Aktuelle Nachrichten – Deutschland
10.02.2010
Foto: Matthias Rietschel/AP Foto
München/Mittenwald (apn) Die entwürdigenden Aufnahmerituale bei Gebirgsjägern in Mittenwald beschäftigen jetzt auch die Justiz. Die Staatsanwaltschaft München II prüfte am Mittwoch, ob es sich um strafrechtlich relevante Vergehen handelte. Nach internen Ermittlungen der Bundeswehr gab es bereits seit Ende der 80er Jahre zunächst relativ harmlose Initiationsrituale, die sich offenbar zu einer „exzessiven Geschichte“ entwickelt hätten, wie der Sprecher der zehnten Panzerdivision in Sigmaringen, Peter Wozniak, dem DAPD sagte.
Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der selbst in Mittenwald gedient hat, bekam nach eigenen Angaben während seiner Dienstzeit nichts von Misshandlungen an Wehrpflichtigen mit, wie er der „Sächsischen Zeitung“ sagte: „Ich hatte von solchen Praktiken keine Kenntnis“, wurde der CSU-Politiker zitiert. Er sei aber auch nicht beim Hochgebirgsjägerzug gewesen. Ebenso wie der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, und die sicherheitspolitische Sprecherin der FDP, Elke Hoff, forderte er schnelle Aufklärung und Konsequenzen.
Nach einer beim Wehrbeauftragten des Bundestags, Reinhold Robbe, eingegangenen Beschwerde mussten Wehrdienstleistende in Mittenwald bis zum Erbrechen Alkohol trinken und rohe Schweineleber, Rollmöpse und Frischhefe essen, um in einer internen Hierarchie mit dem Namen „der Hochzugkult“ aufzusteigen.
Zu Details der Rituale gebe es noch keine Erkenntnisse, sagte Presseoffizier Wozniak. Sie seien aber außerhalb der Dienstzeit und meist auch außerhalb der Kaserne abgelaufen. Zudem seien keine Offiziere anwesend gewesen, betonte er. Die Vorfälle beschränkten sich nach seinen Angaben auf den Hochgebirgsjägerzug, eine Einheit mit rund 20 Mann, die auf den Einsatz im Hochgebirge spezialisiert ist.
Dazu, wie weit Offiziere von den Vorfällen wussten, gibt es unterschiedliche Angaben. Laut Beschwerde waren die Vorgesetzen über alles informiert, schritten aber nicht ein. Wozniak sagte dagegen, die Vorgesetzten hätten von dem Vorfall vom Juni 2009 keine Kenntnis gehabt. Allerdings gebe es Hinweise, dass früher Vorgesetzte von Ritualen Kenntnis gehabt hätten.
Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, Kirsch, sagte im Sender N24: „Eins ist klar, es muss hier ganz deutlich und auch mit aller Konsequenz gehandelt werden. Wenn sich das alles so bestätigt, wie es sich heute darstellt, dann müssen die zur Rechenschaft gezogen werden, die das gemacht haben, und auch diejenigen, die weggeschaut haben.“
Auch die sicherheitspolitische Sprecherin der FDP, Elke Hoff, forderte rasche Aufklärung. „Solche Rituale haben in unserer Bundeswehr mit dem Leitbild der Inneren Führung keinen Platz. Entwürdigende Behandlungen dürfen nicht geduldet werden“, erklärte sie. „Deshalb ist auch die Rolle der Vorgesetzten zu überprüfen.“
Vor sechs Jahren hatte der Bundeswehr-Skandal von Coesfeld für große öffentliche Empörung gesorgt. Im Sommer 2004 hatten Ausbilder insgesamt 163 Rekruten bei simulierten Geiselnahmen gequält und gedemütigt. Was genau geschah, ist wegen des Schweigens der mutmaßlichen Täter noch immer nicht ganz geklärt. Auch die strafrechtliche Aufarbeitung ist noch nicht abgeschlossen.
Im letzten Jahresbericht des Wehrbeauftragten des Bundestags kritisiert dieser „gravierende Fehlverhaltensweisen“, die mangelnde Dienstaufsicht deutlich machten. „Auffällig waren im Berichtsjahr erneut Ausbildungseinheiten. Ein unangemessener Umgangston, überzogene Härte sowie unqualifizierte und rücksichtslose Vorgesetzte vermittelten den Rekruten ein negatives Bild von den Streitkräften“, schrieb er in dem im März 2009 vorgelegten Bericht. (AP)