Leverkusen - Nach überstandener Schlacht um Schering blickt Bayer-Chef Werner Wenning wieder optimistischer in die Zukunft. «Wir haben heute einen bedeutenden Schritt getan, um ein deutsches Pharma-Unternehmen von Weltklasse auf den Weg zu bringen», sagte Wenning nach der überraschenden Einigung mit dem Konkurrenten Merck am Mittwoch. Denn durch die Übernahme von Schering kann Bayer endlich wieder in der ersten Liga der Pharmakonzerne Fuß fassen.
Zwar galt Deutschland einst als die «Apotheke der Welt». Doch in den vergangenen Jahren haben große internationale Pharmakonzerne wie Pfizer, GlaxoSmithKline, Sanofi-Aventis oder Novartis den deutschen Firmen den Rang abgelaufen. Die angelsächsischen Marktführer machen drei bis vier so viel Umsatz wie Bayer.
Der fast 17 Milliarden Euro teuere Kauf von Schering, die bisher größte Übernahme in der deutschen Pharmabranche, soll nun eine Wende bringen. Bayer baut damit seine Position im dem lukrativen Geschäftsbereich deutlich aus und sichert sich immerhin wieder einen Platz unter den zehn größten Pharmakonzernen der Welt.
Doch ist es ein Spiel mit hohem Einsatz: nicht nur wegen des Kaufpreises. Denn kaum irgendwo im Wirtschaftsleben liegen Erfolg und Desaster so nahe beieinander wie im Pharmageschäft. Erfolgreiche Medikamente wie das Grippemittel Tamiflu oder das Potenzmittel Viagra bescheren dem Hersteller Milliardengewinne. Doch ebenso schnell kann die Medikamentenentwicklung im Desaster enden.
Das hat Bayer erst vor fünf Jahren erfahren müssen. Als der Konzern 2001 den Cholesterinsenker Lipobay wegen möglicher tödlicher Nebenwirkungen vom Markt nehmen musste, bescherte das dem Konzern Milliardenverluste. Statt Gewinne zu scheffeln, musste das Unternehmen tief in die Tasche greifen. Nach Vergleichsverhandlungen zahlte Bayer bislang mehr als eine Milliarde Dollar an mehr als 3.000 Lipobay-Patienten oder deren Angehörige. Und tausende Klagen sind noch anhängig.
Dem Milliardendebakel folgte die größte Umstrukturierung der mehr als 140-jährigen Firmengeschichte. Der Konzern trennte sich von seinem traditionellen Chemiegeschäft und gab große Teile der Kunststoffsparte ab. Gleichzeit verordnete sich Bayer schmerzhafte Einschnitte im Pharmageschäft. Statt auf das hochriskante Pharmageschäft setzte der Konzern verstärkt auf das Geschäft mit verschreibungsfreien Arzneimitteln und sicherte sich hier durch milliardenschwere Zukäufe weltweit eine Spitzenposition.
Das Geschäft mit Kopfschmerztabletten wie Aspirin, Magentabletten wie Rennie, Fußpilzmedikamenten wie Canesten und Vitaminpräparaten gilt im Vergleich zum «echten» Pharmageschäft mit patentgeschützten und rezeptpflichtigen Arzneien als margenschwach, aber auch als vergleichsweise risikolos. Die neue Strategie bescherte Bayer satte Gewinnzuwächse.
Doch nun wagt Bayer wieder ein Spiel mit höherem Einsatz. Im lukrativen Geschäft mit Pharma-Spezialprodukten, die nur von Fachärzten verschreiben werden, wäre das neue Unternehmen «Bayer-Schering-Pharma» weltweit die Nummer sieben.
Große Hoffnungen setzt der Konzern dabei vor allem auf die Krebsbekämpfung. Erst kürzlich wurde das Bayer-Krebsmedikament Nexavar in den USA für die Bekämpfung von Nierenkrebs zugelassen. Derzeit läuft seine Erprobung im Kampf gegen Haut-, Leber- und Lungenkrebs. Beim einem erfolgreichen Abschluss der Tests erhofft sich Bayer von Nexavar Umsätze von mehr als einer Milliarde Euro jährlich.
Doch auch im Biotechnologie-Bereich würde das neue Unternehmen eine führende Position einnehmen: mit den Schering-Präparaten Betaferon gegen Multiple Sklerose und Leukine zur Unterstützung des Immunsystems im Rahmen der Krebstherapie sowie dem von Bayer gentechnisch hergestellten Bluter-Präparat Kogenate erwirtschaftet der Konzern bereits heute rund 2 Milliarden Euro. Starke Positionen hätte das neue Unternehmen auch in der Gynäkologie, der Hämatologie und bei den Kontrastmitteln.
(AP)