Menschen & Meinungen – Hilfe für die letzten Überlebenden – Matthias Armborst
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Späte Folgen des Holocaust Hilfe für die letzten Überlebenden

Matthias Armborst

04.03.2009

Die Holocaust-Überlebende Bronia Shinderman in ihrem Haus in Shitomir bei Kiew, aufgenommen am 24. Februar 2009. Als "Fluchtfall" hat die 84-jährige Jüdin keinen Anspruch auf Entschädigungsleistungen. (AP Photo/Matthias Armborst)
Die Holocaust-Überlebende Bronia Shinderman in ihrem Haus in Shitomir bei Kiew, aufgenommen am 24. Februar 2009. Als "Fluchtfall" hat die 84-jährige Jüdin keinen Anspruch auf Entschädigungsleistungen. (AP Photo/Matthias Armborst)

Kiew/Frankfurt – Der Toten des Holocausts wird gedacht, doch viele Überlebende in Osteuropa fühlen sich vergessen. „Meinen die Deutschen, dass Menschen wie ich keine Hilfe verdienen?“, fragt der 74-jährige Kiewer Dimitri Bobekski. Wie Tausende andere NS-Opfer in der ehemaligen Sowjetunion lebt der frühere KZ-Häftling in ärmlichen Verhältnissen und hat keine Wiedergutmachung aus Deutschland erhalten. In Gesprächen mit der Bundesregierung will die Jewish Claims Conference jetzt noch einmal eine Ausweitung der deutschen Entschädigungszahlungen erreichen – am 19. März wird verhandelt.

Sommer 1941: Der jüdische Junge Mendel Bobekski ist fünf Jahre alt, als die Deutschen seine Familie erst in ein polnisches Ghetto und später in ein KZ sperren, wo sie Vater und Bruder ermorden. Dimitri – wie er sich nun zur Tarnung nennt – kann weglaufen, schlägt sich bis hinter die Front durch und überlebt. Jetzt, fast 68 Jahre später, wartet er weiter auf Anerkennung aus Deutschland: „16 Monate lang war ich Gefangener der Nazis. Weshalb reicht das nicht für eine Entschädigung?“, fragt er.

Könnte der Ukrainer mindestens 6 Monate KZ-Haft oder 18 Monate Ghetto-Gefangenschaft nachweisen, hätte er Anspruch auf die deutsche Rente von monatlich 178 Euro für jüdische Schwerstverfolgte, die jenseits der EU-Ostgrenze leben. Doch weil er beide Kriterien knapp verfehlt, bleiben dem alten Mann nur seine staatliche Rente von umgerechnet 92 Euro und die Unterstützung seiner Tochter, die wie so viele andere Ukrainer gerade arbeitslos geworden ist. Für Medikamente, Krankenhausaufenthalte oder gar Pflege kann Bobekski allein nicht aufkommen, eine Krankenversicherung gibt es nicht.

„Mindestmaß an Gerechtigkeit“

Es sind Fälle wie dieser, die Georg Heuberger ins Bewusstsein rufen will: Der deutsche Repräsentant der Entschädigungs-Organisation Jewish Claims Conference verlangt, dass die Bundesregierung ihre Zahlungen für jüdische NS-Opfer in Osteuropa noch einmal aufstockt – bevor bis etwa 2025 die letzten gestorben sein werden, die noch unmittelbar unter der deutschen Gewalt gelitten haben. Die Hochbetagten hätten keine Zeit mehr, länger auf ein „Mindestmaß an Gerechtigkeit“ zu warten, argumentiert er.

Rund 1,4 Millionen der 2,4 Millionen ukrainischen Juden wurden nach dem deutschen Einmarsch in der Sowjetunion 1941 getötet, verhungerten oder starben an Krankheiten. Weitere 550.000 bis 650.000 kamen nach Zahlen des amerikanischen Holocaust Memorial Museums in Weißrussland um, bis zu 140.000 in Russland.

Für die Überlebenden verlangt Heuberger die Einrichtung eines zweiten „Hardship Funds“, aus dem Einmal-Entschädigungen nun auch an jüdische NS-Opfer in Mittel- und Osteuropa fließen sollen. Denn Menschen wie Dimitri Bobekski konnten die rund 2.550 Euro bisher nur erhalten, wenn sie in den Westen emigrierten. „Eine Ungleichbehandlung aus der Zeit des Kalten Krieges, die nicht fortgeschrieben werden darf“, meint Heuberger.

