Aktuelle Nachrichten – Welt
03.06.2008
Frankfurt/Rom – Gegen den Markt sind sie machtlos: Papst Benedikt XVI., UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und Hilfsorganisationen – sie alle beklagen eine weltweite Hungerkrise wegen der stark gestiegenen Lebensmittelpreise. Doch die Weltbank und die deutsche Welthungerhilfe sprechen auch von einer Chance. Jahrzehntelang wurde die Förderung der Landwirtschaft in Entwicklungsländern vernachlässigt. „Wir brauchen jetzt eine Agrarwende“, forderte Hans-Joachim Preuß, Generalsekretär der Welthungerhilfe.
„Nach vielen Worten müssen nun endlich Taten folgen, um die globale Hungerkrise zu bewältigen“, sagte Preuß mit Blick auf den FAO-Gipfel in Rom. Die Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) müsse einen deutlichen Politikwechsel zugunsten der Landwirtschaft und Ernährungssicherung in den Entwicklungsländern einleiten. „Sonst treffen wir uns eben in zwei Jahren wieder“, sagte Simone Pott, Sprecherin der Welthungerhilfe, am Dienstag der Nachrichtenagentur AP.
Das dreitägige Gipfeltreffen der 40 Staats- und Regierungschefs und Delegationen aus den 191 FAO-Mitgliedsländern kann die Lage nicht über Nacht ändern. „Ich würde sagen, es waren drei Jahrzehnte der Vernachlässigung“, räumte auch der stellvertretende FAO-Generaldirektor Jim Butler ein. Die Produktivität der Bauern in Entwicklungsländern ist schlecht geblieben: In vielen Staaten beträgt sie pro Hektar nur ein Zehntel des Ertrags europäischer Landwirte. Sie brauchen besseres Saatgut, Dünger, Bewässerungssysteme – aber auch so banale Dinge wie Straßen, um ihre Erzeugnisse zu den Märkten bringen zu können.
Vor 25 Jahren gingen noch 17 Prozent der Entwicklungshilfe der OECD-Staaten in Projekte zur Förderung der Landwirtschaft. Inzwischen sind es der Welthungerhilfe zufolge nur noch 3,5 Prozent – und das obwohl rund 80 Prozent der Menschen in Entwicklungsländern von ihrem Land leben. „Die Landwirtschaft spielte lange überhaupt keine Rolle“, erklärte Pott. Die Hungerkrise verschafft den Bauern in Entwicklungsländern erstmals wieder Aufmerksamkeit und Chancen. Zu den höheren Preisen können auch sie konkurrenzfähig produzieren.
„Die gestiegenen Preise sind aber ein Drama für alle, die zu wenig Geld haben für Nahrungsmittel“, sagte Pott. Die Preisexplosion könnte bis zu 100 Millionen Menschen mehr in Armut und Hunger drängen, doch es handelt sich dabei um eine schleichende, unsichtbare Seuche. Tausende sterben jedes Jahr weltweit an Hunger und den durch Unternährung ausgelösten Krankheiten.
„Es ist ein Skandal der Menschheitsgeschichte, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts immer noch 850 Millionen Menschen unter Hunger und Unterernährung leiden“, sagte Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul zu Beginn der Konferenz in Rom. Die zur Jahrtausendwende feierlich verabschiedeten Millenniumsziele der Vereinten Nationen, vor allem die Halbierung der Zahl der hungerleidenden Menschen bis 2015 – scheinen in weite Ferne gerückt.
Im Kampf gegen den Hunger hat die Weltbank den betroffenen Staaten zuletzt ein zusätzliches Kreditvolumen in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar (770 Millionen Euro) zur Verfügung gestellt. Auch die UN haben zusätzlich eine Milliarde Dollar (620 Millionen Euro) Nothilfe bereitgestellt. „Wichtig ist, dass die Weltbank erkannt hat, dass Investitionen in die Landwirtschaft nötig sind“, sagte Pott. Entscheidend sei jedoch, wie schnell die Pläne umgesetzt würden und dass Geld bei den Bauern ankomme.
In vielen afrikanischen Staaten hapert es bei der Umsetzung. Die Welthungerhilfe betreibt auch Projekte in Simbabwe, dessen autokratischer Präsident Robert Mugabe überraschend auch nach Rom gereist ist. Die Arbeit der Hilfsorganisation vor Ort sei ein „Alptraum“, sagte Pott.
Die Lebensmittelpreise sind in den vergangenen drei Jahren laut Weltbank um 83 Prozent gestiegen. Noch höher war die Teuerung bei einzelnen Grundnahrungsmitteln wie Weizen und Reis. Davon sind die ärmsten Bevölkerungsschichten am stärksten betroffen, denn sie geben bis zu 60 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Lebensmittel aus. In mehreren Ländern wie Ägypten, Mexiko oder Haiti ist es wegen der explodierenden Preise für Reis, Mais und andere Grundnahrungsmittel schon zu Unruhen gekommen.
Die Preisexplosion hat dabei viele Gründe: Die zunehmende Verwendung landwirtschaftlicher Rohstoffe zur Produktion von Biosprit, eine wachsende Nachfrage, gestiegene Ölpreise, geringere Investitionen in die Landwirtschaft, Subventionen und Handelshemmnisse sowie Spekulanten und schlechtes Wetter. Es gibt keinen einfachen Sündenbock.
Die Staats- und Regierungschefs sollten sich in Rom aber nicht damit begnügen, hier oder da eine Milliarde Euro Nothilfe freizugeben, auch wenn sich langfristige Investitionspläne medial schlechter als Erfolge verkaufen ließen. „Nur Notprogramme bringen langfristig überhaupt nichts“, sagte Pott. (AP)