Aktuelle Nachrichten – Trends
29.05.2012
Foto: Nancy McDonnell/Epoch Times
Berlin – Bedrohlich hohe Häuser, alles grau in grau – Fritz Lang hat in seinem Filmklassiker "Metropolis" ein dunkles und apokalyptisches Bild von der Stadt der Zukunft gezeichnet. Doch auch wenn nach Prognosen der Vereinten Nationen im Jahr 2050 über sechs Milliarden Menschen in Städten leben werden, muss die Stadt von morgen kein "Moloch" sein, glaubt der in Peking lebende Stararchitekt Ole Scheeren. In Singapur beispielsweise hat Scheerer einen Hochhauskomplex entworfen, bei dem die Türme nicht einfach im Raster aufgestellt, sondern umgelegt und versetzt über einander gelegt wurden. Durch die so entstandenen Innenhöfe und die vielen begrünten Dächer gebe es dort nun mehr Grün- als ursprüngliche Baufläche.
Doch nicht nur Bäume und Wiesen kehren zurück in die Stadt, sondern auch Landwirtschaft. Das sei gar nicht so verrückt, wie es klingt, sagt der Geschäftsführer des Zukunftsinstitutes, Andreas Steinle. "Die New Yorker hielten im 19. Jahrhundert häufig Hühner auf ihren Dächern." Mit der Industrialisierung hätten die Menschen die Natur dann aus den Städten verdrängt. Jetzt kehre sie zurück. "In New York entwickeln sich gerade neue Formen des Urban Farming, der innerstädtischen Landwirtschaft", sagt Steinle. Zunehmend würden auch die Dächer genutzt, beispielsweise für die Imkerei oder die Hobby-Hühnerzucht.
Neben Hühnern und Bienen können Städter ihre Dächer dank dem sogenannten Aquaponic auch für eine kombinierte Fisch- und Gemüsezucht nutzen. Bei dem System werden die Nährstoffe aus der Fischfarm als Düngemittel für die Aufzucht der im Wasser stehenden Pflanzen genutzt. Diese Pflanzen filtern wiederum das Wasser, das dann zurück ins Fischbassin fließt. Das Aquaponic-System der Urban Farmers, einem Ableger der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft, verbraucht nach eigenen Angaben durch den Kreislauf 80 bis 90 Prozent weniger Wasser als der herkömmliche Anbau.
Die Vision von der Landwirtschaft in den Herzen der Städte hat auch Professor Dickson Despommier von der New Yorker Columbia University. Seine Idee: die vertikale Farm, bei der Gemüse quasi in Hochhäusern mitten in den Zentren der Metropolen wächst. Eine solche Farm steht beispielsweise im japanischen Kyoto, wo mehr als sechs Millionen Salatköpfe pro Jahr gezüchtet werden. Der von Despommier erdachte Ackerbau für die Stadt kann 365 Tage im Jahr überall auf der Welt betrieben werden. Er ist unabhängig von Wetter, Jahreszeiten und Standort. Zudem sei die Landwirtschaft unter dem Dach viel effizienter als die bisherigen Anbaumethoden. Ein überdachter Acre (angloamerikanische Einheit, etwa 4.000 Quadratmeter) entspreche je nach angebautem Lebensmittel vier bis sechs Open-Air-Acres. Bei Erdbeeren seien es beispielsweise 30 Acres.
Mit der vertikalen Farm könnte nach Ansicht von Despommier der Hunger der ständig wachsenden Zahl an Stadtbewohnern gestillt werden. Um genügend Lebensmittel für die 6,3 Milliarden Stadtbewohner im Jahr 2050 zu produzieren, wäre bei herkömmlichem Anbau laut Despommier eine Fläche von einer Milliarde Hektar nötig. Zum Vergleich: Brasilien hat eine Fläche von rund 850 Millionen Hektar.
Diese Beispiele zeigen, dass die Stadt der Zukunft nicht zugebaut und verstopft sein müsse. Vielmehr müssten vorhandene Flächen sinnvoll genutzt werden, meint Steinle. Das gelte nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für Wohnraum. In Frankfurt gebe es mit dem "Minimum Impact House" bereits eine Immobilie, die eine Häuserspalte ausnutze und auf einer Fläche von 29 Quadratmetern 154 Quadratmeter Nutzfläche schaffe. "Es geht darum, Lücken zu finden", sagt der Zukunftsforscher. Zudem müssten sich die Menschen in den Metropolen mit starkem Zuzug künftig mit kleineren Wohnungen zufriedengeben.
Das Fortbewegungsmittel von morgen seien unsere Füße, mit denen wir von A nach B gehen oder in die Fahrradpedale treten. Zudem wird laut Steinle ein Mix aus unterschiedlichen Verkehrsmitteln, die nahtlos ineinandergreifen, eine wichtige Rolle spielen. Das heißt, der Städter steige beispielsweise vom Fahrrad in die Bahn und anschließend ins Elektroauto. Berlin hat bereits im vergangenen Sommer mit einer Mobilitätskarte experimentiert, mit der öffentliche Verkehrsmittel wie Bus und Bahn ebenso genutzt werden können wie Carsharing-Autos und Leihfahrräder – alles mit einem Ticket. Im Herbst, spätestens im Winter, soll die Karte für alle Nutzer verfügbar sein, hofft der Leiter des vom Bund geförderten Projektes BeMobility, Frank Wolter. Damit könnte Berlin in Sachen moderne Mobilitätslösungen Vorbild für andere deutsche Städte werden. (dapd)
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