Kultur – Im Schatzhaus der deutschen Klassik – Jochen Wiesigel
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Im Schatzhaus der deutschen Klassik

Jochen Wiesigel

19.12.2007

Weimar – Das Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar ist zwar weniger bekannt als die Herzogin Anna Amalia Bibliothek, die nach dem Brand in alter Schönheit neu erstrahlt. Doch es könnte bald in ähnlicher Weise eine enorme Strahlkraft entfalten. Denn hier schlägt das unsterbliche Herz der deutschen Klassik: In dem ältesten deutschen Literaturarchiv werden die Nachlässe der bedeutendsten Dichter des Landes aufbewahrt.

Insgesamt 122 persönliche Nachlässe lagern in diesem Schatzhaus, angefangen von Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Christoph Martin Wieland, Johann Gottfried Herder über Ludwig Achim und Bettina von Arnim bis zu Georg Büchner, Franz Liszt oder Friedrich Nietzsche; in der umfangreichen Autographensammlung sind rund 3.000 Autoren, Philosophen, Maler und Musiker vertreten.

Der von Goethe noch selbst geordnete Nachlass, der zum UNESCO-Weltgedächtnis der Menschheit gehört, umfasst etwa 90 Prozent aller seiner Manuskripte. Wer die Ausstrahlung spüren kann, die von einem Blatt ausgeht, das der Dichter mit eigener Hand beschrieb, wird auch ermessen können, dass es sich hierbei um unersetzliches, in keine Währung der Welt umzurechnendes Kulturgut handelt. Was hier lagert, hat Weimar überhaupt erst zu Glanz und Weltgeltung verholfen.

„Wir sollten den derzeitigen Rückenwind nutzen, um neben der Anna Amalia Bibliothek einen weiteren Leuchtturm zu setzen und nicht nur die Bücher, sondern auch die Handschriften ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken“, sagt Bernhard Fischer im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP. Der Germanist aus Marbach, der seit September neuer Archivdirektor ist, will das Archiv ins 21. Jahrhundert führen. Dazu gehört eine zeitgemäße konservatorische Unterbringung der Autografen ebenso wie eine stärkere Öffnung der Einrichtung nach außen. Mit einer Verschönerung der Fassade und anderen kosmetischen Korrekturen könne dieses Ziel nicht erreicht werden, betont Fischer. „Das Haus muss grundlegend saniert werden.“

Magazin-Anbau denkbare Lösung

Auf seinem Schreibtisch liegen alte Baupläne. Das prunkvolle neoklassizistische Gebäude war 1893 von der Großherzogin Sophie als Schatzhaus gebaut worden und ist seitdem nicht grundlegend saniert worden. Die kostbaren Handschriften und Bücher lagerten in Schränken, in Tisch- und Pultvitrinen des Mittelsaales an der Westseite.

Noch bis 1968 bestand dieses Schaumagazin, wie Fischer erläutert. Erst danach zogen die Schätze in das Erdgeschoss des Hauses. In zwei niedrigen Räumen lagern die Autografen seitdem in Kartons auf Stahlregalen. Da die Auflage aber viel zu kurz ist, neigen sich die Kartons zu beiden Seiten der Stütze.

Ebenso wenig ist die Klimatechnik auf dem neuesten Stand, noch gibt es ausreichend Platz, so dass ein Magazin-Anbau wohl die beste, vielleicht sogar die kostengünstigste Variante wäre. Ein mit dem Haus unterirdisch verbundenes Magazin müsse aber so angelegt werden, dass es das denkmalgeschützte Gebäude optisch nicht beeinträchtigen dürfe, sagt Fischer. Er will in dieser Frage nicht den Architekten vorgreifen, doch für ihn kommt nur eine Unterbringung der Handschriften unter optimalen Bedingungen in Betracht.

Bei einer Besichtigung des Kellergeschosses zeigt sich, dass durch die rund einen Meter starken, aber nach außen, wie damals üblich, nicht abgeschirmten Mauern aufsteigende Feuchtigkeit dringt. Der Salpeter lässt den Putz von den Wänden bröckeln.

Eine gründliche Analyse, wie viele der Papiere bereits durch Tintenfraß geschädigt sind, kann der neue Direktor noch nicht liefern. Die damals benutzte Eisengallustinte reagiert bei bestimmter Luftfeuchtigkeit im Lauf der Zeit mit dem Papier, wodurch sich allmählich die Papierfasern auflösen. (AP)

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