65 Milliarden Euro hat Deutschland bisher insgesamt an Entschädigungszahlungen für NS-Verfolgte aufgebracht, eine weitere Milliarde wird in diesem Jahr laut Finanzministerium hinzukommen. Einen „Härte-Fonds“ für den Osten, wie ihn die Jewish Claims Conference fordert, wird es aber wohl nicht geben: „Die Bundesregierung beabsichtigt nicht, weitere Einzelentschädigungsregelungen für Osteuropa zu treffen“, teilte das Bundesfinanzministerium auf AP-Anfrage mit.

Darüber hinaus verlangt die Claims Conference, die laufenden Rentenzahlungen für ehemalige KZ- und Ghetto-Häftlinge in Staaten jenseits der EU-Ostgrenze anzugleichen. Denn im Gegensatz zu NS-Opfern in westlichen Ländern (291 Euro) und in den neuen östlichen EU-Staaten wie Polen (216 Euro) erhalten Ukrainer oder Russen derzeit 178 Euro. „Wir empfinden das als Diskriminierung“, sagt Boris Zabarko, Vorsitzender der Ukrainischen Vereinigung der Holocaust-Überlebenden. Die Claims Conference verweist auf die explodierenden Lebenshaltungskosten gerade in der Ukraine – eine Ungleichbehandlung sei nicht länger zu rechtfertigen.

„Ohne Hilfe würden die Leute einfach sterben“

Dimitri Bobekskis einzige Hilfe ist „Hesed“ (hebräisch für „Fürsorge“), ein jüdisches Wohlfahrtsnetzwerk, das auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion nach eigenen Angaben noch annähernd 100.000 jüdische NS-Opfer versorgt. Mehr als 12.000 sind es in der Region Kiew – ein altes Zentrum des Judentums, wo die Wehrmacht ab September 1941 Zehntausende Juden erschießen ließ. Am bekanntesten ist das Massaker von Babi Jar: In der Schlucht bei Kiew wurden an zwei Tagen im September 1941 rund 34.000 Menschen erschossen, schließlich wurde die Stadt für „judenfrei“ erklärt.

Heute sind die „Hesed“-Gemeindezentren die meist einzige Anlaufstelle für jüdische Bedürftige, deren Verwandte oft längst nach Israel oder Deutschland ausgewandert sind. „Doch unsere Gräber sind hier, und deshalb bleiben wir“, sagen die Frauen, die sich in der Tagesstätte treffen.

Die „Hesed“-Hilfe ist vielseitig: Haupt- und Ehrenamtliche kaufen ein, putzen, waschen und pflegen, in dringenden Fällen werden auch Behandlungskosten bezahlt. „Ohne unsere Hilfe würden die Leute einfach sterben“, sagt „Hesed“-Repräsentant Danny Gechtman. Doch die rasante Teuerung zwingt auch hier zu Einsparungen: Dimitri Bobekski beispielsweise bekommt seit kurzem keine Lebensmittelpakete mehr.

168 Millionen Dollar (133 Millionen Euro) überweist die Jewish Claims Conference in diesem Jahr in Sozialprojekte für NS-Opfer in 43 Ländern; 30 Millionen Euro für häusliche Pflege kommen vom Bundesfinanzministerium, doppelt so viel wie 2008.

Für bedürftige Ukrainer stehen laut Claims Conference insgesamt 15,7 Millionen Dollar (12,4 Millionen Euro) zur Verfügung: „Doch das reicht nicht“, sagt Claims-Repräsentant Heuberger. Angesichts der schnell versiegenden Einnahmequellen der Claims Conference werde das Finanzproblem sogar immer drängender.

„Ich danke Gott für die Hilfe“

Ohne fremde Hilfe wäre Bronia Shinderman vielleicht nicht mehr am Leben. Auch wenn sie sich selbst „Großmutter“ nennt, ist die 84-Jährige ganz auf sich allein gestellt. Selbst in der Stube ihres kleinen Häuschens in Shitomir westlich von Kiew sitzt die 84-Jährige mit Stiefeln, Mantel und dicker Jacke – ihr Gasofen springt nur zweimal am Tag an. Als „Fluchtfall“ – sie lief 1941 vor der heranrückenden Wehrmacht bis nach Russland – hat auch sie keinen Anspruch auf Entschädigung und lebt von monatlich 70 Euro Rente. Doch „Hesed“ repariert ihr Dach, zahlt für ihr Gas, bringt warme Kleidung und schickt eine Pflegerin, so dass die alte Frau ihren Lebensmut bewahrt hat: „Ich danke Gott für die Hilfe“, sagt sie. (AP)


 

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