in vielen Ortschaften zusammen leben.
„Ich lebe hier im Wadi Ara in guter Freundschaft mit Juden und Arabern, sodass ich mich dazu entschlossen habe, mein Haus für Juden und Araber zu öffnen. Ich habe alle eingeladen, damit wir miteinander einen Dialog zu beginnen können", sagt Kna'an. Sie hatte sich zum Ziel gesetzt, einen Raum zu schaffen, in dem beide Seiten über ihre Bestürzung, ihre Ängste und ihre Enttäuschung sprechen können, die durch diesen Krieg hoch gekommen sind.
Kna'an hat sich gegen die Bombardierung von Sderot im Süden Israels ausgesprochen. Noch bevor dieser Krieg ausbrach, hat sie sich mit anderen Frauen auf den Weg nach Sderot gemacht, um zu zeigen, dass sie sich mit den Einwohnern von Sderot solidarisieren. Sie stellt bedauernd fest, dass die Medien über so etwas einfach nicht berichten.
Gerade zwei Tage vorher war Eva Brenner, eine Künstlerin aus Österreich, nach Kfar Kara gekommen. Als Freunde ihr von der Aktion erzählt hatten, entschied sie sich sofort, daran teilzunehmen. „In Österreich und überhaupt in Europa gibt es nie Berichte über solche Ereignisse, in denen Juden und Araber friedlich neben einander leben," sagt Brenner, „ sie berichten nur von Mord und Zerstörung in Palästina. Ich bin davon überzeugt, dass es hier friedlich werden kann, aber so etwas zeigen sie nicht", sagt Brenner.
Neomi Geffen kommt aus Nahariya, einer größeren Stadt im Norden Israels. Eigentlich ist sie keine politische Aktivistin und nimmt auch nie an Demonstrationen teil. Warum tut sie es diesmal? „Ich bin auf beide Seiten so wütend. Sie stoppen das Blutvergießen nicht und machen sich keine Gedanken darüber, wie man endlich Frieden schaffen kann", sagt sie. Für Geffen ist es klar, dass den Menschen im Gaza-Streifen geholfen werden muss. „Ich finde es eine furchtbare Sache, auf unschuldige Zivilisten Bomben zu werfen, sich anschließend für den Fehler zu entschuldigen und ihnen dann zu Hilfe zu kommen. Araber und Juden haben viel gemeinsam. Aber sie betonen lieber die Unterschiede und beschuldigen sich gegenseitig, mit der Sache angefangen zu haben."
Trotz Unterschieden zusammen leben
Taki Jacob, ein Araber aus Kfar Kara und Offer Haramati, ein Jude aus der israelischen Stadt Katzir, haben unterschiedliche Ansichten darüber, ob man diese Operation hätte beginnen sollen, aber das hindert sie nicht daran, sich an den Händen zu fassen und weiterhin zu den Treffen zu gehen. Die Kinder der beiden gehen in die Jüdisch-Arabische Schule, sie trägt den bedeutungsvollen Namen: „Brücke über die Schlucht". Für Jacob ist der Krieg keine Lösung und das zeige auch die Geschichte, sagt er. Er hält den inzwischen beendeten Krieg für nicht gerechtfertigt. Hamas sollte dafür zur Verantwortung gezogen werden, dass sie acht Jahre lang auf israelische Zivilisten geschossen haben. In seinen Augen ist die gegenwärtige Situation ein Ergebnis des Machtvakuums, das in der israelischen und arabischen Regierung entstanden ist.
Offer Haramati ist davon überzeugt, dass man Schritte hätte unternehmen müssen, um das Töten in Israels Süden zu stoppen. Zugleich gesteht er ein, dass es für ihn nicht leicht ist, die Szenen des Mordens in Gaza mit anzusehen. Haramati: „Wir wissen ganz gut, wie wir zusammen sterben, jetzt sollten wir lernen, mit einander zu leben." Die Menschen in der Gegend seien vernünftig und werden weiterhin gut mit einander umgehen. Er gibt die Hoffnung nicht auf, dass die richtigen Führer auftauchen und die Kinder der beiden Nationen in eine friedliche Zukunft führen werden.
Bei der Aktion waren auch die beiden Direktoren der Jüdisch-Arabischen Schule anwesend; Husai Abu-Bakar und Tal Kaufman. Abu-Bakar erklärt die Ziele der Schule, nämlich eine neue Gemeinschaft zu schaffen durch ein Leben in Koexistenz und Frieden. „Jetzt ist es Zeit für Gespräche am Runden Tisch und einen offenen Dialog zwischen Arabern und Juden", sagt er. Kaufman sieht, welch harte Zeit die Kinder in der Schule durchmachen. „Einerseits sind sie mit ihren Schulkameraden zusammen, und andererseits sehen sie die harte Realität zu Hause und die schlimmen Bilder im Fernsehen. Wir haben uns sehr bemüht, den Kindern und ihren Eltern die Mission der Schule verstärkt ins Bewusstsein zu bringen, ganz besonders haben wir versucht, jede Art von Gewalt zu verurteilen."
