Panorama - Aktuelle Nachrichten – Herrscher im eigenen Reich – Kristen Gelineau
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Aktuelle Nachrichten – Panorama

Kaiserreich Atlantium Herrscher im eigenen Reich

Kristen Gelineau

13.05.2010

Seine Majestät hisst die Flagge Atlantiums, deren Farben Orange, Blau und Gelb die Morgenröte symbolisieren. „Sehet die Zukunft!“, ruft er aus und deutet auf das Tal, das sein 760.000 Quadratmeter großes Imperium darstellt. Foto: Rob Griffith, File/AP Photo
Seine Majestät hisst die Flagge Atlantiums, deren Farben Orange, Blau und Gelb die Morgenröte symbolisieren. „Sehet die Zukunft!“, ruft er aus und deutet auf das Tal, das sein 760.000 Quadratmeter großes Imperium darstellt.

Foto: Rob Griffith, File/AP Photo

Reids Flat/Australien (apn) Der Botanische Garten des Kaiserreichs Atlantium besteht aus einem Busch. Der Regierungssitz ist 30 Quadratmeter groß und mit einem Stockbett und einem Radio ausgestattet. „Bescheiden“, sagt seine Kaiserliche Majestät George II., „passend zum Kaiser.“

Seine Majestät hisst die Flagge Atlantiums, deren Farben Orange, Blau und Gelb die Morgenröte symbolisieren. „Sehet die Zukunft!“, ruft er aus und deutet auf das Tal, das sein 760.000 Quadratmeter großes Imperium darstellt. Gleich hinter dem Hügel mit dem abgestorbenen Baum liegt die Grenze zu Australien.

Er grinst, aber er meint es ernst. So wie die meisten der wenige hundert Weltenbürger, die ihre eigenen Fantasiestaaten ausgerufen haben. Manche besitzen eine eigene Währung, eine Verfassung, Stempel und Visa. Manche existieren nur in der Gedankenwelt ihres Gründers, andere ganz real – in einer Londoner Wohnung etwa, auf einer Farm im Busch oder auf einer rostigen alten Seefestung in der Nordsee. Entstanden sind sie aus Frust über das Establishment, aus einem politischen Anliegen heraus oder auch nur zum Spaß.

Kongress der Mikronationen

Moderne Technik hat sie aus ihrer Vereinzelung herauskatapultiert; durch das Internet wuchsen manche zu virtuellen Gemeinschaften mit tausenden Mitgliedern weltweit heran. Vergangenen Monat richtete eine Universität in Sydney einen Kongress der sogenannten Mikronationen aus, das erste derartige Treffen in Australien, wo derart skurrile Gebilde besonders gut zu gedeihen scheinen. Die Reiseführerreihe Lonely Planet hat sogar ein Buch zu den winzigen Staaten Marke Eigenbau herausgegeben.

Die selbst ernannten Herrscher passen in keine Schublade, und das ist ja auch der Zweck der Übung. Manche wollen sich selbst verwirklichen, andere sich gegen ein vermeintliches Unrecht wehren. Im Kern, glaubt die Soziologin Judy Lattas, gehe es um modernen Individualismus. „Es ist immer möglich, etwas anders zu machen und es selbst zu machen. Ich glaube, das ist das Schöne und das Wunderbare daran. Es tut gut, sich zu trauen, es selbst zu machen.“

Unabhängigkeitserklärung nach Behördenärger

„Sitzt meine Krone gerade?“ Fürstin Susan vom Fürstentum Wy rückt die juwelenbesetzte goldene Krone auf dem Haupt ihres Gatten, Fürst Paul, zurecht. In der anderen Hand hält sie das Zepter von Wy, einen Bambusstab, um den sich eine grüne Gummischlange windet und auf dem ein ausgestopfter Adler thront.

Die Fürstin vermag sich ein Lächeln kaum zu verkneifen. Im Gemeindesaal auf dem Inselchen Dangar bei Sydney wird allenthalben gekichert. Flaggen, Münzen und Schriften aus „Staaten“ wie Snake Hill und Hutt River zieren den Saal. Wenn Fürst Paul (alias Paul Delprat, 68 Jahre alt, Rektor einer Kunstschule) die Geschichte von Wy referiert, ist das kabarettreif. Auf die Frage, ob er Gemeindesteuern zahle, antwortet er königlich: „Wir geben jedes Jahr eine Schenkung.“

Humor war von Anfang an seine Waffe in der 17 Jahre währenden Schlacht gegen die Gemeinde um eine Zufahrt zu seinem Haus. Nach endlosen bürokratischen Streitereien erklärte er dem Gemeinderat von Mosman gegenüber die Unabhängigkeit, gründete das Fürstentum Wy und rief sich zum Herrscher aus. Das Volk von Wy besteht daneben noch aus seiner Frau, den Kindern und zwei Kaninchen.

Auf die Zufahrt wartet er noch heute. Doch Wy sei eine Erlösung gewesen, sagt er: Es ist eine Möglichkeit, sich auszudrücken, weniger zu ärgern und noch Spaß zu haben. „Mit Mut und Humor gleichermaßen ist der Weltenbürger gegen Widrigkeiten gefeit“, erklärt er. „“Gegen Humor kommt man nicht an.“ Wie die meisten echten Amtspersonen ficht die Bürgermeisterin von Mosman das Fürstentum nicht groß an. „Ich sehe das mit gewissem Amüsement“, sagt Anne Connon, „aber es ist nicht weiter von Bedeutung.“

Kriegserklärung blieb folgenlos

Delprats Fall ist typisch für viele Mikronationen. Am Anfang stehe oft das Gefühl erlittenen Unrechts, erklärt Lattas, die den Kongress mit organisiert hat. „Und dann verwandelt es sich in eine politische Bewegung.“ So wie bei Fürst Leonard, alias Leonard Casley. Sein Fürstentum Hutt River, die erste Mikronation Australiens, feierte am 21. April ihr 40-jähriges Bestehen.

In den 60-er Jahren lag der Farmer mit der Regierung seines Bundesstaates im Streit über seine Anbaumengen. Als seine Argumente ungehört verhallten, beschloss er, sich für unabhängig zu erklären und einen Staat mit einer Regierung zu gründen, die zuhören würde: seine Regierung. Sein 75 Quadratkilometer großes Reich in Westaustralien mit Nationalhymne, Pässen und einer Büste des Fürsten ist zu einem Touristenmagneten und wohl auch zum Vorbild für andere Fantasiestaaten geworden.

Von Australien wird er weitgehend ignoriert. Das war selbst 1977 so, als er dem großen Nachbarn den Krieg erklärte. Da jegliche Reaktion ausblieb, befahl Fürst Leonard nach ein paar Tagen die Einstellung der Feindseligkeiten.

„Ich verkaufe Ideen“

Atlantium wiederum entstand als Spinnerei von Halbwüchsigen und versteht sich heute als Dachorganisation progressiver Freidenker in aller Welt. George Cruickshank zählt inzwischen 1.300 Bürger seines Reiches in 100 Ländern. Im bürgerlichen Leben ist der 43-Jährige als aufrechter australischer Staatsbürger – alle Atlantier besitzen die doppelte Staatsbürgerschaf – in der IT-Branche tätig. „Ich bin Verkäufer“, sagt er als George II. „Ich verkaufe Ideen.“ (AP)

 

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