Aktuelle Nachrichten Europa – In Europa gedeiht die Selbstzensur – Alessandra Rizzo
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Aktuelle Nachrichten – Europa

In Europa gedeiht die Selbstzensur

Alessandra Rizzo

16.11.2006

Die Deutsche Oper Berlin. Als im September der «Idomeneo» vom Spielplan genommen wurde, warnte Bundeskanzlerin Angela Merkel davor, aus Angst Selbstzensur zu üben. Nun kommt die Oper im Dezember doch auf die Bühne. Ein Sieg für die Freiheit?  (AP Photo/Markus Schreiber)
Die Deutsche Oper Berlin. Als im September der «Idomeneo» vom Spielplan genommen wurde, warnte Bundeskanzlerin Angela Merkel davor, aus Angst Selbstzensur zu üben. Nun kommt die Oper im Dezember doch auf die Bühne. Ein Sieg für die Freiheit? (AP Photo/Markus Schreiber)

Rom - Es ist gar nicht so lange her, dass sich Karikaturisten und Kabarettisten kaum Gedanken über die Kunstfreiheit machen mussten. Religionskritische Beiträge waren für sie ebenso selbstverständlich wie Kritik an der Regierung. Heute jedoch sorgen in Europa immer häufiger Fälle von Selbstzensur für Unmut. Denn seit 2005 ist alles anders.

Damals spaltete der Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen die Gemüter. Mit den heftigen Reaktionen von Muslimen in aller Welt hatte niemand gerechnet. Doch dieser Aufschrei sollte nicht der einzige bleiben. Als Papst Benedikt XVI. im September in Regensburg den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaiologos mit einer Äußerung über den Islam zitierte, reagierten Muslime mit Empörung. Diese und andere Vorfälle haben dazu geführt, dass in Europa derzeit heftig darüber diskutiert wird, was es eigentlich heißt, sich anderen Religionen gegenüber tolerant zu verhalten. Darf man nun überhaupt keine Kritik mehr an Andersgläubigen üben? Wo enden Kunst und Ironie und wo beginnt die Beleidigung?

Die Debatte konzentriert sich vor allem auf den Islam. Die heftigen Reaktionen der islamischen Minderheiten in Europa auf von ihnen als Beleidigung empfundene Vorgänge haben Angst ausgelöst. Unter dieser Voraussetzung gedeiht die Selbstzensur. Kulturelle Veranstaltungen werden abgesagt oder entschärft. In Berlin war zeitweise eine Inszenierung von Mozarts Oper «Idomeneo» vom Spielplan genommen, weil in einer Szene der Kopf des Propheten Mohammed zur Schau gestellt wird. In Spanien haben Dörfer auf Bräuche verzichtet, die seit Jahrhunderten existieren, weil dabei traditionell der Kopf einer Mohammed-Puppe mit Feuerwerkskörpern in die Luft gesprengt wird. Dies sind nur zwei von unzähligen Beispielen für die derzeit in Europa praktizierte Selbstzensur. Es sei verständlich, dass Muslime sich durch derartige Handlungen verletzt fühlen, sagen die einen. Andere schütteln angesichts der neuen Sensibilität verständnislos den Kopf.

Einschränkung der eigenen Freiheit?

Doch ist es überhaupt mit dem Recht auf Kunstfreiheit vereinbar, Veranstaltungen aus Angst vor negativen Reaktionen abzusagen? Manche Beobachter sind der Ansicht, dass die Europäer viel zu vorsichtig geworden sind und so selbst die Grundfeste ihrer Gesellschaft erschüttern. «Wir machen uns selbst etwas vor, wenn wir glauben, dass wir unsere Freiheit nicht beschneiden», sagt einer der führenden italienischen Politikwissenschafter, Angelo Panebianco.

Ist es aber richtig, Leben aufs Spiel zu setzen, nur um die freie Meinungsäußerung zu bewahren? Die Herausgeber der dänischen Karikaturen merken dazu an, dass Provokation ein wirksames politisches Werkzeug sei, um das Recht auf Freiheit geltend zu machen. Der französische Philosoph Bernard-Henry Levy glaubt jedoch, dass es gefährlich und unaufrichtig ist, die Macht von Wörtern zu unterschätzen. «Wörter sind nicht harmlos», sagte er der Zeitung «Corriere della Sera». «Sprache ist nicht neutral. Sie ist voll von Bedeutung und Gewalt.»

Doch was heißt dies nun für den Alltag? Wie man sich verhalten sollte, ist vielfach umstritten - Verunsicherung macht sich breit. Als im September der «Idomeneo» vom Spielplan genommen wurde, warnte Bundeskanzlerin Angela Merkel davor, aus Angst Selbstzensur zu üben. Nun kommt die Oper im Dezember doch auf die Bühne. Ein Sieg für die Freiheit?

(AP)

 

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