In der Schule gab es spezielle Veranstaltungen, die Kindern und Eltern ermöglichte, frei über ihre Gefühle in Bezug auf den Krieg zu sprechen. Und das taten sie auch. Sie sprachen frei über ihren Zorn und ihre Frustration. Jeder fühlte sich danach gestärkt. Manche Eltern gaben zu, dass sie sich sogar in der eigenen Familie und im Freundeskreis nicht so frei fühlten wie bei dieser Aussprache in der Schule. Am Ende stand eine Schweigeminute, um der Trauer beider Seiten zu gedenken.
Annäherung anstatt Unterschiede
Jüdisch-Arabisches Zentrum in Jaffa. Hier trafen sich, noch bevor die Gewehre schwiegen, Wissenschaftler, Politiker und andere Aktivisten zu Gesprächen über die arabisch-jüdischen Beziehungen angesichts des Krieges im Süden. Auch jüdische und arabische Abgeordnete nahmen teil, aber das Ganze hatte ganz und gar nicht die Atmosphäre eines Wahlkampfes. Die Situation war zu schmerzhaft. Die Atmosphäre war auch nicht friedlich, man fühlte die Meinungsverschiedenheiten. Aber schon der Wille zu sprechen zeigte einen Aspekt der Toleranz. Er ging nicht verloren, trotz aller unterschiedlicher Auffassungen, die während der Gespräche artikuliert wurden.
Der Abgeordnete Rabbi Michael Malkior, Vorsitzender der Erziehungs-Kommission in der Knesset, machte klar, dass in diesem Land Diskriminierung gegenüber Arabern existiert, er sagte: „Ein Land, das sechsmal mehr Gelder für jüdische Kinder als für arabische Kinder ausgibt, ist nicht demokratisch und kann auch nicht ‚Jüdischer Staat' genannt werden."
A'ida Toma Saliman, Vorsitzende der Vereinigung „Frauen gegen Gewalt" und Kandidatin der linken Hadash-Partei, stellte fest, dass Juden und Araber in Israel nicht zu einer gemeinsamen Geschichte kommen können, weil sie nicht die gleichen Erfahrungen haben: „Sie haben ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht, von den Ereignissen von 1948 bis zum heutigen Tag", sagte Saliman.
Es besteht da eine Vermutung, dass die Araber die Bomben auf Sderot nicht verurteilt haben. Eine Bemerkung aus dem Publikum: „Wenige Monate davor haben arabische Knesset-Abgeordnete Sderot besucht und wurden überhaupt nicht willkommen geheißen. Die Polizei musste ihnen helfen, den Ort zu verlassen. Die Medien haben nicht über diesen Zwischenfall berichtet."
Beim letzten Durchgang des Podiumsgesprächs gab es harte Fragen. Ist die Geschichte der Juden und der Araber so unterschiedlich, dass ein Konflikt unvermeidlich ist? Ist es unabdingbar, dass sich in jedem Krieg zwischen Israel und seinen Nachbarn die meisten arabischen Mitbürger mit der palästinensischen Seite identifizieren? Warum ist es so einfach zu verstehen, dass sich die Juden überall auf der Welt mit Israel identifizieren und warum ist es so schwer die gleiche Haltung bei der arabischen Bevölkerung zu verstehen? Was kann man tun, um Juden und Araber dazu zu bringen, die Geschichte der beiden Völker anzuhören? In diesen schweren Tagen gibt es auf diese Fragen mannigfache Antworten, aber kein gemeinsames Verständnis.
Mary Tutri, Dozentin am Oranim College für Lehrerfortbildung, gab offen zu, dass sie ein Problem mit ihrem Unterricht über Demokratie hat. „Wenn ich über das Recht der freien Meinungsäußerung und das Demonstrationsrecht spreche, habe ich ein Problem, wenn ich sagen soll, dass diese Rechte in Israel für alle Bürger gelten." Tutri hat sich entschieden, ihren Studierenden zu sagen, dass die jüdische und die arabische Gemeinde unterschiedliche Welten erleben, da sie unterschiedlichen Medien ausgesetzt sind [Anm.d.Red.: Juden sehen gewöhnlich israelisches TV, Araber sehen meistens arabisches TV].
Avtisam Maraana, eine Filmregisseurin, stand auf der Liste der Merez-Partei (linke soziale demokratische Partei), aber als der Krieg anfing, trat sie zurück. Nach ihrer Meinung hätte es auch die jüdischen Israelis berührt, wenn die israelischen Medien jeden Tag zumindest wenige Minuten lang Bilder aus Gaza gezeigt hätten.
Originalartikel (Englisch): http://en.epochtimes.com/n2/content/view/10699/
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