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Erfurt – Einst galt er hierzulande als ausgestorben und auch heute bekommt man ihn nicht allzu oft zu Gesicht. Dennoch ist der Schwarzstorch in Thüringen wieder so weit verbreitet, dass er mittlerweile seinen weißgefiederten Artgenossen überholt hat. Zumindest was die Anzahl der Brutpaare betrifft. Denn trotz seiner äußerst erfolgreichen Rückkehr in die heimischen Wälder ist der scheue Großvogel in der Bevölkerung noch recht unbekannt, wie der Leiter der Staatlichen Vogelschutzwarte Seebach, Stefan Jaehne, immer wieder feststellt.
Viele wüssten gar nicht, dass es noch andere Storch-Arten als den "normalen" Storch gebe, sagt er. Lange war das hierzulande auch der Fall. Erst in den vergangenen 20 Jahren sind Schwarzstörche wieder vermehrt in Thüringen anzutreffen. Die erneute Ansiedlung der Störche war so erfolgreich, dass es heute im Freistaat sogar mehr Schwarzstörche als Weißstörche gibt. Im Jahr 2011 zählte die Vogelschutzwarte Seebach 45 Schwarzstorch-Brutpaare, während im gleichen Zeitraum nur 30 Weißstorch-Paare hierzulande brüteten.
Thüringen bietet idealen Lebensraum
Ein Grund dafür ist, dass der Schwarzstorch in Thüringen ideale Bedingungen vorfindet. "Der Schwarzstorch braucht ungestörte Wälder mit altem Baumbestand zum Brüten und Flussläufe zur Nahrungssuche", sagt Jaehne. "Mittelgebirge mit Fließgewässern sind sein bevorzugter Lebensraum und den findet er hier vielerorts." So seien die Brutpaare auch entlang der Mittelgebirge entdeckt worden - von der Rhön bis zum Schiefergebirge, vom Thüringer Wald bis zum Südharz.
Die Erfolgsgeschichte des Schwarzstorchs im Freistaat belegen auch die aktuellen Beringungszahlen des Vereins Thüringer Ornithologen. Demnach konnten in den vergangenen Monaten insgesamt 24 junge Schwarzstörche in ganz Thüringen beringt werden. Allein neun davon im Landkreis Sonneberg, fünf im Landkreis Hildburghausen, drei im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt und vier im Eichsfeld.
Das Beringen der Jungvögel ist keine Selbstverständlichkeit, denn Schwarzstörche schätzen die Nähe des Menschen nicht besonders und reagieren aggressiv, wenn sich jemand ihrem Horst nähert. "Das liegt in ihrer Natur. Sie müssen sich nun einmal gegen Feinde im Wald verteidigen", sagt Carsten Rohde aus eigener Erfahrung. Er betreibt ein deutschlandweites Schwarzstorch-Beringungsprojekt, das ihn seit vier Jahren auch nach Thüringen führt. Insgesamt 75 junge Schwarzstörche hat er seitdem im Freistaat beringt.
Schwarzstorch erobert Land zurück
Thüringen gehört mit seinem Schwarzstorch-Bestand, der sich bei rund 50 Brutpaaren eingepegelt hat, zur Spitze in Deutschland. Für so ein kleines Bundesland sei das beachtlich, sagt Carsten Rohde. Denn die Großvögel brauchen Platz, ihre Reviere sind bis zu 100 Quadratkilometer groß. Da der Lebensraum der Vögel in Thüringen flächenmäßig begrenzt ist, gilt er schon als dicht besiedelt. Zumal wahrscheinlich noch nicht einmal alle Brutpaare erfasst sind.
Besonders erfreulich ist die Dichte an Schwarzstörchen auch, da die Tiere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Fischräuber bejagt wurden und schließlich im Freistaat als ausgestorben galten. Erst seit Ende der 1980er Jahre steigen die Bestände wieder und haben sich inzwischen stabilisiert. Klaus Lieder, Vorsitzender des Fachausschusses Ornithologie des NABU-Landesverbands Thüringen, führt die Rückkehr des Großvogels vor allem auf den konsequenten Schutz der Art zurück.
"Lange waren die Lebensräume für den Schwarzstorch in Thüringen nicht vorhanden, da die Bäche und Flüsse so verunreinigt waren", sagt er. Die gestiegene Wasserqualität komme den Großvögeln nun zugute. Auch von den Forstleuten werde mehr Rücksicht genommen. Dennoch fordert der NABU, dass mehr Wald in Thüringen aus der Nutzung genommen wird. Denn der Großvogel reagiert empfindlich auf Störungen. Zudem sind nur große, alte Bäume in der Lage, den zum Teil über Jahre aufgehäuften und somit schweren Horst der Schwarzstörche zu tragen.
Die wieder zahlreiche Verbreitung der Großvögel in Thüringen ist schließlich auch für den Naturschutz ein gutes Zeichen. Schwarzstörche gelten als Tiere, in deren Nähe sich andere gefährdete Arten ansiedeln. Sie selbst konnten von der Roten Liste 2012 gestrichen werden - in Thüringen und deutschlandweit. Dennoch: "Er bleibt eine seltene Vogelart und wir werden weiterhin ein Auge auf ihn haben", sagt Vogelschützer Jaehne. "In Thüringen gibt es wenige Großvögel. Wenn einer wiederkehrt, ist das eine große Bereicherung."
dapd
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