TOP-STORY – Hat Haiti eine Zukunft ? – César Chelala / Gastautor
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Wiederaufbau nach dem Erdbeben Hat Haiti eine Zukunft ?

César Chelala / Gastautor

17.02.2010

Foto: Thony Belizaire/AFP/Getty Images

Foto: Thony Belizaire/AFP/Getty Images

Ja, meint Politik- und Menschenrechtsexperte Cesar Chelala – doch nur unter gewissen Voraussetzungen.

"Hast du das gesehen?" fragte mich meine Kollegin 2005 in einem Krankenhaus in Port-au-Prince, Haitis Hauptstadt. Leider hatte ich es gesehen. Sie sprach von einem toten Kind, das mit einem Blatt bedeckt war. Fliegen schwirrten um den Körper, der anscheinend in einem Krankenhausflur liegen gelassen wurde. Noch Tage danach hatte ich davon immer wieder Alpträume. Es war aber auch ein deutliches Zeichen für den schon hoffnungslosen Zustand von Haitis Krankenhäusern.

Ich reiste zweimal nach Haiti, zuerst 1993 als Chef einer UN-Mission, um die Auswirkungen des UN-Embargos auf die Bevölkerung zu untersuchen, und dann wieder 2005, um die Leistungen der panamerikanischen Gesundheitsorganisation in diesem Gebiet zu bewerten.

Nach meinem ersten Besuch kamen wir zu folgendem Schluss: Obwohl das Embargo die Lebensqualität der Bevölkerung verschlechterte, schadeten die ineffektiven und korrupten Regierungen, die die Entwicklung dieser notleidenden Insel ruiniert hatten, sowie der negative Einfluss der Kolonialmächte den Haitianern am meisten schadeten.

Es wäre jedoch ungerecht, zu dem Schluss zu kommen, dass an Haiti alles schlecht ist. Bei meinen beiden Besuchen war ich vom Unternehmergeist der Haitianer, der sogar unter den Armen vorhanden ist, und von ihrem starken Wunsch nach Weiterentwicklung und besserer Ausbildung beeindruckt. Ich erinnere mich noch, wie ich aus meinem privilegierten Montana-Hotel, das jetzt vollständig zerstört ist, hinausging, und saubere, tadellos gekleidete Kinder zur Schule gehen sah. Und ich fragte mich, woher sie das Wasser zur Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse bekommen konnten.

Obwohl das Land einen der schlechtesten Indikatoren für den Gesundheitszustand auf dem Kontinent und eine hohe Anzahl von HIV/AIDS-Erkrankungen aufweist, hatte es gleichzeitig eines der wirksamsten Programme zur Bekämpfung dieser Infektion (bis zum Zeitpunkt der jüngsten Katastrophe).

Ich sah, was Jahrhunderte lange unkontrollierte Abholzung der Umwelt des Landes angetan hatten und wie sehr sich dadurch die negativen Auswirkungen von Naturkatastrophen wie Erdbeben, die das Land vor kurzem erlebt hat, verstärken. Als ob das haitianische Volk nicht schon genug gelitten hätte.

Wie viele andere frage auch ich mich, ob es für dieses Land eine Zukunft gibt und wie sie aussehen wird, vor allem, nachdem die erste Wiederaufbauphase abgeschlossen sein wird.

Ich glaube, dass Haitis Bodenschätze und Arbeitskräfte die Grundlage für eine neue starke Gesellschaft bilden sollten. Eine, die das viele Unrecht, das dem Land bisher angetan wurde, richtigstellt. Es gibt Vorschläge, dass das Land eine größere Rolle als Produktions-Außenposten für Industrienationen, vor allem die Vereinigten Staaten, spielen sollte.

Obwohl diese Sichtweise nicht falsch ist, berücksichtigt sie allerdings nicht die enorme Intelligenz und den Einfallsreichtum der Haitianer. Obwohl der Wiederaufbau einer Produktionsgrundlage wichtig ist, ist sie nur ein Teil dessen, was Haiti braucht. Notwendig sind jetzt die Basis für eine dauerhafte Zukunft durch landwirtschaftliche Neustrukturierung, Ausbildung, eine solide Infrastruktur sowie die weitere Entwicklung des Tourismus durch die Förderung von einfallsreichen Anstrengungen und, ja, auch von Produktion.

Haiti war lange Zeit eine Nation von Bauern, obwohl das Land eine der schlimmsten Abholzungen aller Länder Amerikas erlebt hatte. Aus diesem Grund ist die Wiederaufforstung - wie sie schon durchgeführt wurde, allerdings nur begrenzt - und die Entwicklung einer starken landwirtschaftlichen Grundlage so schwierig. Um diese Ziele zu erfüllen, muss Haiti beim Wiederaufbau der Landwirtschaft mit nachhaltigen und ökologischen Methoden mit anderen Regierungen zusammen arbeiten. Aber es ist auch auf gerechten Handel von Seiten der Industrienationen, vor allem der Vereinigten Staaten, angewiesen.

Es kann keine Wiedergeburt des Landes geben, ohne ernsthafte und außerordentliche Anstrengungen zur Verbesserung der Bildung zu unternehmen. Ein staatlicher Bildungsplan kann mit Hilfe von Lehrern und Verwaltungsfachleuten aus anderen Ländern, die gerne mitwirken möchten, erstellt werden. Die Fortschritte, die Haiti im Kampf gegen HIV/AIDS machte, zeigen, dass das Land bei entsprechender Unterstützung seine Bedürfnisse angemessen befriedigen kann. Haiti gilt auch als Quelle von Einfallsreichtum, wenn es um seinen Tourismus geht.

Neben dem offensichtlich nötigen Wiederaufbau der Häuser müssen auch Straßen gebaut werden, um den Transport von Menschen und Waren durch das Land zu erleichtern. Es könnte auf vielfältige Weise nützlich sein, eine große Anzahl von Arbeitern einzustellen, die die Wirtschaft vor Ort ankurbeln.

Mit den Jahren sind hochqualifizierte Arbeitskräfte aus dem Land abgewandert. Die Zusammenarbeit mit der haitianischen Diaspora ist für den Wiederaufbau des Landes entscheidend. Es ist ein Prozess, der durch die Finanzierung von Zeitverträgen mit haitianischen Fachleuten und Technikern, die im Ausland leben, gefördert werden kann. Die Qualität der Zusammenarbeit zwischen staatlichen Behörden und internationalen Hilfsorganisationen wird die Zukunft dieses leidenden, edlen Landes bestimmen.

César Chelala, ein international anerkannter Gesundheitsexperte, gewann als Co-Autor den Overseas Press Club of America Award für einen Artikel über Menschenrechte.


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