Kultur – Hokusai – Japans größter Künstler – Rosemarie Frühauf
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Ausstellung in Berlin Hokusai – Japans größter Künstler

Rosemarie Frühauf

21.09.2011

Diese Fische sind Teil eines Albums mit zehn Bildern, das Hokusai im Jahr der großen Hungersnot 1836 mehrfach abgepaust und koloriert haben soll. Er gab die Alben besonders günstig ab, um seinen Verlegern Umsatz zu ermöglichen. Foto: Katsushika Hokusai Museum of Art
Diese Fische sind Teil eines Albums mit zehn Bildern, das Hokusai im Jahr der großen Hungersnot 1836 mehrfach abgepaust und koloriert haben soll. Er gab die Alben besonders günstig ab, um seinen Verlegern Umsatz zu ermöglichen.

Foto: Katsushika Hokusai Museum of Art

Was ist das für ein Künstler, der mit 73 Jahren alles, was er vor dem 70. Lebensjahr veröffentlicht hatte, als „unbedeutend" einstufte? Noch ein Jahr vor seinem Tod, damals war er 88, erklärte er, dass er mit 90 seinen Stil nochmals ändern und mit 100 gar die  Malerei erneuern wolle.

Hokusai hatte Humor. Und keineswegs Mangel an Selbstvertrauen.

Seine Werke signierte er teilweise mit „der vom Malen besessene Hokusai", in späteren Jahren dann mit „der vom Malen besessene alte Mann". Katsushika Hokusai, wie er bürgerlich hieß, veröffentlichte zeit seines Lebens unter über dreißig verschiedenen Künstlernamen, denn er wechselte mit dem Malstil oft auch sein Pseudonym und vererbte es einem Schüler weiter.

Über 70 Jahre dauerte seine Schaffensperiode: Mit sechs Jahren konnte er zeichnen, mit zwölf arbeitete er in einer der vielen Leihbüchereien Edos und mit 18 beherrschte er den Farbholzschnitt meisterlich.

Edo, das einstige Tokyo

Hokusai verbrachte die meiste Zeit seines Lebens im heutigen Tokyoter Stadtteil Sumida.

„Edo" wie Tokyo damals hieß, war ein Paradies für Künstler. Um 1800 hatte die Stadt schon 1,2 Millionen Einwohner, die, kaufkräftig und gebildet, nach Unterhaltung auf hohem Niveau suchten in Form von Gedichten, Romanen und Bilderalben. Sogar die Hälfte der Frauen war alphabetisiert und es soll ca. 600 Bibliotheken gegeben haben.

Hokusai stellte in seinen Ukiyo-e, den „Bildern der vergänglichen Welt" die Geishas, Sumo-Ringer und Kabuki-Schauspieler dar, die das Vergnügungsviertel der Stadt bevölkerten.

Seine Farbholzschnitte und Buchillustrationen fanden reißenden Absatz. Der vielfarbige Holzschnitt war in Japan ab 1740 verwendet worden und erreichte am Ende des Jahrhunderts bereits eine erste Blüte, zu der Hokusai maßgeblich beitrug. Künstler, Drucker, Papierhersteller und Verleger hatten gemeinsam den Herstellungsprozess perfektioniert, sodass große,  kostengünstige Auflagen möglich wurden. Von einem Bildblock allein konnten mehrere hundert Abzüge hergestellt werden.

Hokusai fertigte alles - von aufwendigen Bildern für private Sammler bis zu Spielkarten und Karikaturen. Ja, es gab sogar Bastelbögen zum Ausschneiden von ihm: „Das große Badehaus von Edo" oder „Die Schlacht am Ishibashi-Berg". Eine Attraktion für historisch gebildete Kinder.

