Foto: dapd/Klaus-Dietmar Gabbert
Bansin – Zeit seines Lebens hatte Hans Werner Richter (1908-1993) stets behauptet, kein Tagebuch zu führen. In einem Essay "Warum ich kein Tagebuch schreibe" hatte der Gründervater der berühmten Autorenvereinigung Gruppe 47 im Jahre 1965 versichert: "Nein, ich schreibe kein Tagebuch ... Man kann Vergangenes nicht zurückholen." Fast 20 Jahre nach seinem Tod sind nun doch persönliche Aufzeichnungen des auf Usedom geborenen Schriftstellers aufgetaucht.
Die kürzlich im Greifswalder Koeppenhaus vorgestellten Aufzeichnungen enthalten "überraschende Einblick in die Auflösungsphase der einst einflussreichen, aber auch umstrittenen Gruppe von Nachkriegsautoren", schätzt Hans Dieter Zimmermann, Vorsitzender der Hans Werner Richter Stiftung in Bansin, ein.
Die beiden Kladden aus den Jahren 1966 bis 1972 sind ein Zufallsfund. Richter hatte sie Ende der 70er Jahre seinem Freund, dem Publizisten Arnulf Baring, anvertraut, der die später in Vergessenheit geratenen Hefte jahrelang in seiner Kellerbibliothek aufbewahrt und vor einem Jahr dem Historiker und Richter-Biografen Dominik Geppert übergeben hatte. Als Inhaberin über die Rechte der Richter-Werke ließ die Stiftung die Aufzeichnungen jetzt im Münchener Beck-Verlag veröffentlichen.
Scharfe Angriffe des linksliberalen Lagers gegen die Gruppe 47, etwa 1966 in der Studentenzeitschrift "konkret" und sich häufende Aufforderungen die Autorenvereinigung aufzulösen hatten Richter, der sich stets als Linker gesehen habe, tief verletzt. In seinen Aufzeichnung habe er sich mit Meinungen und Haltungen seiner Zeitgenossen und Kollegen auseinandergesetzt, meist recht "scharf, gelegentlich ziemlich ungeniert und manchmal auch etwas überheblich," sagt Zimmermann. Insofern enthielten die etwa 460 handschriftlich eng geschriebenen Seiten sehr aufschlussreiche Details über die Leistungen der Gruppe 47 und der alten, teilweise noch lebenden Literatur-Matadoren.
Dabei sparte Richter nicht mit harscher Kritik. Den späteren Literaturnobelpreisträger Günter Grass zum Beispiel, der 1958 durch seine Lesung seiner "Blechtrommel" in der Gruppe berühmt wurde und eigentlich zu Richters engeren Weggefährten zählte, beschreibt Richter als eitlen Charakter, der "sich selbst als den berühmten Mann gibt", der "sich zu seinem Nachteil verändert", es aber nicht merke.
Als "seltsam reaktionär und veraltet" und "internationalen Abenteurer mit dem Charme des literarischen Playboys" beschreibt er Hans Magnus Enzensberger. Und über Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki urteilte er gar, er sei "ein großer Schwätzer", "ein letzter Literat, der vom Klatsch lebt." Martin Walser und Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll bescheinigt er "ein fast rudimentäres politisches Denken". Dagegen lobt er bei dem in Greifswald geborenen Wolfgang Koeppen dessen "Zurückhaltung und Bescheidenheit" sowie seine "großartige Beobachtungsgabe." Es kam ihm so vor, als sei Koeppen die größere Begabung, notierte Richter am 20. Januar 1970.
Zugleich bewerten die Aufzeichnungen einen wichtigen Abschnitt der deutschen Geschichte, in den unter anderem die Studentenunruhen, die erste Große Koalition und die neue Ostpolitik unter Bundeskanzler Willy Brandt fallen. Ausführlich berichte Richter auch über seine zweite wichtige Tätigkeit für den öffentlichen Rundfunk, sagt Zimmermann. In zahlreichen Hörfunk- und Fernsehsendungen habe er seinerzeit gewissermaßen als Deutschlands erster Talkmaster mit Literaten, Politikern und Wissenschaftlern debattiert. "Im Unterschied zu heutigen Talkrunden seien von ihm aber niemals Filmstars, Köche oder Schlagersternchen eingeladen worden."
dapd
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