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12.09.2010
Foto: Privat
Die blonde Frau im Frühstücksraum eines Frankfurter Hotels hat sanfte Lachfalten um die Augen und einen entschlossenen Gesichtsausdruck. Ines Geipel, 49 Jahre, Schriftstellerin und Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst in Berlin, ist auf der Durchreise. „Einmischung" ist ein zentrales Thema ihres Lebens, und sie hat sich die Zeit genommen, darüber zu sprechen.
Ihr Elternhaus in der DDR war überzeugt kommunistisch, der Vater Spion in Diensten von Erich Mielke. Das Schweigen in der eigenen Familie hat ihr fast die Luft genommen. Ihr inneres Aufbäumen dagegen indes rettete ihr Leben und Lebendigkeit. „Ich war als Kind und Heranwachsende sprachlos und gehörte zur ‚Generation der Stotterer' in der DDR".
Mit siebzehn begann sie als Sprinterin mit dem Leistungssport und wurde vom ersten Tag an in das System des organisierten Dopings der DDR einbezogen. 1984 stellte sie einen Weltrekord in der Staffel über 4 x 100 Meter auf, der noch heute gilt. Im selben Jahr sollte sie an den Olympischen Spielen in Los Angeles teilnehmen - doch der damalige „Ostblock" boykottierte die Spiele, Ines Geipel blieb zu Hause. Ihr Plan, von den Olympischen Spielen aus zu fliehen, fiel somit ins Wasser. 1985 wurde sie wegen „politischer Unzuverlässigkeit" vom Leistungssport ausgeschlossen. Dieser Rausschmiss hat sie eher beflügelt. Hier beginnt ihre Geschichte des sich Einmischens.
Ines Geipel studierte in Jena Germanistik. 1989 nach dem Blutbad auf dem „Platz des Himmlischen Friedens" in Peking klebte sie mit einer Kommilitonin Plakate in der Jenaer Universität: „Solidarität und Trauer", stand da drauf. Das gab Ärger und Tribunale, doch ihre Haltung war eindeutig: „Wenn wir jetzt nichts tun, sind wir genauso tot wie die ermordeten Studenten in Peking." Im Sommer 1989 floh sie aus der DDR und begann in Darmstadt ein Studium der Philosophie. Ab 1996 veröffentlichte sie Bücher über nervöse gesellschaftliche Themen: Doping, Jugendgewalt, unveröffentlichte Literatur in der DDR. Im Jahr 2000 trat sie als Nebenklägerin im Berliner Hauptprozess um das DDR-Zwangsdoping auf und gab 2005 öffentlichkeitswirksam ihren Weltrekord zurück.
„Ich gehe nur dann Risiken ein, wenn ich hinreichend recherchiert habe und das Gefühl habe zu wissen, wovon ich rede." Sie lehnt es ab, Risiken auf anderer Menschen Rücken zu bürden. In diesen Tagen erscheint ihr neues Buch mit dem Titel „Seelenriss. Depression und Leistungsdruck". Es bewegt sich an der Nahtstelle zwischen Einzelschicksal und Psychohistorie. Das Buch beginnt im Sport, einem Metier, in dem sich Ines Geipel auskennt. Etwa gibt es ein direktes Verhältnis zwischen Depression und Doping, sagt sie. Allein die DDR hinterließ rund 15.000 Kinder und Jugendliche, deren Leben durch Zwangsdoping zerstört wurde. Insbesondere die Schäden der Seelen wirken bis heute nach. Viele ehemalige Athleten sind suchtkrank, depressiv oder auch völlig ausgebrannt. „Vielleicht hätten wir uns wehren können, wenn wir gewusst hätten, was diese Pillen waren! Wir hatten ein schlechtes Gefühl dabei, aber wenn wir nachgefragt haben, kam gebetsmühlenartig, dass doch nur das Beste für uns gemacht würde. Jetzt, wo das Zwangsdopingsystem der DDR aufgeklärt ist, geht es noch immer um konkretes Wissen für die Athleten. Viele haben bisher nicht einmal die Kraft gehabt, ihre Akten gelesen. Wir müssen uns durch diesen ganzen zähen Dreck durchkämpfen."
Vom Westen war Ines Geipel nach der Wende schnell desillusioniert: „Das war im Bereich des Sports nur der Übergang vom Zwangssystem zum Systemzwang." Sie erläutert das am Beispiel der Pharmaindustrie im Westen. Diese und die DDR hatten spätestens ab Mitte der achtziger Jahre eine intensive Allianz. Heute erfänden die Pharmagiganten immer raffiniertere Methoden, um Sportler zu dopen. „Aber bis heute sind nicht einmal diese Ost-West-Seilschaften aufgeklärt."
Sie hat am eigenen Leib erlebt, wie es denjenigen geht, die zu neugierig sind. Nach Radiointerviews gibt es des Öfteren konzertierte Leserbrief- und Drohaktionen. Mehrfach schon wurde sie in Berlin-Kreuzberg, wo sie wohnt, körperlich attackiert. „Klar", sagt sie, „die Alte Ost-Garde will von ihrer Siegerpose nicht lassen, ihre Auftritte werden immer dreister. Sie beanspruchen Eingang in die deutsche Geschichtsschreibung und müssen entsprechend ihre Verantwortung in der Diktatur bagatellisieren." Sie betont, dass man sich beim Einmischen immer klügere Strategien ausdenken müsse. Die schiere Moral bringe kaum weiter. Politisch anders unterwegs sein, heißt, sich neue Räume zu eröffnen. Sie habe sich „im Westen" daran gewöhnen müssen, dass die Einmischungen kaum Wirkung zeigten, obwohl man nach dem Fall des Eisernen Vorhangs alles öffentlich sagen könne. In der DDR dagegen konnte man auf die Wirkung nach einem Dissidentenprotest geradezu warten.
Eines der Themen, das sie seit Jahren verfolgt, ist die zunehmende Jugendgewalt. Vor allem mit ihrem intensiv diskutierten Buch zum Erfurter Amoklauf 2002 „Für heute reicht`s" hat sie die unterschiedlichsten Erfahrungen machen dürfen. Heute würde sie sich eher davor hüten, die Waffenlobby frontal anzugreifen. Das bringe nicht viel. „Man kann vielleicht mehr erreichen, wenn man an die Jungs herankommt, die an den Schulen in dieser Amok-Dynamik stecken. Mit ihnen zu reden ist nicht leicht, aber doch möglich. Bei der Waffenlobby ist jedes Wort vergebens."
Die Jungs an den Schulen haben ein Problem, das man vielleicht verändern könne. Ein immer größerer Teil von ihnen radikalisiere sich, werde zur Zeitbombe, signalisiere die eigene Ausweglosigkeit und werde zum „Vorbild" für andere. „Aber dieses Gefühl der Ohnmacht, diese Stille bei den Jungen. Unglaublich! Eigentlich wissen sie, dass sie auf einem Irrweg sind. Aber sie finden nichts, was sie in der Welt hält. Warum also schweigen? Still zu halten wäre da in jedem Fall viel schmerzhafter als sich einzumischen!"
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