Frankfurt/Main – Auf Essen verzichten und damit glücklich werden – funktioniert das? Ja, meinen Experten – schließlich diene Fasten nicht nur dem körperlichen Wohlbefinden, sondern vor allem der Seele.
Schon Hippokrates empfahl: „Wer stark, gesund und jung bleiben will, sei mäßig, übe den Körper, atme reine Luft und heile sein Weh eher durch Fasten als durch Medikamente.“ Fasten ist also nicht Neues, sondern eine Rückbesinnung auf uralte Erkenntnisse – schließlich lebte der alte Grieche vor fast zweieinhalbtausend Jahren.
„Früher war vielen Menschen klar, dass man das Essen für eine Weile reduzieren sollte, wenn man sich unwohl fühlte. Die Tiere machten es ja vor“, sagt Roland Possin, Ernährungswissenschaftler und Buchautor, “Fasten für Körper und Seele“, Haug-Verlag. In der Überflussgesellschaft sei das Wissen um den Wert des Fastens dann aber in den Hintergrund geraten – bis zur aktuellen Wiederentdeckung.
Heute sind viele Fastende Hippokrates sogar einen entscheidenden Schritt voraus: „Sie haben erkannt, dass sie ihrem Körper und auch ihrer Seele etwas Gutes tun müssen“, betont Possin, beklagt aber, dass sich zu viele im Alltag zu oft zurückstellten: „Wie oft putzen wir in unserer knappen Freizeit eher die Wohnung oder waschen das Auto, als dass wir uns um uns selbst kümmern?“
Sich um sich selbst kümmern – nicht jeder verbindet damit die Vorstellung, Tage oder gar Wochen streng auf Fettiges, Süßes und Alkohol zu verzichten – zugunsten von ungezuckerten Säften und schwach gesalzenen Süppchen. „Schaffen kann das jeder Gesunde“, meint Götz Fabry, Medizinpsychologe von der Uni Freiburg. Durchstehen werde dies aber nur, wer auch vom Sinn des Fastens überzeugt sei.
Schon der Beginn einer strengen Fastenwoche ist alles andere als angenehm: Wer Darmentleerungen mit Hilfe von Sauerkrautsaft oder gar Einläufen über sich ergehen lässt, muss schon wirklich wollen. Doch ein fester Vorsatz allein wird kaum reichen: „Man muss sich auch klar darüber werden, wie man mit Verlockungen umgehen will“, betont Fabry. Wer sich keine Strategie zurechtlege, um Ess-Tabus auch wirklich zu umschiffen, werde scheitern.
Andererseits sollte man sich strenges Fasten auch nicht als Martyrium vorstellen: „Es ist keine Quälerei“, betont Possin. Bei sachkundigem Fasten lasse das Hungergefühl oft schon ab dem zweiten Tag nach. Und es mache einem anderen, sehr schönen Gefühl Platz: „Einige Fastende sehen innerlich die Sonne aufgehen“, berichtet er. Farben und Gerüche würden mit einem Mal intensiver, der Geschmack vielseitiger. „Das kann zu einer tiefen Entspannung und einem intensives Glücksgefühl führen.“
„Die psychologische Dimension ist beim Fasten eindeutig wichtiger als die körperliche“, meint Medizinpsychologe Fabry. Den meisten Fastenden gehe es darum, körperliche Bedürfnisse hinter sich zu lassen. Und sich – wenn auch nur für kurze Zeit – über die Natur zu erheben: „Indem sie das Fasten durchhalten, wollen sie sich beweisen, wie stark ihr Wille ist.“
Andere hofften auch darauf, alles Belastende, ja Schmutzige loswerden zu können. „Innere Reinigung“ nennt Fabry den Vorgang, der aber nur im Kopf stattfinde. Denn die moderne Vorstellung, dass Fasten den Körper „entschlacke“, entbehre jeder medizinischen Grundlage: „Es gibt überhaupt keine Schlacke, die man loswerden könnte“, sagt Fabry.
In den allermeisten Fällen diene das Fasten psychologischen und/oder religiösen Zwecken: „Man fastet für Kopf und Gewissen“, sagt er. Für Menschen, die ihren Genuss von Schnitzel oder Wein als Sünde empfänden, könne eine Fastenwoche durchaus die Funktion einer Beichte haben: „Das ist wie beim mittelalterlichen Ablasshandel. Man zahlt einen Preis, um mit sich selbst wieder ins Reine zu kommen.“
Auch die Glücksmomente, von denen Fastende berichten, lassen sich Fabry zufolge zumindest teilweise psychologisch erklären: „So, wie ein Hochleistungssportler sich an seinen Leistungen berauscht, berauscht sich ein Fastender an seiner Fähigkeit zum Verzicht.“
Zudem lässt Fasten bestimmte Prozesse im Gehirn anders ablaufen: So werden verstärkt stimmungsaufhellende Hormone gebildet, die für Zustände zwischen Wohlbefinden und Euphorie sorgen könnten. Possin berichtet aber auch von Tiefphasen, in denen sich Fastende am liebsten unter einer Decke verkriechen wollen: „Das gehört dazu und ist völlig okay.“
Wer unter akutem Stress stehe, solle mit dem Fasten allerdings gar nicht erst anzufangen: Unbedingt solle man den Körper während des Fastens entlasten, sich mindestens eine Woche frei nehmen und zur Ruhe kommen, etwa bei langen Spaziergängen in der Natur, empfiehlt Possin. „Während der Arbeitszeit sollte man nicht fasten, erst recht nicht, wenn man geistig und körperlich sehr belastet ist.“ Schließlich könne Fasten nicht nur glücklich, sondern auch schlapp machen. (AP)
Kombinierte Hormontherapie erhöht drastisch Brustkrebsrisiko
(12.02.2009)
Alzheimer als dritte Diabetes-Variante
(09.02.2009)
Wasser und geregelte Mahlzeiten gegen Kopfschmerzen
(09.02.2009)
Was beim Fasten zu beachten ist
(05.02.2008)
Fasten: Der freiwillige Hunger nach dem Sinn
(17.03.2006)
Der Darm als das zweite Gehirn
(23.02.2006)