Ein Künstler - tausend Ausdrücke

Hokusai hatte die Gabe, die Geschehnisse auf den Punkt zu bringen, von der Natur und ihren Gewalten bis zu den Verschrobenheiten des menschlichen Alltags. Und es fasziniert, wie viele unterschiedliche Techniken er beherrschte. Egal, ob er einen Ärmel mit nur einem Pinselstrich erledigte oder ihn mit Außenkonturen versah, alles strahlt bei ihm Ruhe und Natürlichkeit aus. Er findet überraschende Bildlösungen - und jeder weiß, was gemeint ist. Dabei probierte er offensichtlich stets Neues aus. Kunstgeschichtlich interessant ist, wie er sich die Zentralperspektive der Europäer zu eigen machte, die von holländischen Händlern in Form von dreidimensionalen Guckkasten-Bildern importiert wurde.

Dutzende Exemplare des insgesamt 15-bändigen Handbuchs „Hokusai-Manga"  liegen in der Ausstellung in Vitrinen aus, aufgeschlagen an den interessantesten Stellen: Karikierende Darstellungen von dicken und dünnen Menschen, akribisch beschriftete Fischsorten, Haushaltsgerätschaften. Aber auch kämpfende Krieger und Studien zu Stimmungen und Gesichtsausdrücken. Die 4000 Zeichnungen dienten als Vorlage für andere Künstler oder Kunsthandwerker und wurden Hokusais einflussreichstes Vermächtnis, das bis heute immer wieder nachgedruckt wird. Einige kunsthandwerkliche Gegenstände wie Geschirr, das mit Motiven daraus verziert wurde, zeigt die kulturelle Nachwirkung dieses Malbuchs.

Humor und Beseeltheit

Mit virtuosem und sehr weichem Duktus malte Hokusai im Alter und gelangte zu einer Beseeltheit, die größer kaum hätte sein können.  Er erreichte einen Zustand, in dem sich das menschlich Triviale und das göttlich Erhabene nicht mehr als Gegenpole gegenüberstehen und ausschließen. Vielleicht war es das, was er damit meinte, wenn er hoffte, „mit Neunzig hinter die letzten Dinge zu kommen".

Einige Höhepunkte seines Spätwerkes versammeln sich im vorletzten Raum: Man trifft dort sowohl auf die übernatürlich leuchtende Erscheinung des „Dämonenbezwingers Shoki", vollständig in Hellrot gemalt, als auch auf einen flauschigen „Tiger, der den Mond betrachtet" und dabei  schicksalsergeben grinst. Ein Straßenkünstler versucht, eine Kerze mit seinem Pups zum Flackern zu bringen. Und ein Drache, der aus einer Galaxienwolke aufzutauchen scheint, trägt ungewöhnlich teilnahmsvolle Züge.

Vielleicht hat Hokusais Künstlerkollege Kesai Eisen vor lauter Verehrung idealisiert, als er ihn portraitierte: Sein Hokusai trägt ein Gewand voller kleiner Swastika-Zeichen und Gesichtszüge, die mit langgestreckter Nase, sehr großen Ohren und Augen und einem aristokratisch kleinen Mund mehr die Charakteristik eines Buddhas als eines Normalsterblichen aufweisen. Der Meister selbst zeichnete sich mit 83 Jahren jedoch so, wie man es von ihm erwartet hatte: Als lachendes, hutzeliges Männlein.

 

Die Hokusai-Retrospektive ist die erste ihrer Art in Deutschland und noch bis zum 24. Oktober 2011, täglich außer Dienstag, im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen. Es werden über 440 Leihgaben gezeigt, von denen einige Japan bisher noch nie verlassen hatten.

Veranstalter sind die Berliner Festspiele und der Martin-Gropius-Bau, gemeinsam mit der Japan Foundation, dem Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin, Sumida City und Nikkei Inc. Mit besonderer Unterstützung der Ishibashi Foundation, unter der Schirmherrschaft der Botschaft von Japan und im Rahmen der Veranstaltungsreihe „150 Jahre Freundschaft Deutschland und Japan“.

 

 

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